Mit Sog-Potential

Christoph Schmitz-Scholemann

Das Buch hat Sog-Potential, es kann süchtig machen, denn es ist durchkomponiert und die einzelnen Geschichten sind es auch. Der Band versammelt 21 Erzählungen der Weimarer Schriftstellerin Anke Engelmann. Ein schönes Buch mit einem von Roland Berger geschaffenen Linolschnitt auf dem Schutzumschlag, gedruckt in 333 nummerierten Exemplaren. Schon äußerlich etwas für wahre Bücherfreunde.
Die Geschichten handeln von Menschen, liebenden und geliebten, alten und jungen, verzweifelten und gelassenen, traurigen und kranken. Jede der auftretenden Personen wird kenntlich durch die spezielle Lebenslage, in der wir sie antreffen, ob im Auto, bei der Arbeit oder beim Tanzen. Da ist eine Frau, der ein Bein amputiert wird und die dann mithilfe eines Pflegers doch den Walzer zurück ins Leben wagt (»Prinzessin auf der Erbse«). Da ist ein Mädchen, das von seinen Eltern zum Sonntagsspaziergang gezwungen wird (»Eins, zwei, drei, vier Eckstein«). Oder die Frau, die im Schlafsaal einer DDR-Wochenkrippe putzt und dabei – entgegen der Anweisung – weinende Kinder tröstet (»Frau Woche«). Die weibliche Perspektive ist vorherrschend, ohne dass man sich als männlicher Leser ausgeschlossen fühlt.
Die Geschichten haben alle einen konkreten zeitlich und räumlich eingegrenzten Ort. Es sind keine Begebenheiten, die sich überall zutragen könnten. Die Außenwelt taucht nicht als Metaphernarrangement auf, es geht sehr konkret zu, es sind realistisch erzählte Geschichten. Das heißt auch: Es ist nicht immer schön da, wo diese Kurzgeschichten spielen. Die Dingwelt ist widerständig: Sei es in Gestalt eines Handys, der Elektrosäge eines Chirurgen, einer Raucherecke oder eines Druckluftnaglers. Die Orte der Handlungen sind auch politisch bestimmt: Wir befinden uns in Ostdeutschland, teils zu DDR-Zeiten, teils danach. Viele der Personen, von denen das Buch erzählt, sind in irgendeiner Weise von den Wirkungen des DDR-Systems gezeichnet. Zum Beispiel zwei Kinder im Jahre 1970, deren Mutter »zur Klärung eines Sachverhalts« abgeholt wird (»Du musst jetzt mal tot sein«). Die Arbeit eines jungen Menschen im Möbelkombinat (»Tom Waits wohnt nicht am Bitterfelder Weg«). In Anke Engelmanns Geschichten – wie in der Wirklichkeit – ist die DDR nach der »Wende« keineswegs verschwunden. Wohl hat sie als Staat aufgehört zu existieren. Aber das, was an ihr prägend war, wirkt weiter. Manchmal im Alltäglichen, wenn um die Weihnachtszeit 30 Jahre altes Lametta in einem Schuhkarton auftaucht (»Schneealarm«). Manchmal auch im Politischen: Da tritt ein ehemaliger NVA-Offizier auf, der in der Jetztzeit in die rechtsradikale Szene gewechselt ist (»Schenzels Schatten«), vielleicht nur als V-Mann?
Anke Engelmann erzählt die Nöte und Freuden, Erlebnisse und Sehnsüchte ihrer Protagonisten »von innen«. Ihr Hauptaugenmerk gilt den Abdrücken, die das Geschehen im Gefühlsleben der Menschen hinterlässt: Verwirrung, Entsetzen, Schrecken, Schuldgefühle, Zauber, Belustigung, Stolz – also alle möglichen Gefühle, manchmal aber auch nur Sprachlosigkeit: So wenn vom gewaltsamen Tod einer Katze die Rede ist (»Die Katze«) oder von der grässlichen Entdeckung, dass ein naher Mensch offenbar einsam und verzweifelt gestorben ist, und sein verwester Leichnam erst lange Zeit später gefunden wurde (»Drei Assipunkte«).
Es sind beileibe nicht nur die negativ besetzten Gefühlslagen, die in knappen Sätzen, manchmal bis zur Atemlosigkeit verdichtet, zur Sprache kommen. Im Gegenteil: eine Art zugleich abgeklärten, romantischen und doch so liebenswürdig unbeholfenen jugendlichen Übermuts, eine allenfalls leicht melancholisch gefärbte Lebens- und Liebesneugier, gibt den Ton an. Und in »Geschraubt, nicht genagelt« lernen wir ein hochvergnügtes Paar kennen, das sich in der Zeit vor dem Mauerfall auf raffinierte Weise ein ganz schön unterhaltsames Leben zu machen versteht. Margot und Andy berichten in anziehend schnoddrigem Tonfall von ihrer einerseits klandestinen, andererseits ziemlich freien Unternehmerschaft: einer Immobilien-Renovierung für Angehörige der DDR-Oberschicht in Schwarzarbeit.
Kurz: ein abwechslungsreiches und zugleich anspruchsvolles Stück Literatur. Anke Engelmann erweist sich als eine Virtuosin im Genre der Kurzgeschichte. Mit scheinbar leichter Hand und wenigen Worten evoziert sie Bilder und Stimmungen und porträtiert Personen.
Das Wichtigste an diesem Buch ist für mich aber das Vergnügen zu sehen, was gute Literatur kann: Sie öffnet jenen geistig-emotionalen Raum des Menschlichen, den man in keinem Kino und auf keinem Bild der Welt zeigen, den Musik nicht erklingen lassen und Wissenschaft nicht in Zahlen und Begriffen wiedergeben kann, einen Raum, der zwischen Denken und Fühlen liegt, zwischen Bild und Tonfall, zwischen Wort und Ruf und den wir Menschen als einzige Lebewesen bewohnen können – der genuine Raum der Literatur. Anke Engelmann sagt das in der letzten Geschichte ihres Buchs (»Der Bücherfresser«) viel schöner: »Dann öffnet man ein Buch und Worte fallen heraus, beschwören Landschaften, Menschen, Erinnerungen. Das trägt einen wie ein Traum …«

(Rezension im Palmbaum, Literarisches Journal aus Thüringen, Quartus-Verlag Bucha (bei Jena), Heft 1 2022, S. 210-212. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.)

Eiapopeia im Prenzelberg
Erzählungen von Anke Engelmann
Edition Schwarzdruck, Gransee 2021, BWL 27. 127 Seiten, ISBN 978‐3‐96611‐016‐7, 15 Euro

Bibliophile Ausgabe mit einem Linolschnitt von Roland Berger.
333 Stück, jedes Exemplar ist handschriftlich nummeriert.

Rezension von Ulrike Gramann: TA, TLZ, OTZ am 24. Februar 2022

Gruppenbild mit Eisbär

Gesammelte Werke aus fast acht Jahren VHS-Schreibgruppe

Kreatives Schreiben ist offen, ist Spiel und Spaß, setzt auf den Prozess, nicht das Ergebnis. Im besten Fall nimmt es den Schreibenden Hemmungen, unterstützt und stärkt und weckt die Freude, etwas zu erschaffen. Zu welchen literarischen Ergebnissen das führen kann, zeigt die vorliegende Textauswahl aus sieben Jahren Kreatives Schreiben an der VHS Arnstadt-Ilmenau. Beim Lesen klingen hin und wieder Themen an, die die gemeinsame Arbeit der Gruppe unterstreichen, mitunter künden Gedichte von spielerischen Schreibaufgaben. Das Gros der Texte geht jedoch darüber hinaus und zeigt ganz unterschiedliche, eigenständige literarische Stimmen ohne Kitsch und Verklärung. Texte, die nicht nur Lesevergnügen bereiten und zum Nachdenken anregen, sondern auch Lust machen, selbst zu schreiben.

Gruppenbild mit Eisbär vereint gesammelte Werke aus fast acht Jahren Passwort Pegasus - der Schreibgruppe der VHS Arnstadt-Ilmenau. Das Buch kostet 10 Euro und kann direkt im Poesiebüro bestellt werden.

regenruf sos

Puh, diese Hitze! Alle lieben die Sonne, vor allem, wenn sie so richtig backofenheiß brennt. Was, Sie auch nicht? Keinen Bock auf Dauerbrand? Extra für Leute wie Sie und ich: "regenruf", das ultimative Bilderbuch für Hitzehasser, RegenwürmerInnen und Leute mit Sommerallergie.

Theo Hellmund [Devi Danu]: Herz im Kopf

Der Band versammelt Gedichte, Raps, Zeichnungen und Fotos von Theo Hellmund, der sich selbst Devi Danu nannte. Dazu eine CD mit 29 Tracks.

Rezension vom Packpapier-Verlag:

"...Kritisch, kreativ und engagiert, mit klarem Blick für politische und zwischenmenschliche Verlogenheiten, hatte Devi Danu alias Theo Hellmund Schwierigkeiten, zwischen 'echten' und 'falschen' Freunden zu unterscheiden, und es fehlte ihm das Vertrauen, seine Musik als selbst- statt drogengemacht zu erkennen. Wenn Musiker älter werden, merken sie irgendwann mit Verwunderung, dass sie auch 'clean' noch immer Musiker und ungebrochen kreativ sind. Es ist furchtbar schade, dass Theo die Zeit für diese Entdeckung fehlte.

Theo ist kein (ohnehin nur ein dummer Euphemismus) 'Frühvollendeter', seine Raps sind nicht perfekt, wollte er auch nicht, eines seiner Lieblingsworte war 'subversiv' und all die 'coolen', weltbekannten Rapper waren für ihn nichts anderes als musikalischer Gangster-Mainstream, die den Ausverkauf des Underground und Lebensgefühls betrieben. Insofern sah er sich als Punk des Rap, auch wenn er Punks ansonsten eher be'battle'te, weil sie für ihn nur die andere Seite des Kapitalismus und eben auch keinen Neuanfang darstellten ..."

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