Alter Hut und nix darunter: Wie die TA die Linke mobbt

Von ausgewogener Berichterstattung zu den Koalitionsverhandlungen zwischen Linke und SPD und den Grünen kann bei der Thüringer Allgemeinen (TA) keine Rede sein. Mit ihrem Linke-Mobbing verscherzt die Zeitung es sich gerade mit vielen Lesern. Nicht alle davon sind eingeschworene Fans von Linkspartei und Ramelow. Schade, TA!

Also echt: Von ausgewogener Berichterstattung zu den Thüringer Koalitionsverhandlungen zwischen Linke, SPD und den Grünen kann bei der Thüringer Allgemeinen (TA) keine Rede sein. Zum Beispiel der Aufmacher am 4. November auf der Titelseite: "Mehrheit der TA-Leser spricht sich gegen Rot-Rot-Grün aus". Aha, denkt der Leser, schau mal an. Und nur, wer wirklich danach sucht, erfährt ein oder zwei Tage später in einem Textschnipselchen auf den hinteren Seiten, dass die TA die Ergebnisse einer eigenen Umfrage sehr frei interpretierte. Empörte LeserInnen hatten nämlich bemerkt, dass die Redaktion die Zahl der Anrufer (5.800) mit der ihrer Leser (Druckauflage der Zeitungsgruppe, zu der auch OTZ und TLZ gehören: 187.930) gleichgesetzt hatte. Ramelows Verkehrssünden (bekommen die anderen Politiker keine Strafzettel?) oder ein ungeschickt formulierter Twitter-Eintrag: Es scheint, als würde alles, was irgendwie in den Kram passt, auf die Seiten gehoben. So, als der Linken-Abgeordneten Katharina König der Kragen platzte, und sie auf Twitter von "Hetze" sprach. Eine Steilvorlage für die Politik-Redaktion, die ihr genüsslich einen "Nazi-Jargon" bescheinigte. Wohlgemerkt, einer Abgeordneten, die Mitglied im NSU-Ausschuss war und als aktive Antifaschistin bekannt ist. Von einer Zeitung, deren Politik-Redakteur Martin Debes mit einem schwungvollen Federstrich die linke Zeitung "Neues Deutschland" mit der rechtskonservativen "Jungen Freiheit" gleichsetzt - so geschehen in einem Artikel über die AfD vom 31. Oktober 2014. (Leider nicht im Netz gefunden, deshalb hier ein PDF mit dem Auszug aus "Der Lehrer der Nation"). Und nachdem mit der SPD-Abstimmung der Weg für rot-rot-grün geebnet scheint, wird mit Klaus von Dohnanyi ein prominenter SPD-Vertreter hervorgezaubert, der in einem Gastbeitrag vor einem drohenden "wirtschaftlichem und sozialem Stillstand" warnen darf. Dohnanyi? Ex-Bürgermeister von Hamburg? Kernkompetenzen Thüringen und Linkspartei? Und manchmal werden die Vorwürfe noch nicht einmal geprüft. Hauptsache, es schießt jemand gegen links. Immer noch in Erinnerung ist mir die Schlaack-Affäre vor drei Jahren - das war echt der Hammer. Im Juni 2011 veröffentlichte die Zeitung einen Leserbrief, der den heutigen Linke-Fraktionsvorsitzenden im Landtag und Spitzenkandidaten Bodo Ramelow auf sehr persönliche Art diffamierte. Der Autor, der in Erfurt als psychisch krank bekannt ist und zudem ein Stasi-Zuträger übelster Sorte war – Fakten, die mit einer kurzen Google-Recherche schnell zu ermitteln gewesen wären – beschimpfte Ramelow unter anderem als „religiösen Spinner“ und „ideologisch-politische Flachzange“. Als der Politiker sich beim Presserat beschwerte, reagierte Chefredakteur Paul-Josef Raue - nein, nicht mit einer Entschuldigung, sondern mit einer Themenseite. In einem als Analyse deklarierten eigenen Artikel verwies er auf die journalistische Bringpflicht der Zeitung (Zitat: „es interessiert die Leser, wie der Ton in der Linkspartei ist“). Im Übrigen könne die TA nicht bei jedem Briefeschreiber dessen Stasi-Zugehörigkeit prüfen. Abschließend beklagte er, Ramelow habe „unsere Zeitung“ beim Presserat „verklagt“. Raue, Chefredakteur, Verfasser des Handbuch des Journalismus, weiß nicht, dass der Presserat keine Klagen entgegennimmt, sondern nur Beschwerden? Ein alter Hut? Seit 2011 hat sich anscheinend an der Voreingenommenheit der TA gegenüber der zweitstärksten Partei des Freistaates nichts geändert. Man ist nur subtiler geworden. Auseinandersetzungen mit und Kritik an der Schieflage der TA finden derzeit vor allem auf den Leserbriefseiten der Zeitung statt. Scheint so, als ob die TA zielgerichtet an einem großen Teil der Thüringer WählerInnen vorbeischreibt. Mir jedenfalls reicht's jetzt. Obwohl ich als Journalistin auf tägliche Informationen angewiesen bin, habe ich mein Abo gekündigt. Professioneller Journalismus sieht anders aus. Und ohne diese - ähm - Zeitung geht's mir einfach besser.

veröffentlicht von Anke Engelmann am 05.11.2014

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