Poesieblog

  • Gendern historisch

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 06.06.2022

    Endlich hat es jemand getan: In einer Studie haben sich die Sprachwissenschaftler Ewa Trutkowski und Helmut Weiß mit dem Genus in der Sprachgeschichte und dem sogenannten generischen Maskulinum beschäftigt. Da freut sich die historische Sprachwissenschaftlerin!

  • Tradition, Disruption, Endstation

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 21.05.2022

    Das Dilemma der Klassik Stiftung Weimar: Sie muss sich mit alten Männern wie Goethe, Schiller und Wieland immer wieder neu erfinden

    Ältestes bewahrt mit Treue, Bild: Anke Engelmann
    Ältestes bewahrt mit Treue, Bild: Anke Engelmann

    Wie stark unser Kulturbegriff einem Wandel unterworfen ist, wurde deutlich, als die Klassik Stiftung Weimar kürzlich ihr Themenjahr »Sprache« eröffnete. Zum Auftakt fragte eine Podiumsdiskussion: Welche Bedeutung kann oder soll die Beschäftigung mit überlieferten Texten haben? Welche Aufgaben haben Gedächtnisinstitutionen wie die Klassik Stiftung Weimar heute? Spannende Fragen, denen sich neben Ulrike Lorenz, Präsidentin der Klassik Stiftung, der Literaturwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma stellte sowie Petra Lutz, die als Projektleiterin für die Weimarer Dichterhäuser zuständig ist. Die Runde moderierte Marcel Lepper, der zwei Jahre für die Klassik-Stiftung das Goethe- und Schiller-Archiv leitete und kürzlich zur Carl Friedrich von Siemens Stiftung gewechselt ist.

    Reemtsma ist vor allem für Christoph Martin Wieland zuständig, denn auch der Wegbereiter der deutschen Klassik wird gefeiert. Fast gewinnt man den Eindruck: weil man es musste. Um den zierlichen Dichter, der vor 250 Jahren als Fürstenerzieher an den Hof kam, den Moralisten und Aufklärer, den Philosophen und vielseitigen Dichter, kam die Stiftung nicht herum. Genau so wird er präsentiert: Als vergessener Klassiker, der der Wiederentdeckung bedürfe. Und den man »als Dichter und Revolutionär«, so die Webseite der Stiftung, wie das gesamte Themenjahr vor allem der Generation U 18 ans Herz legen wolle.

    Als auf dem Podium Petra Lutz erläuterte, wie man die Dichterhäuser so gestalten wolle, dass sie auch Zielgruppe U 18 erreichen, verdrehten die Bildungsbürger im Publikum die Augen. Schließlich wurden ihnen, als sie heranwuchsen, ganz selbstverständlich die Märchen der Gebrüder Grimm in der Originalsprache zugemutet. Ein Schatz, in dem sie kramten und wühlten wie in der Knopfschachtel der Großmutter und immer neue funkelnde Wörter und Redewendungen entdeckten. Vielleicht kannten sie nicht alle, aber sie verstanden, dass Wörter eine Geschichte haben, dass sie nicht gut oder böse sein können – sondern nur die, die sie benutzen.

    Wo sind die U-18-jährigen Lesesüchtigen, die in Werken der deutschen Klassik nach Spuren von Anti-Haltung gegen Autoritäten stöberten, um sich ihrer eigenen zu vergewissern, weil (zumindest im Osten) gute Gegenwartsliteratur schwer zu ergattern war? Die den Sprachwitz bei Wieland, bei Musäus, bei Tieck entdeckten und ihren eigenen daran schärften? Die sich Offenheit und Internationalismus bei Herder abschauten, die gegen Widerstände kämpften wie Carl-Philipp Moritz, jugendliches Pathos bei Novalis fanden, auch er ein Stiefkind der Aufmerksamkeits-Ökonomie, den ein Jahrestag für kurze Zeit nach oben gespült hat.

    Trefflich hätte man darüber parlieren können, darüber, wie man den Medienwechsel gestalten muss, der unser Wissen neu sortiert und ob und wie mundgerecht man die Klassik, die inzwischen häufig mit dem Wort »verstaubt« attribuiert wird, für die Generation social media aufbereiten muss. Lernen sei immer eine Zumutung und Überforderung, mahnte Reemtsma. Und wenn die erläuternden Texte in den Museen nicht verstanden würden, müsse man sie länger machen, nicht kürzer.

    Das Gespräch, das auf den ersten Blick harmonisch verlief, hinterlässt im Nachgang einen bitteren Geschmack. Kein wohliges Sich-Sonnen im Bildungsbürger-Wohlfühl-Land. Einstellungen kamen zur Sprache, die ein Licht auf den Kulturbetrieb im Allgemeinen, in Thüringen und in Weimar werfen und den Druck deutlich machen, dem er unterworfen ist. Vor allem in den Ausführungen der Stiftungs-Chefin.

    Lorenz sprach von »toxischer Wachstumslogik im Kultursektor«, die man »kritischer sehen muss«, denn »Wachstum führt zu Versteinerungen«. »Wir müssen produktiv zerstören, um etwas anderes möglich zu machen«, forderte sie, Abschied nehmen »von liebgewordenen Gewohnheiten«. Denn die Rahmenbedingungen würden kein Wachstum mehr gestatten. Deshalb müsse man das kulturelle Erbe miteinander in ein sinnvolles Spiel bringen, das auch disruptiv sein könne. Die Gesellschaft wandele sich, »wir müssen uns partiell immer wieder neu erfinden«, ein Prozess, ein Experiment, auch »im Hinblick auf eine Umformulierung der Dichterhäuser«.

    Wachstum gleich toxisch. Produktiv zerstören. Disruption. Sich immer wieder neu erfinden. Lorenz greift Argumente aus der Degrowth-Bewegung auf und spart nicht an Signalwörtern. Doch kann man die Situation in Wirtschaft und Ökologie eins zu eins auf den Kulturbetrieb übertragen? Schwach nur klang die Mahnung Reemtsmas: »Wir müssen die Literatur frei machen von Aktualitätsdruck. Sonst werden wir wie die Kanzelredner des 18. und 19. Jahrhunderts.«

    In solchen Kontexten hört sich das literarische Vermächtnis der Stadt Weimar beinah wie eine Last an: Goethe. Schiller. Wieland. Herder. Jeder Name ein Schlag mit der Faust in die offene Hand. Der Zwang, Altes immer wieder neu zu präsentieren, kollidiert mit dem Anspruch, alles neu zu erfinden, weil man sich von der verstaubten Literaturwissenschaft verabschieden will. Authentizität heißt der Königsweg jetzt, mit Anklängen an die teilnehmende Beobachtung. Warum nicht. Aber: Muss man dazu wirklich alles zerschlagen?

    Jede Generation will die alten Zöpfe abschneiden. Das ist notwendig, es setzt einen Kreislauf der Erneuerung in Gang und krempelt nicht nur die Institutionen um, sondern wirft relevante Fragen auf, verschiebt die Prioritäten der politischen Agenda und verändert das Miteinander und die Kommunikation bis ins zutiefst Private. In diesem Prozess wird auch das Wissen, das zur Verfügung steht, ebenso neu bewertet wie die Art seiner Vermittlung. Idealerweise geht dieser Wandel nicht von den Institutionen aus, sondern der Druck kommt von außen, von unten.

    Was aber, wenn nicht die Kinder rebellieren, sondern die Eltern?

    So etwas passiert, wenn Eltern nicht erwachsen werden. Die Kinder sind für die Erneuerung zuständig, die Älteren fürs Bewahren. Beides muss ausgewogen miteinander agieren. Seit einiger Zeit jedoch erleben wir eine Abwertung von Erfahrung. Die Alten fliegen (wie die Ostdeutschen) unter dem Radar der woke-Bewegung. Dass diese Bevölkerungsgruppen diskriminiert werden, merkt man spätestens, wenn man sich mit Mitte Fünfzig einen neuen Job suchen muss. Auch bei den Jungen bindet der Zwang, sich ständig neu zu erfinden, Kraft und Ressourcen und höhlt den privaten Raum aus, in dem man sich erholen muss.

    Dazu gesellt sich ein grundlegendes Misstrauen gegen Spezialisten. In unserer hochspezialisierten Gesellschaft ist Wissen ein Kapital, es zu erwerben dauert lange und kostet viel Geld. Niemand kann alles können, doch mancher scheint das zu glauben. Ein Buch schreiben und es layouten, die Gesetze der Sprache auf den Kopf stellen: Das Laientum schwappt vor allem in die Sektoren, die nicht so stark reglementiert sind, wo Kreativität und Spiel ein Refugium haben: in die Kunst. Es präsentiert sich voller Selbstbewusstsein, überschreit die Profis, die zweifeln und mehr Zeit fordern.

    Dieser zutiefst demokratische Vorgang ähnelt dem, was die Stadtsoziologie »Gentrifizierung« nennt. Freiräume, in diesem Fall Kunst und Kultur, werden in eine Verwertungslogik eingebunden. Wie stark die Gesellschaft in ihren Randbereichen bereits auf Nutzen und Effektivität fixiert ist, zeigte sich in der Pandemie-Zeit: Die Kultur wurde zuerst dichtgemacht und zuletzt wieder geöffnet. Dabei ist die Kunst wie ein Unbewusstes der Gesellschaft eine wichtige Ressource für Resilienz. Sie hilft, Angst zu bewältigen und mit Veränderungen umzugehen. Gnade uns Gott, wenn dieser Sumpf von Wildwuchs und Anarchie trockengelegt wird.

    Lorenz teilte aus gegen das Bildungsbürgertum, das sein Halbwissen aus dem »Zitatenschatz der Weltliteratur« des Oberlehrers Georg Büchmann geschöpft habe, und vergaß dabei, dass die permanente Anpassung ans Mittelmaß genau dieses Halbwissen erzeugt. Zerreißen nicht disruptive Ansätze die Traditionslinien, an denen wir uns grundlegend in der Welt verorten, auch und gerade in der Auseinandersetzung mit ihnen? »Wir sind nicht Goethe. Wir sind die Eckermänner dieser Welt«, so Lorenz, und die Bildungsbürger schüttelten sacht den Kopf. »Ich schon«, flüsterte einer. »Ich bin Goethe.«

    (Erschienen im nd, 20. Mai 2022)

  • Wort-Laut

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 09.05.2022

    Zum Nachlesen: beide Offenen Briefe.

    Damit sich jede/r selbst ein Bild machen kann: hier die Wortlaute von Brief I, der sich GEGEN Waffenlieferungen ausspricht (veröffentlicht in der Emma)

    Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,

    wir begrüßen, dass Sie bisher so genau die Risiken bedacht hatten: das Risiko der Ausbreitung des Krieges innerhalb der Ukraine; das Risiko einer Ausweitung auf ganz Europa; ja, das Risiko eines 3. Weltkrieges. Wir hoffen darum, dass Sie sich auf Ihre ursprüngliche Position besinnen und nicht, weder direkt noch indirekt, weitere schwere Waffen an die Ukraine liefern. Wir bitten Sie im Gegenteil dringlich, alles dazu beizutragen, dass es so schnell wie möglich zu einem Waffenstillstand kommen kann; zu einem Kompromiss, den beide Seiten akzeptieren können.

    Wir teilen das Urteil über die russische Aggression als Bruch der Grundnorm des Völkerrechts. Wir teilen auch die Überzeugung, dass es eine prinzipielle politisch-moralische Pflicht gibt, vor aggressiver Gewalt nicht ohne Gegenwehr zurückzuweichen. Doch alles, was sich daraus ableiten lässt, hat Grenzen in anderen Geboten der politischen Ethik.

    Zwei solche Grenzlinien sind nach unserer Überzeugung jetzt erreicht: Erstens das kategorische Verbot, ein manifestes Risiko der Eskalation dieses Krieges zu einem atomaren Konflikt in Kauf zu nehmen. Die Lieferung großer Mengen schwerer Waffen allerdings könnte Deutschland selbst zur Kriegspartei machen. Und ein russischer Gegenschlag könnte so dann den Beistandsfall nach dem NATO-Vertrag und damit die unmittelbare Gefahr eines Weltkriegs auslösen. Die zweite Grenzlinie ist das Maß an Zerstörung und menschlichem Leid unter der ukrainischen Zivilbevölkerung. Selbst der berechtigte Widerstand gegen einen Aggressor steht dazu irgendwann in einem unerträglichen Missverhältnis.

    Wir warnen vor einem zweifachen Irrtum: Zum einen, dass die Verantwortung für die Gefahr einer Eskalation zum atomaren Konflikt allein den ursprünglichen Aggressor angehe und nicht auch diejenigen, die ihm sehenden Auges ein Motiv zu einem gegebenenfalls verbrecherischen Handeln liefern. Und zum andern, dass die Entscheidung über die moralische Verantwortbarkeit der weiteren „Kosten“ an Menschenleben unter der ukrainischen Zivilbevölkerung ausschließlich in die Zuständigkeit ihrer Regierung falle. Moralisch verbindliche Normen sind universaler Natur.

    Die unter Druck stattfindende eskalierende Aufrüstung könnte der Beginn einer weltweiten Rüstungsspirale mit katastrophalen Konsequenzen sein, nicht zuletzt auch für die globale Gesundheit und den Klimawandel. Es gilt, bei allen Unterschieden, einen weltweiten Frieden anzustreben. Der europäische Ansatz der gemeinsamen Vielfalt ist hierfür ein Vorbild.

    Wir sind, sehr verehrter Herr Bundeskanzler, überzeugt, dass gerade der Regierungschef von Deutschland entscheidend zu einer Lösung beitragen kann, die auch vor dem Urteil der Geschichte Bestand hat. Nicht nur mit Blick auf unsere heutige (Wirtschafts-)Macht, sondern auch in Anbetracht unserer historischen Verantwortung – und in der Hoffnung auf eine gemeinsame friedliche Zukunft.

    Wir hoffen und zählen auf Sie!
    Hochachtungsvoll

    DIE ERSTUNTERZEICHNERiNNEN

    Andreas Dresen, Filmemacher | Lars Eidinger, Schauspieler | Dr. Svenja Flaßpöhler, Philosophin | Prof. Dr. Elisa Hoven, Strafrechtlerin | Alexander Kluge, Intellektueller | Heinz Mack, Bildhauer | Gisela Marx, Filmproduzentin | Prof. Dr. Reinhard Merkel, Strafrechtler und Rechtsphilosoph | Prof. Dr. Wolfgang Merkel, Politikwissenschaftler | Reinhard Mey, Musiker | Dieter Nuhr, Kabarettist | Gerhard Polt, Kabarettist | Helke Sander, Filmemacherin | HA Schult, Künstler | Alice Schwarzer, Journalistin | Robert Seethaler, Schriftsteller | Edgar Selge, Schauspieler | Antje Vollmer, Theologin und grüne Politikerin | Franziska Walser, Schauspielerin | Martin Walser, Schriftsteller | Prof. Dr. Peter Weibel, Kunst- und Medientheoretiker |
    Christoph, Karl und Michael Well, Musiker | Prof. Dr. Harald Welzer, Sozialpsychologe | Ranga Yogeshwar, Wissenschaftsjournalist | Juli Zeh, Schriftstellerin | Prof. Dr. Siegfried Zielinski, Medientheoretiker

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    und Brief II FÜR Waffenlieferungen (veröffentlicht in der Zeit)

    Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,

    auf der Maikundgebung in Düsseldorf haben Sie gegen Pfiffe und Protestrufe Ihren Willen bekräftigt, die Ukraine auch mit Waffenlieferungen zu unterstützen, damit sie sich erfolgreich verteidigen kann. Wir möchten Ihnen auf diesem Weg Beifall für diese klaren Worte zollen und Sie ermutigen, die Entschließung des Bundestags für Waffenlieferungen an die Ukraine rasch in die Tat umzusetzen.

    Angesichts der Konzentration russischer Truppen im Osten und Süden der Ukraine, der fortgesetzten Bombardierung der Zivilbevölkerung, der systematischen Zerstörung der Infrastruktur, der humanitären Notlage mit mehr als zehn Millionen Flüchtlingen und der wirtschaftlichen Zerrüttung der Ukraine infolge des Krieges zählt jeder Tag. Es bedarf keiner besonderen Militärexpertise, um zu erkennen, dass der Unterschied zwischen "defensiven" und "offensiven" Rüstungsgütern keine Frage des Materials ist: In den Händen der Angegriffenen sind auch Panzer und Haubitzen Defensivwaffen, weil sie der Selbstverteidigung dienen.

    Wer einen Verhandlungsfrieden will, der nicht auf die Unterwerfung der Ukraine unter die russischen Forderungen hinausläuft, muss ihre Verteidigungsfähigkeit stärken und die Kriegsfähigkeit Russlands maximal schwächen. Das erfordert die kontinuierliche Lieferung von Waffen und Munition, um die militärischen Kräfteverhältnisse zugunsten der Ukraine zu wenden. Und es erfordert die Ausweitung ökonomischer Sanktionen auf den russischen Energiesektor als finanzielle Lebensader des Putin-Regimes.

    Es liegt im Interesse Deutschlands, einen Erfolg des russischen Angriffskriegs zu verhindern. Wer die europäische Friedensordnung angreift, das Völkerrecht mit Füßen tritt und massive Kriegsverbrechen begeht, darf nicht als Sieger vom Feld gehen. Putins erklärtes Ziel war und ist die Vernichtung der nationalen Eigenständigkeit der Ukraine. Im ersten Anlauf ist dieser Versuch aufgrund des entschlossenen Widerstands und der Opferbereitschaft der ukrainischen Gesellschaft gescheitert. Auch das jetzt ausgerufene Ziel eines erweiterten russischen Machtbereichs von Charkiw bis Odessa kann nicht hingenommen werden.

    Die gewaltsame Verschiebung von Grenzen legt die Axt an die europäische Friedensordnung, an deren Grundlegung Ihre Partei großen Anteil hatte. Sie beruht auf Gewaltverzicht, der gleichen Souveränität aller Staaten und der Anerkennung der Menschenrechte als Grundlage für friedliche Koexistenz und Zusammenarbeit in Europa. Es widerspricht deshalb nicht der Ostpolitik Willy Brandts, die Ukraine heute auch mit Waffen zu unterstützen, um diese Prinzipien zu verteidigen.

    Russlands Angriff auf die Ukraine ist zugleich ein Angriff auf die europäische Sicherheit. Die Forderungen des Kremls für eine Neuordnung Europas, die im Vorfeld der Invasion formuliert wurden, sprechen eine klare Sprache. Wenn Putins bewaffneter Revisionismus in der Ukraine Erfolg hat, wächst die Gefahr, dass der nächste Krieg auf dem Territorium der Nato stattfindet. Und wenn eine Atommacht damit durchkommt, ein Land anzugreifen, das seine Atomwaffen gegen internationale Sicherheitsgarantien abgegeben hat, ist das ein schwerer Schlag gegen die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen.

    Was die russische Führung fürchtet, ist nicht die fiktive Bedrohung durch die Nato. Vielmehr fürchtet sie den demokratischen Aufbruch in ihrer Nachbarschaft. Deshalb der Schulterschluss mit Lukaschenko, deshalb der wütende Versuch, den Weg der Ukraine Richtung Demokratie und Europa mit aller Gewalt zu unterbinden. Kein anderes Land musste einen höheren Preis bezahlen, um Teil des demokratischen Europas werden zu können. Die Ukraine verdient deshalb eine verbindliche Beitrittsperspektive zur Europäischen Union.

    Die Drohung mit dem Atomkrieg ist Teil der psychologischen Kriegführung Russlands. Dennoch nehmen wir sie nicht auf die leichte Schulter. Jeder Krieg birgt das Risiko einer Eskalation zum Äußersten. Die Gefahr eines Nuklearkrieges ist aber nicht durch Konzessionen an den Kreml zu bannen, die ihn zu weiteren militärischen Abenteuern ermutigen. Würde der Westen von der Lieferung konventioneller Waffen an die Ukraine zurückscheuen und sich damit den russischen Drohungen beugen, würde das den Kreml zu weiteren Aggressionen ermutigen. Der Gefahr einer atomaren Eskalation muss durch glaubwürdige Abschreckung begegnet werden. Das erfordert Entschlossenheit und Geschlossenheit Europas und des Westens statt deutscher Sonderwege.

    Es gibt gute Gründe, eine direkte militärische Konfrontation mit Russland zu vermeiden. Das kann und darf aber nicht bedeuten, dass die Verteidigung der Unabhängigkeit und Freiheit der Ukraine nicht unsere Sache sei. Sie ist auch ein Prüfstein, wie ernst es uns mit dem deutschen "Nie wieder" ist. Die deutsche Geschichte gebietet alle Anstrengungen, erneute Vertreibungs- und Vernichtungskriege zu verhindern. Das gilt erst recht gegenüber einem Land, in dem Wehrmacht und SS mit aller Brutalität gewütet haben.

    Heute kämpft die Ukraine auch für unsere Sicherheit und die Grundwerte des freien Europas. Deshalb dürfen wir, darf Europa die Ukraine nicht fallen lassen.

    DIE ERSTUNTERZEICHNERiNNEN

    Stephan Anpalagan | Gerhart Baum | Marieluise Beck | Maxim Biller | Marianne Birthler | Wigald Boning | Prof. Tanja Börzel | Hans Christoph Buch | Mathias Döpfner | Prof. Sabine Döring | Thomas Enders | Fritz Felgentreu | Michel Friedman | Ralf Fücks | Marjana Gaponenko | Eren Güvercin | Rebecca Harms | Wolfgang Ischinger | Olga Kaminer | Wladimir Kaminer | Dmitrij Kapitelman | Daniel Kehlmann | Thomas Kleine-Brockhoff | Gerald Knaus | Gerd Koenen | Ilko-Sascha Kowalczuk | Remko Leemhuis | Sabine Leutheusser-Schnarrenberger | Igor Levit | Sascha Lobo | Wolf Lotter | Ahmad Mansour | Marko Martin | Jagoda Marinić | Prof. Carlo Masala | Markus Meckel | Eva Menasse | Herta Müller | Prof. Armin Nassehi | Ronya Othmann | Ruprecht Polenz | Gerd Poppe | Antje Rávik Strubel | Prof. Hedwig Richter | Prof. Thomas Risse | Prof. Gwendolyn Sasse | Prof. Karl Schlögel | Peter Schneider | Linn Selle | Constanze Stelzenmüller | Funda Tekin | Sebastian Turner | Helene von Bismarck | Marie von den Benken | Marina Weisband | Deniz Yücel | Prof. Michael Zürn

    ViSdP: Ralf Fücks, Zentrum Liberale Moderne, Reinhardtstr. 15, 10117 Berlin

  • Angst muss man ernst nehmen

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 05.05.2022

    Der erste Offene Brief zum Ukraine-Krieg mit bislang 200.000 Unterschriften sorgte für Häme und Beschimpfungen. Dabei artikulieren die Unterzeichner auch die große Angst, dass der Krieg in der Ukraine sich weiter ausbreitet und bis zu uns kommt. Das ist ihr gutes Recht, finde ich.

    Die Zeit ist hoch emotionalisiert und in allen Debatten scheint es nur schwarz und weiß zu geben, oder, wie Lenin gesagt haben soll: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Dass Menschen Angst haben und das öffentlich artikulieren, muss man ernst nehmen. Wohin kommen wir, wenn ihnen dafür eine Welle der Entrüstung entgegenschlägt? Essentiell für eine Demokratie ist das Aushandeln, die lebendige Debatte, das Abwägen. Und das Einander-Zuhören. Und zwar mit Respekt!

    (Was mir nicht gefällt an dem Brief, ist der Zungenschlag bezüglich dem berechtigten Widerstand gegen einen Aggressor und dem Maß an Zerstörung und menschlichem Leid. Ich lese: Gebt auf, um noch mehr Leid zu verhindern. Das finde ich anmaßend.)


    Ich teile hier einen Beitrag auf DLF. Darin geht es um Nebenwirkungen von Corona-Impfungen und den Umgang mit den Betroffenen. Impfskeptiker könnte man mit mehr Transparenz überzeugen, so die Autoren des Artikels. Nicht, indem man einfach die Probleme unter den Teppich kehrt. Und ja, ich bin geimpft. Und skeptisch.

  • Schon wieder die Künstler vergessen!

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 28.04.2022

    Ohne kUNSt geht nichts, hieß es in der Pandemie-Zeit. Und was gab es nicht alles, Stipendien noch und nöcher. Und jetzt? Kleinunternehmer wollen überhaupt nicht verdienen, tönt eine SPD-Abgeordnete. Deshalb sei es nur gerecht, nein "folgerichtig", wenn soloselbständige Kleinunternehmer, unter denen viele Künstler sind, von der Energiepauschale ausgeschlossen werden. Wumm! Die Ohrfeige hat gesessen, Frau Hagedorn!

    Keine Entlastungspauschale für soloselbständige Kleinunternehmer? Liest man die Einlassungen der SPD-Abgeordneten Bettina Hagedorn auf Abgeordnetenwatch, scheint das durchaus gewollt. Ihre Argumente zeigen eine erstaunliche Mischung aus Unkenntnis und Naivität, gepaart mit Bequemlichkeit und Arroganz, finde ich jedenfalls. Dabei sind die Künstler, die weit unterhalb der Einkommensgrenze einer langjährigen Bundestagsabgeordneten ihren prekären Bohème-Lebensstil fristen, in der Pandemie erstmalig ins Blickfeld geraten. Und denen wollte man helfen, oder? Frau Hagedorn, übrigens früher Goldschmiedin, sagt zu den Regelungen Folgendes:


    1. Der Weg, die Entlastungspauschale von 300 Euro über die Einkommenssteuer-Vorauszahlung weiterzugeben, sei einfach und "unbürokratisch" (Merke: Gehe immer den einfachsten Weg! Kümmere dich nicht darum, dass ganze Bevölkerungsgruppen ausgeschlossen werden, Gedöns wie Kleinunternehmer, RentnerInnen und StudentInnen, Leute, die zwar wenig Geld haben, aber kein Wohngeld beziehen.)
    2. Wer mehr verdiene, habe auch höhere Kosten. (Merke: Entlaste die Gutverdiener! Um die, die am prekären Rand rumlümmeln, kann sich die SPD nicht auch noch kümmern. Bei ihnen geht es nur um Minibeträge, die aufs Ganze gerechnet, kaum ins Gewicht fallen.)
    3. Kleinunternehmer machen das mit Absicht, dass sie wenig Geld verdienen. Und weil das so perfide klingt, muss ich Frau Hagedorn wörtlich zitieren:

    "Für Kleinstunternehmer entfallen – staatlich gewollt – viele bürokratische Pflichten und Belastungen wie u.a. die Tatsache, dass sie trotz Selbstständigkeit keine Vorsteuer zahlen müssen. Ich kenne persönlich durchaus Kleinstunternehmer, die sich aus diesem Grund Jahr für Jahr bemühen, genau diese Grenze mit ihrer Unternehmung NICHT zu überschreiten (...). Dann ist es allerdings auch folgerichtig, diejenigen stärker zu entlasten, die bei Steuern und Abgaben höhere Beiträge zur Unterstützung unseres Sozialstaates 'in Kauf nehmen'."


    Genau so siehts aus: Unausgesetzt flehe ich meine Auftraggeber an, mir bitte bitte niedrige Honorare zu zahlen. Nein! Keine 300 Euro für die Lesung! 200 reichen auch, ach, 50! Oder kostenlos! Lieber Verlag, kann ich nicht für 1 Euro pro Normseite lektorieren? Das ist so nett, danke! Stipendien, darauf bewerbe ich mich nicht, die werden mir auf die Einkommenssteuer angerechnet, das geht garnicht. Ihr wollt mir Geldgeschenke in größerer Höhe zukommen lassen? Sorry. Muss ich leider ablehnen. Zumindest, wenn ich damit über der Einkommensgrenze von (maximal) 1.800 Euro im Monat liege.

  • Den Blick schärfen

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 28.03.2022

    Kreatives Schreiben: Man lernt, Kleinigkeiten wahrzunehmen

    Am Samstag im Dacheröden: Unsere Runde war klein (Frühling! Corona!), dafür um so intensiver. Wir hatten reichlich Vogelgesang (CD), haben den Hof mit der Lupe und aus der Vogelperspektive ergründet, aus Textknospen Geschichten wachsen lassen. Eine Teilnehmerin sagte schließlich: Am kreativen Schreiben gefalle ihr, dass es den Blick schärfe. Man lerne, Kleinigkeiten zu bemerken. Und sich daran zu freuen, ergänzte eine andere. Das fand ich toll! Und ich habe an mir bemerkt, dass ich genau das auch bei der Vorbereit- und Durchführung genieße.

    In einem anderen Kurs höre ich immer wieder: Der neue Blick fasziniere. Die Vielfalt, die sich aus dem Spiel mit Perspektiven und Personen, mit Abständen, mit sprachlich-formalen Puzzleteilen ergibt. Egal, wie eng ich den Rahmen stecke: Jeder Text, der entsteht, ist anders. Immer wieder überrascht mich, was sich zeigt, bei mir, bei den Teilnehmern.

  • Weimar, 9. März 2022

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 11.03.2022

    Heute habe ich die ersten Ankömmlinge aus der Ukraine gesehen. Ich habe sie an ihren grauen Gesichtern erkannt, an ihren gebeugten Schultern, den schweren Mänteln. Einer der jungen Frauen flatterten die Klappen ihrer Pelzschapka um die Ohren. Ich fuhr an ihnen vorüber und schämte mich: für die Frühlingssonne, für das Zwitschern der Meisen und den kichernden Grünspecht, für die Krokusse und das frische Grün an den Sträuchern und dafür, dass ich auf meinem Fahrrad an ihnen vorbeifahren konnte, während sie doch nichts mehr hatten – nicht einmal ein Fahrrad.

    Seit Krieg ist, suchen wir ständig im Netz nach Informationen aus der Ukraine. Wenn die Nachrichten kommen, drehen wir das Radio lauter und müssen an uns halten, um nicht mit Kommentaren herauszuplatzen. Wie absurd, dass unser Alltag weitergeht, während Millionen Menschen gerade alles verlieren, ihre Sicherheit, ihre Wohnung, ihren Besitz. Ich kann den Wasserhahn aufdrehen, das Licht anschalten, zum Arzt gehen. Mein Bett, meine Wohnung, mein Kühlschrank. Wie ist es, den Mann, den Bruder, den Sohn in den Krieg zu verabschieden? Fortzugehen und die alten Eltern zurückzulassen? Was hat noch Wert, im Angesicht eines Krieges? Lohnt es sich, weiter an einem Roman zu arbeiten? Wer wird ihn lesen wollen?

    Ich schreibe eine Liste mit Dingen, die ich bei einer Flucht unbedingt mitnehmen muss: Ausweis, Studienabschluss, Bargeld, Geburtsurkunde. Einen Stick oder eine Festplatte mit meinen Texten. Welches Buch könnte mich unterwegs trösten: Gedichte? Von Kästner, der Kaschnitz? Goethes Faust? Grimms Märchen? Der Simplicissimus? Oder gar – mich Ungläubige – die Bibel? Wo würde ich die Katze unterbringen? Einfach zurücklassen könnte ich sie nicht, unser übergewichtiges und lebensunkluges Stubentier, zu viel Angst hätte ich, dass sie verhungert oder bei einer Hungersnot in einem Kochtopf landet.

    Fassungslos, dass die Sicherungssysteme versagen, die nach den Kriegen des vergangenen Jahrhunderts einen neuen ein für alle Mal verhindern sollten. Dass ausgerechnet Russland einen neuen Krieg beginnt, Russland, das im letzten Krieg, von dem meine Mutter noch erzählt, unter so vielen Opfern den Frieden gebracht hat. Fassungslos, dass Diplomatie und Sanktionen ins Leere laufen. Fassungslos über die Feindschaft, die den Russen jetzt entgegenschlägt, wegen eines einzigen Menschen, der seine sorgsam aufgebaute Machtfülle skrupellos einsetzt.

    Wir diskutieren die Optionen: Verhandeln? Den Geldhahn zudrehen? Stärke zeigen? Oder Zurückhaltung und nur nicht mit den Säbeln rasseln? Auch Hitler hätten die Alliierten sofort und konsequent stoppen müssen, sagt einer. Man müsse diesem Wahnsinnigen Einhalt gebieten. Mit allen Mitteln! Ich nicke. ABER, denke ich später: Hitler hatte keine Atomwaffen. Mit einem Knopfdruck könnte Putin Europa auslöschen und die Welt jenseits des Atlantiks. Oder die ganze Welt und sich selbst dazu. Was ist das Richtige? Wer kann besänftigen, wer kann vermitteln?

    Sicherheiten brechen weg wie Schollen von Gletschereis. Was wird aus uns? Schon jetzt weiß ich, dass ich im Alter meinen Lebensstandard nicht halten werde. Wird schon irgendwie, dachte ich immer. Jetzt nicht mehr. Jetzt kommt die Rechnung für das gute Leben, das so gut nun auch wieder nicht war. Dafür, dass es mir besser ging als den meisten anderen Menschen auf der Welt, weil ich das Privileg hatte, zufällig hier geboren zu sein. Jetzt kommt alles zu uns zurück: der Klimawandel. Das Sterben der Wälder. Corona. Der Krieg.

    Schon im ersten Lockdown fürchtete ich den Zusammenbruch aller zivilen Schutz- und Sicherungssysteme. Ich weiß noch, wie ich dachte: Daran werden wir uns erinnern. Wie es jetzt gewesen ist. Als wir noch glaubten, wir kämen davon. Im Vergleich mit dem Krieg erscheint mir Corona wie eine Klopapier-Krise. In den Metro-Schutzhöhlen von Kiew, in den überfüllten Zügen, auf den Anti-Kriegs-Demonstrationen trägt kaum jemand eine Maske. Wer wollte das einfordern?

    Auch bei uns werden Menschen hungern, mehr, als bisher. Viele werden sich vieles nicht mehr leisten können. Vielleicht müssen auch wir uns bald eine kleine Wohnung suchen. Schon jetzt lohnen sich meine Kurse nicht mehr. Verrechne ich meinen Verdienst, der auch in besseren Zeiten knapp bemessen ist, mit den Spritpreisen, bleibt nichts übrig. Ich ertappe mich bei den Gedanken, dass wir ja nicht die Einzigen sind, deren magere Ersparnisse schmelzen. Und dass die Regierung etwas unternehmen muss oder die EU. Mag sein, dass meine Ängste kleinlich sind angesichts dessen, was den Menschen zehn Autostunden entfernt gerade widerfährt, oder denen, die anderswo auf der Flucht sind. Aber ich kann sie nicht abstellen. Sie halten mich nachts wach. Sie bedrücken mich am Tag.

    Literarisch betrachtet, scheint der Stoff das Potential für ein Drama von Shakespeare’scher Wucht zu haben: Putin, Despot und Tyrann, und Selenskyi, der junge, jüdische Intellektuelle, Jurist und Spaßmacher, der über sich hinauswächst, weil er sein Land retten will. Die alten Männer an Putins langem Tisch und die Klitschko-Brüder. Der Chor der Staatsmächte, darunter unser Land mit Wehrpflicht und Waffenlieferungen. Der Chor der fliehenden Menschen. Doch ich bleibe skeptisch. Was sehen wir, was sehen wir nicht? Auch Shakespeare ist bei seiner Darstellung von Richard III einer Propaganda aufgesessen.

    Schreiben hilft und ist Verantwortung: zu dokumentieren, zu mahnen, den Lesern Mittel zur Bewältigung anzubieten und die Ereignisse zurechtzurücken. Denn die eigentliche Tragödie liegt darin, dass der Krieg uns von dem abhält, was wirklich drängt: den Klimawandel aufzuhalten und der Erde eine Zukunft zu geben.

    Auf www.literaturland-thueringen.de finden sich die Stimmen einiger Thüringer Schriftsteller und Schriftstellerinnen gegen den Krieg

  • Thüringer Verlagstage in Arnstadt

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 08.03.2022

    Vom 16. bis 19. März veranstaltet der Thüringer Kommunalverlag (THK-Verlag) in Arnstadt die "Arnstädter Verlagstage". Mit dabei auch drei meiner "Schützlinge": Zwei Bücher habe ich lektoriert, ein Autor kommt regelmäßig zu meinen Schreibworkshops.

    Veranstaltungsorte:

    • Arnstädter Buchkombinat, An der Weiße 18, 99310 Arnstadt
    • Schlossmuseum Arnstadt, Festsaal, Schlossplatz 1, 99310 Arnstadt
    • Ilmkreis-Center (IKC), Stadtilmer Str. 100, 99310 Arnstadt

    Meine Tipps:

    Am 17. März um 13 Uhr im IKC liest Rainer Franke aus: "Sieben Zwerge 2.0" (PROOF-Verlag Erfurt)

    Am 17. März um 14.30 Uhr im IKC liest Knut Wagner aus "Leben ohne Maske" (Verlag Kern, Ilmenau)

    Am 19. März um 11 Uhr im IKC liest Frank Stübner aus "Gut Runst!" (Verlag Kern, Ilmenau)

    Veranstaltungsorganisation: Thüringer Kommunalverlag, Frank Kuschel

    Mehr Infos:

    THK-Verlag

    Literaturland Thüringen

  • Heiße Säge: Heute fallen die Ulmen

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 18.02.2022 in Aktuell, Wege durch die Stadt

    Wieder müssen alte Bäume in der Weimarer Innenstadt gefällt werden: die uralten Flatterulmen in der Gropiusstraße

    Die Flatterulmen in der Gropiusstraße Weimar, Bild: Anke Engelmann
    Die Flatterulmen in der Gropiusstraße Weimar, Bild: Anke Engelmann

    Wie lange dauert es, bis ein Baum groß und kräftig ist? Und wie schnell wird er gefällt!

    Nachdem gestern durch den Sturm eine der uralten Flatterulmen an der Weimarer Jenaplanschule (Gropiusstraße) umgefallen ist, werden nun kurzerhand die anderen gefällt. Und das, obwohl sie den Sturm überlebt haben und also u.U. noch kräftig sind. Dem Artikel in der heutigen TLZ war nicht zu entnehmen, ob es ein Gutachten gibt und ob die Bäume tatsächlich eine Gefahr darstellen. Am besten, man fällt alle alten Bäume in der Stadt! Und ich lasse mir demnächst alle Zähne ziehen, weil das der beste Schutz vor Karies ist.

    Über die Stadtbäume in Weimar schreibe ich auf Literaturland Thüringen.

  • Zur Absage der Leipziger Buchmesse

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 10.02.2022 in Corona, Lesen, Schreiben

    Meine erste spontane Reaktion: Wenn die großen Verlage die Messe boykottieren, ist es an der Zeit, die Verlage zu boykottieren! Aber dann habe ich noch einmal recherchiert: Es lag nicht an den Verlagen. Jedenfalls nicht nur.

    "Es geht nicht darum, ob ein einzelner Konzernverlag hier sagt, er macht nicht mit. Das wäre sehr bedauerlich gewesen, ohne diese Verlagsgruppe die Messe zu organisieren – aber das war kein Grund", sagt Buchmesse-Chef Oliver Zille im mdr-Interview. Viele Verlage hätten signalisiert, dass die Vorbereitungszeit zu kurz gewesen sei. "'Vorbereitungszeit zu kurz' heißt immer, mit wie vielen Leuten sie das vorbereiten." Viele Verlage hätten "Personalausfälle in Größenordnungen". "Die Leute sind krank beziehungsweise sie sind in Quarantäne und sie haben Angst, sich in Leipzig bei einem Großereignis anzustecken", sagte Zille. Also doch Corona.

  • Coronamüde

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 02.02.2022 in Corona, Schreiben

    Corona und diese vielen Digitalformate bringen eine große Vereinzelung. Und ich zum Beispiel bin müde, so als soloselbständige Einzelkämpferin.

    Der Corona-Alltag hat mich ausgebrannt. Ich hatte zum Glück Stipendien, und man ist ja auch sehr dankbar. Aber als Finanzierung sind Stipendien anstrengend, wenn sonst alles weggebrochen ist. Man verzettelt sich, erfindet ständig neue Projekte, und der Roman, der sich nicht in einem Förderzeitraum schreibt, bleibt liegen. Stattdessen haut man sich noch ein Projekt rein und noch eins und steckt jedesmal viel Arbeit in die Antragsprosa.

    Die Geber gehen zudem davon aus: Man macht eine Sache fertig. Freut sich. Überlegt sich was Neues. Stellt einen Antrag. Wartet. Wird abgelehnt. Schreibt noch einen Antrag ... Und wovon lebe ich dazwischen, wenn ich sonst nix habe? Beantragen, wenn ich noch in einer Förderung stecke, geht nicht, für dasselbe Projekt nochmal gefördert werden, geht nicht. Man hangelt sich so über die Abgründe. Besser als die Gießkanne wäre es zudem, unsere Brotberufe besser zu bezahlen. Gerade die Leute, die mit Menschen arbeiten, werden exorbitant schlecht bezahlt.

    Dazu kommen die Widrigkeiten des digitalen Alltags. Die Uni, die Volkshochschule, Webex, Zoom, edudip, jeder benutzt eine andere Plattform. Alle unterscheiden sich in kleinen, aber wichtigen Funktionen, das lernt man by doing im Kurs und mit der Unterstützung erfahrener Teilnehmer. Ich hatte nach jedem online-Kurs das unbefriedigende Gefühl, dass ich manche Leute nicht erreicht habe, obwohl viele TN sehr dankbar auf meine Angebote reagiert haben. Und nach einem Kurstag ist man völlig geschlaucht. Auch meine interaktive Corona-Schreibseite ist irgendwann wieder eingeschlafen. Kein Wunder, so viele Digitalformate, wer hat darauf schon Bock? Wenn man eh den ganzen Tag in der Zoom-Konferenz hängt?

  • Kunst schafft Resilienz

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 26.01.2022 in Corona, Politisches, Sprachpolitik

    Corona, Omikron: Das Gesundheitsamt hatte das kreative Schreiben im Kultur: Haus Dacheröden nicht genehmigt. Die Veranstaltung gehöre nicht zur beruflichen Bildung und werde nicht über einen Bildungsträger angeboten, sagte die Mitarbeiterin des Gesundheitsamtes. »Dann darf sie nicht stattfinden.«

    Ob die Veranstaltung wirklich »unumgänglich notwendig« sei, fragte sie noch einmal. Wie bitte? Kunst ermöglicht uns, uns mit dem auseinanderzusetzen, was uns einschränkt, schmerzt, bewegt und umtreibt. Kunst ist wie die Träume, in denen sich das Unterbewusste der Gesellschaft regt und Emotionen und Erfahrungen verarbeitet. Kunst stellt Identifikationen bereit, stellvertretend kann man Grenzen überschreiten und Existentielles durchleben. Kunst erzeugt Gefühle, die es uns ermöglichen, die Welt auf eine bestimmte Art zu betrachten: mit einem Filter. Mit Distanz. Kunst schafft Orte des Rückzugs in einer auf Effizienz und Markt getrimmten Gesellschaft, Nischen, in denen man entspannen und Kraft schöpfen kann. Kunst erzeugt ein Gefühl von Gemeinschaft. Kunst schafft Resilienz.

    Kein Problem, die Veranstaltung digital zu anzubieten, darum geht es mir nicht. Und die Mitarbeiterin kann nichts für solche Entscheidungen. Mich erschreckt zutiefst, dass Kunst, Kultur und kulturelle Bildung anscheinend als Gedöns betrachtet werden, auf das man locker verzichten kann. Gerade das Schreiben schenkt uns Werkzeuge für die Bewältigung von Krisen, und das will ich in meinen Veranstaltungen weitergeben. Wenn alle Nischen dichtgemacht werden, die sich der Verwertungslogik entziehen – ich mag nicht über die Folgen nachdenken.

  • Genderdebatte

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 12.01.2022 in Gefunden, Gender

    Für alle, die nicht nur lesen, sondern auch hören: neue Argumente in der Genderdebatte und Hintergründe

    Bei Facebook gepostet (danke Olaf): Alicia Joe

  • Wahrhaft ein großer Mime!

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 18.12.2021 in Fundstücke

    Man soll nicht alles für bare Münze nehmen, was in der Zeitung steht ...

    TLZ vom 18.12.2021, S. 16 (Weimar regional)
    TLZ vom 18.12.2021, S. 16 (Weimar regional)
  • Polsterin oder Polstererin?

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 17.12.2021 in Gender, Gutes Deutsch

    Zwar rückt Weihnachten immer näher, doch muss man deshalb die Substantive wie Weihnachtsbäume behängen, um weibliche oder was auch immer für Identitäten anzuzeigen? Ein gutes Beispiel, wie irritierend so etwas aussehen kann, ist die weibliche Form der Berufsbezeichnung Polsterer. Eine Polsterin wäre ein weibliches Sofakissen.

    Einst habe ich "Facharbeiter für Polstertechnik" gelernt, so stehts auf dem Zeugnis und daraus lässt sich die weibliche Form gut ableiten: Facharbeiterin für Polstertechnik. Aber die Facharbeiter und Facharbeiterinnen gibt es nicht mehr. Der Beruf heißt jetzt Polsterer. Und die weibliche Ableitung davon? Polstererin oder Polsterin?

    1. Das Polster ist ein Sofakissen.

    2. Der Polsterer ist einer, der Sofakissen herstellt.

    3. Die Polsterin ist ein weibliches Sofakissen.

    Das Suffix -er ist im Deutschen eines der wichtigsten Ableitungssuffixe, um aus Verben, die eine Tätigkeit bezeichnen, jemanden (oder auch etwas) zu machen, der diese Tätigkeit ausübt. Zum Beispiel lehren: der Lehrer, kehren: der Kehrer. Das ist die Grundform, das so genannte und verrufene generische Maskulinum. Auch erkennbar am Artikel: das Polster – DER Polsterer. In diesem Fall blöd, weil sich mit der Suffigierung das Ende quasi verdoppelt: Polster-er-in. Und so wird schon das -er des Wortstammes (ein altes -ar) als Ableitungssuffix interpretiert. Ein Argument für meine Abneigung, beim Gendern die Substantive wie Weihnachtsbäume zu behängen. Ich plädiere dafür, die Mittel zu verwenden, die die Sprache sowieso bereitstellt: die Artikel!

    der Polsterer (Singular mask.)

    die Polsterer (Singular fem. und Plural fem. und mask. = generisch)

    (Zum Nachlesen empfehle ich noch einmal Gisela Zifonun)

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