Berauscht

Texte, die ich im Suff geschrieben habe, konnte ich am nächsten Tag in die Tonne hauen. Ideen, die unter Alk unglaublich faszinierend waren, Zusammenhänge, die sich mir überraschend eröffnet hatten, konnte ich nüchtern nicht mehr nachzuvollziehen. Die Texte waren Ich-bezogen und nicht leserInnen-orientiert, sprangen in wilden Assoziationen, die in keinem (erkennbaren) Zusammenhang standen, ohne Struktur, ohne roten Faden.

Dass Schreiben ein tranceartiger Zustand sein kann, habe ich an anderer Stelle schon beschrieben. Aber kann man den Schreib-Rausch verstärken und mit Alkohol oder anderen Drogen nachhelfen? In unserer Kultur hält sich hartnäckig die Vorstellung vom entgrenzten, rauschhaften Schreiben, bei dem gewisse – ähm – Substanzen alle inneren Schranken und Vorbehalte ausräumen und ein echter und wahrhaft kreativer Kern zum Vorschein kommt. Befreiung, völlige Loslösung bis zur Ekstase! Und waren Leute wie Hemingway, Rausch-Schreiber wie die französischen Surrealisten, Edgar Allan Poe, Jack London, Zecher wie Villon und Bellmann, Thomas De Quincey, waren das keine großen Dichter? Ich denke, diese Leute haben nicht gut geschrieben, weil sie Drogen genommen haben, sondern OBWOHL. Rausch bläst das Ego auf bis zum Popanz. Meine eigenen Erfahrungen aus meiner Jugendzeit (inzwischen trinke ich weder Alkohol noch nehme sonst Drogen): Texte, die ich im Suff geschrieben habe, konnte ich am nächsten Tag in die Tonne hauen. Ideen, die unter Alk unglaublich faszinierend waren, Kontexte, die sich mir überraschend eröffnet hatten, konnte ich nüchtern nicht mehr nachzuvollziehen. Die Texte waren Ich-bezogen und nicht leserInnen-orientiert, sprangen in wilden Assoziationen, die in keinem (erkennbaren) Zusammenhang standen, ohne Struktur, ohne roten Faden. Wär auch zu schön, wenn es so easy wäre: Der schüchterne Dichter (fast immer ein Mann), der sich mit einer Ladung Rotwein/Whisky/anderen Substanzen in seinem Arbeitszimmer einschließt und nach Tagen oder Wochen wieder zum Vorschein kommt, völlig übernächtigt und ausgebrannt, aber mit dem supergenialisten aller Texte in der Hand. Wunschtraum! Klischee-Alarm! Eine Form suchen, sich ausdrücken, und innere Widerstände und Selbstzweifel auflösen - unter Drogen scheint das gut zu funktionieren. Aber, hey, das ist ein Trugschluss. Denn der Berg wird größer, im Rausch spürt man ihn nur nicht mehr, aber er wächst und wächst, wenn man ihn nicht abträgt. Und schließlich kommt man überhaupt nicht mehr durch. Außerdem ist es viel spannender, den inneren Widerständen auf den Grund zu gehen und sie damit aufzulösen. Dauert länger, klar. Gibt aber auch wieder Stoff für's Schreiben, oder?

veröffentlicht von Anke Engelmann am 16.03.2015

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