Betroffenheitsprosa?

Ich mag keine Betroffenheitsprosa. Dabei müsste ich als Poesietherapeutin eigentlich »Hurra!« schreien, wenn sich jemand schreibend mit Verletzungen und Traumata auseinandersetzt. Betroffenheitsprosa, was für ein unangenehm abwertender Begriff.

Habe mich gerade entschlossen, über ein biografisches Thema zu schreiben, und ich will auf keinen Fall "Betroffenheitsprosa" fabrizieren. Betroffenheitsprosa? Was für ein unangenehm abwertender Begriff! Vermutlich stammt er aus "Dummdeutsch" von Eckhard Henscheid, einem satirisch gemeinten Wörterbuch im Nachklang der 68er, aus dem sich auch der "Gutmensch" in unseren Wortschatz aufgemacht hat.

Aber ich finde kein besseres Wort, Kitsch trifft es nicht. Betroffenheitsprosa (oder -lyrik), da weiß jeder was gemeint ist und sowas kann kitschig sein, aber nicht jeder Kitsch erzählt von Verletzungen. Mir fallen jede Menge Bücher ein, die mich sehr berührt haben und bei denen ich zu spüren meine, dass sich der Autor/die Autorin mit Gewalterlebnissen auseinandersetzt. Meist Entwicklungsromane, Quest, Aventiure (Der "Parcival"?). Zum Beispiel vieles von Angelika Klüssendorf. Oder Kerstin Mlynkec: Drachentochter. Und natürlich der Klassiker: Anton Reiser von Karl Philipp Moritz.

Erzählungen brauchen einen Konflikt, etwas, was den Helden, die Heldin treibt und oft ist das eine Wunde, ein Trauma. Ich lese gern Geschichten, in denen sich Leute aus ihrem Dreck rausarbeiten. Aber manchmal wird es mir als Leserin zu viel und ich denke: Wie peinlich! Oder unfreiwillig komisch, ja auch das. Und das würde ich "Betroffenheitsprosa" nennen.

Betroffenheitsprosa ist für mich: Der Autor/die Autorin schreibt über ein persönliches Thema und man merkt das dem Text an.

→ als Leserin fühle ich mich unangenehm berührt, der Text ist mir peinlich oder stößt mich ab, als hätte sich jemand vor mir entblößt, etwas sehr Intimes gezeigt

→ als Leserin bemerke ich eine innere Haltung des/der Autor/in: Sieh her! Sieh mich an, sieh mein Leid, meinen Mut, meine Tapferkeit!

Dazu gehört für mich auch die Kategorie der in seifigem Du-Ton geschriebenen Selbsthilfe- oder Ratgeber-Bücher. Bei denen höre ich den Ruf: »Sieh mich an! Das kannst du auch! Du musst nur ... (alles genau so machen wie ich)!« Der Abstand der/des Autor/in zum Geschriebenen stimmt nicht, ist entweder

  • zu nah, dann wird er/sie spürbar von Gefühlen überschwemmt und der Text wirkt kitschig (Beispiel? Vieles, was in Selbst- oder Zuschussverlagen erscheint.)
  • oder zu weit weg, dann wirds Pathos (Beispiel: "Als ich mich selbst zu lieben begann", ein Text, der fälschlicherweise Charlie Chaplin zugeschrieben wird, aber von Kim McMillen ist. Einen Artikel über die Neuzuschreibung der Urheberschaft habe ich hier gefunden)

(Frage: »zu nah/zu weit weg« in welchem Bezugssystem?)

Welche Merkmale hat so ein Text?

  • kopflastig, viel Analysen und Erklärungen, wenig Handlung
  • Gefühle werden behauptet, Empfindungen nicht gezeigt,
  • Personen bleiben blass, werden oft nicht beschrieben
  • Verallgemeinerungen
  • Verwendung von Signalwörtern, die emotional aufgeladen sind
  • die innere Distanz zum Stoff stimmt nicht:
    • Erzähler/in steckt im Stoff fest: Die »Genau so war es!«-Haltung: Das Erlebte wird nicht als Material behandelt, nicht gewalkt und geknetet, nicht damit gespielt, sondern 1:1 geschildert. Wenn der Stoff oder die Personen eine eigene Richtung nehmen, wird der nicht nachgegangen
    • bei Schilderungen wiederum ist eine Distanz zu spüren: »Ich spürte, wie ...«, »Ich sah, wie ...« statt in den »Stream of Consciousness« einzutauchen.
  • auktorialer Erzähler schimmert durch.

veröffentlicht von Anke Engelmann am 13.10.2018

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