Das, dass, daß und der Sprachwandel

Das ß wurde oft tot gesagt und hat doch überlebt. Dass (Das?) das deutsche Alphabet einmal in Schreib- und Druckschrift zwei kleine S unterschied, weiß heute kaum jemand, und so hat das ß eine Umdeutung erfahren: aus zwei wurde eins.

Ob ich Probleme hätte, wenn alle Beiträge der Anthologie in der alten Rechtschreibung abgedruckt würden – also auch meiner, fragte ein Verleger, dem ich einen Text eingereicht hatte. Zwar schriebe ich sowieso vieles nach der alten, doch Eingriffe in meine Orthografie lehnte ich grundsätzlich ab, antwortete ich und fragte nach: Ob z.B. in der Ausgabe die Konjunktion »dass« oder andere Worte mit kurzem Stammvokal (Schluss, Stuss, muss) mit »ß« geschrieben würden?

»Wir schreiben grundsätzlich daß«, schrieb der Verleger zurück, »wir haben ebenfalls klare Vorstellungen was ›richtig‹ ist«.

Hiermit möchte ich betonen - Ich habe keine klaren Vorstellungen, was »richtig« ist. Im Gegenteil: Kategorien wie »richtig« oder »falsch« lehne ich für die Sprache ab. Ich entscheide, was ich für sinnvoll halte und dann schreibe ich so. In Seminaren, bei Lektoraten oder auf meiner Homepage biete ich mein Sprachwissen an. Keinesfalls würde ich anderen meine »Vorstellungen« aufzwingen, wenn ich merke, sie wissen, wovon sie schreiben.

Sprachliche Regeln sind sinnvoll, denn sie dienen der Verständigung, vor allem, wenn sich alle nach demselben Regelsystem richten. Aber Regeln sind starr und die Wirklichkeit überholt sie. Immer! Deshalb müssen sie hinterfragt, und, wenn sie keinen Sinn mehr machen, gebrochen werden – denn von allein ändert sich nix. Regelverstöße müssen für mich sinnvoll sein und gut begründet werden, wer die Regeln überwinden will, muss sie kennen.

Wir Berufs-SchreiberInnen haben eine besondere Verantwortung zur Sprachpflege. Ein »Das ist richtig so« (meint: ich richte mich nach einem Regelsystem, das u.U. starr und unbeweglich ist und das ich nicht hinterfragt habe) würde ich, z.B. als Korrektorin, nicht gelten lassen. Wenn ein Verlag so argumentiert, finde ich das – nunja – erschreckend. Sprachwandel folgt Gesetzen, und die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen.

Das ß stammt aus einer anderen Schreibepoche und wird heute anders interpretiert als damals, nämlich als ein Buchstabe. Tatsächlich ist es ursprünglich ein Doppelbuchstabe und entstand aus der deutschen Schrift, die vor über 70 Jahren (1941) abgeschafft wurde. (Hitler nannte die deutsche Schrift übrigens abfällig »Schwabacher Judenlettern«, nehmt DAS, ihr Frakturfreunde und »Tod-allen-Kinderschändern«-Nazis!). Heute hat das ß vor allem einen Lautwert (scharfes S) und wird nach langen Vokalen (z.B. Diphthongen) z.B. am Wortende geschrieben: ich weiß, heiß.

Auch die letzte Rechtschreib-Reform ist schon wieder mehr als zwei Jahrzehnte her (1995). Damals hatte man zunächst dafür plädiert, das ß ganz abzuschaffen, im Englischen (oder anderen Sprachen) komme es nicht vor, so das Argument. Doch das ß ist immer noch da. Sprachwandel eben. Einige der ehemals strikten Regeln sind aufgeweicht und der Schriftgebrauch hat sich dem Sprachgefühl angenähert – zum Beispiel bei der Konjunktion »dass«, wo der kurze Stammvokal inzwischen regelhaft mit Doppelkonsonant gekennzeichnet wird. Das hat sich eingebürgert, und ich finde das gut.

Warum allerdings der Artikel »das« mit einem »s« geschrieben wird, leuchtet mir nicht ein. Auch wenn bei häufig verwendeten (stark frequentierten) Wörtern Ausnahmen oder Unregelmäßigkeiten eher toleriert werden als bei seltenen.

(Anmerkung: Warum bei diesem Wort die Kennzeichnung der grammatischen Funktionen, nämlich »dass« als Konjunktion: »Ich sehe, dass das Haus an der Ecke steht«, und »das« als Artikel/Relativpronomen »Ich sehe das Haus, das an der Ecke steht«? Unnötig kompliziert! Für Schnell- und Vielschreiber ist die Trennung von »dass« und »das« eine ständige Fehlerquelle. Auch für mich – und ich kenne die Regeln! Logischer und einfacher wäre, beide Wortarten gleich zu scheiben und zwar (kurzer Stammvokal) mit Doppel-S (»dass«). Anmerkung 2: Allerdings müsste dann auch ess (statt es) oder mann (statt man) geschrieben werden. Ersteres kommt bestimmt irgendwann, letzteres ganz sicher nicht. Anmerkung 3: Die Variante: »Ich sehe, das das Haus an der Ecke steht« ist mir sympathischer. Das Doppel-S ist die sehr spezielle (= markierte) Form und die LeserInnen würden das Wort zuerst als Konjunktion interpretieren, auch wenn nur der Artikel steht.)

Die Geschichte des »ß« Seit ihrer Abschaffung 1944 wird die (alte) deutsche Schrift nur noch vereinzelt geschrieben. Dass (Das?) das deutsche Alphabet einmal in Schreib- und Druckschrift zwei kleine S unterschied, weiß heute kaum noch jemand, und so hat das ß eine Umdeutung erfahren: Aus zwei wurde eins. Nur so konnte das ß überleben. Entstanden ist es aus der Ligatur (Verschmelzung) zweier Buchstaben, also als Doppelkonsonant. Genauer gesagt flossen zwei unterschiedliche kleine S zusammen, nämlich: ʃ und ɕ. (Deshalb gibt es das ß bislang nur als kleinen Buchstaben).

Eine Ligatur diente der Verkürzung und funktionierte nur, wenn die Buchstaben tatsächlich in der entsprechenden Reihenfolge standen. Und das war nicht immer der Fall. Und jetzt folgt exklusiv die Erklärung, wann man in der deutschen Schrift welches S benutzt hat. Gefunden habe ich das in: Helmut Delbanco: Schreibschule der deutschen Schrift, herausgegeben vom Bund für deutsche Schrift und Sprache e.V. (2014, 9. Auflage):

ɕ (das End-S) stand am Wortende, am Ende eines Teilwortes und vor Nachsilben wie -lein, -chen, -haft, -bot, -heit, und -lich, weil diese sinntragenden Nachsilben als Teilwörter galten. Das ʃ stand überall, wo das End-S nicht stand, also: - am Wort- und Silbenanfang, - im Inneren eines Wortes (z.B. auch in Buchstabenkombinationen wie -sch-, -sp-, -st-) Die Kombination [ʃɕ] stand demnach, wenn das zweite S ein Wort oder Teilwort abschloss: Faʃɕ, Kuʃɕ, ich muʃɕ, Imbiʃɕbude, ich saʃɕ, miʃɕ-achten, Gewiʃɕ-heit, daʃɕ, Täʃɕ-chen, eʃɕ-bar, häʃɕ-lich (heute: Fass, Kuss, ich muss, Imbissbude, ich saß, missachten, Gewissheit, dass, Tässchen, essbar, hässlich) Und: Für [ʃɕ] durfte in der deutschen Schrift immer ß geschrieben werden.

Wie gesagt: Das ist unglaublich lange her. Geschrieben wurde damals mit einer Feder, die in ein Tintenfass getunkt wurde, auch Schreibmaschinen existierten bereits. Die Kinder lernten auf Schiefertafeln schreiben. Füller mit Tintenpatronen, Kugelschreiber oder gar Computer waren nicht in Sicht. Kaum vorstellbar. Meinen Text habe ich übrigens zurückgezogen. Aber gut, das wir drüber geredet haben. Und schön, das, dass und daß die Sprache so bunt sein kann.

Noch eine Literaturempfehlung zu dem Thema: Frank Müller: ß. Ein Buchstabe wird vermisst. Eichborn-Verlag, Frankfurt a.M., 2008

veröffentlicht von Anke Engelmann am 02.08.2015

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