Der Schreibprozess nach Ulrike Scheuermann

Schreibprozessmodell nach Ulrike Scheuermann: Ich fasse hier die Kritik zusammen, die sich für mich aus der Beobachtung meines eigenen Schreibens sowie aus meiner Arbeit als Schreiblehrerin ergeben haben.

Seit einer Weile beiße ich auf dem Modell des Schreibprozesses herum, das die Schreibtrainerin Ulrike Scheuermann in ihrem Buch »Wer schreiben kann, macht Karriere« vorgestellt hat. Als ich das Modell vor einigen Jahren kennengelernt habe (damals begann ich gerade, mich mit dem Schreiben zu beschäftigen), hat es mich sehr angesprochen. Vor allem die Erkenntnis, dass zum Schreiben mehr gehört als Worte aufs Papier zu bringen, hat mich regelrecht elektrisiert und befreit, denn dass das Schreiben ein Prozess ist, bei dem sowohl vor dem Aufschreiben (Scheuermann: »Rohtexten«) als auch danach noch viel passieren muss, hatte mir nie jemand gesagt. Inzwischen sehe ich die Sache differenzierter. Natürlich liegt es in der Natur eines Modells, stark zu vereinfachen. Meine Kritik, die auf der Beobachtung meines eigenen Schreibens sowie aus meiner Arbeit mit dem kreativen Schreiben fusst, hat allerdings mit dem Modellcharakter nichts zu tun. 1. M.E. geht Scheuermann zu wenig darauf ein, dass jeder Schreibprozess von den individuellen Voraussetzungen der Schreibenden geprägt wird. Vor allem der Schreibtyp beeinflusst die Dauer und Intensität der einzelnen Phasen. Wenn ich von dem Zwei-Typen-Modell ausgehe, das Sch. selbst benutzt (bei ihr: »Planer« und »Drauflosschreiber«, ich nenne die Typen lieber »Outliner«=PlanerInnen und »Discovery Writer«= entdeckende SchreiberInnen) ist klar, dass das Modell nicht universell greift. Bei den PlanerInnen, die viel Struktur und Vorüberlegungen brauchen, passiert die konzeptionelle Arbeit vor dem »Rohtexten«, bei den entdeckenden SchreiberInnen beim Überarbeiten oder gar während des Rohtextens selbst. Nach meinem Eindruck richtet sich Scheuermanns Modell an PlanerInnen, wie übrigens die meisten Schreibratgeber. Weil ich selbst mehr zu der anderen als zu dieser Kategorie gehöre, konnte ich auch mit den weiterführenden Übungen, die Scheuermann anbietet, z.B. den Schreibstreckenplanern, nichts anfangen. 2. Wenn ich zudem den Schreibprozess als kreativen Prozess sehe, fehlen mir bei ihr explizit ausgewiesene Phasen der Inkubation (nach der Kreativitätstheorie von Csíkszentmihályi), also nichtproduktive Phasen, in denen anscheinend nichts entsteht, aber Überlegungen und gesammelte Informationen miteinander reagieren. Ich nenne dieses Blubbern und Reifen Fermentierung, es ist ein unumgänglicher Bestandteil jedes schöpferischen Prozesses. Wem das nicht bewusst ist, wer also nicht akzeptiert, dass auch unproduktive Phasen zum Schreiben gehören, könnte das als Schreibblockade interpretieren und frustriert aufgeben. 3. Meiner Erfahrung nach läuft der Schreibprozess, wie andere kreative Prozesse auch, nicht linear, sondern in Schleifen, oder besser, in Spiralen ab. Vor allem bei längeren Texten, deren Rohfassung nicht in einem Ritt zu erstellen ist, findet m.E. nach ein permanentes Pendeln zwischen Sammeln, Fermentieren, Rohtexten und Überarbeiten statt. Welche Varianten die Schreibenden nutzen, ob sie ihren Text immer wieder neu verfassen, ob sie laufend überarbeiten oder sequenziell, hat der Germanist Hanspeter Ortner zusammengestellt und typisiert. 4. Zu jedem Schreibprozess gehört m.E. ein Fundament, das mehr oder weniger stark vorhanden sein kann und das beim Schreiben permanent abgerufen und aktualisiert wird. Das ist natürlich die Schreibroutine, aber auch Textsorten-Wissen, das durch Lesen erworben wurde. Nach jahrelanger und vielfältiger Lektüre entsteht ein Gefühl für Texte, ihren Aufbau und ihre Struktur, Vorlieben und Abneigungen kristallisieren sich heraus, zudem sind viele Leseerlebnisse mit der eigenen Biografie verknüpft und emotional geprägt. Dieses Konvulat aus Halbbewusstem, Wissen und diffusen Gefühlen prägen Produkt und Prozess. Bei wem dieses Fundament gut ausgebildet ist, wird intuitiv, aus dem Bauch heraus, Formen und Strukturen entwickeln und leichter damit spielen können. Schreibende jedoch, die wenig gelesen haben, müssen sich Wissen über die jeweilige Textform erarbeiten, darüber, wie der Text funktioniert und welche Mittel sie einsetzen können. Manchmal geht das im Nachhinein mühsam und kopfgesteuert - entsprechend sehen Prozess und Produkt aus. In einem solchen Fall könnte eine gute Planung auch den entdeckenden SchreiberInnen helfen. Nach all diesen Überlegungen reizt es mich, meinen eigenen Schreibprozess modellhaft zusammenzufassen. Demnächst wahrscheinlich mehr dazu. Interessant fände ich zudem, die Frage nach dem Warum zu stellen, der Motivation. Warum schreibe ich? Vielleicht will ich mein eigenes Lektüre-Gefühl verstärken, indem ich es schreibend selbst hervorbringe? Eine Art Rückkopplung herstellen? Ich finde, die Frage nach dem Zweck des Schreibens müsste neu diskutiert werden. Und das Lesen gehört unbedingt dazu. Literaturempfehlungen: Ulrike Scheuermann: Wer schreiben kann, macht Karriere. Verlag Linde, Wien, 2009 auch hier: Homepage von Ulrike Scheuermann Sandro Zanetti (Hrsg.): Schreiben als Kulturtechnik. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Berlin, 2012 Hanspeter Ortner: Schreiben und Denken, Tübingen: Niemeyer 2000

veröffentlicht von Anke Engelmann am 16.03.2015

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