E-Book oder Papierbuch?

Der Weihnachtsmann (danke Mutti!) hat mir einen E-Book-Reader beschert.

Weil ich inzwischen tief im Lesebrillen-Alter stecke, war ich angetan von der Möglichkeit, Geschriebenes so lesefreundlich zu machen, wie ich es brauche: die Buchstaben zu vergrößern, eine andere Schrift einzustellen oder das Display zu beleuchten. Zudem reizt mich die Möglichkeit, mit Hyperlinks einen Text mehrdimensional aufzufächern. Und nicht zuletzt der praktische Aspekt: Wer will schon auf längeren Reisen einen Stapel fette Schwarten mit sich herum schleppen?

Auf dem Reader waren unendlich viele, gemeinfreie Bücher vorinstalliert, ich entdeckte Rilke-Gedichte und schmökerte los. Und musste schnell die Brille wieder rausholen, denn wenn ich die Schrift größer stellte, gab's mitten in der Verszeile einen Zeilenumbruch. Und das geht ja nun garnicht! Sakrileg!

Überhaupt: Kein Layout mehr. Kein wohlausgewogener Gesamteindruck von Schriftbild und Seite. Bei der Zeitungs- und Buchgestaltung kann die richtige Zeilen- und Buchstabenaufteilung echte Fitzelarbeit sein: Blocksatz so zu spationieren, dass keine großen Löcher entstehen, die das Schriftbild zerreißen. Dieses Problem gibt's bei E-Books schonmal nicht. Doch ich finde es irritierend, dass die Formatierungen variabel sind und Satzspiegel und Seitenaufteilung sich ändern. Schrift pur. Nichts sonst.

Daran habe ich gemerkt, wie wichtig mir der Griff zum gedruckten Buch ist. Jedes ist einzeln und unverwechselbar. Schrift, Satzspiegel, Papierstärke, Dicke, die Stärke des Einbandes, Geruch, Fettflecken und Eselsohren, geben ihm etwas Unverwechselbares, Persönliches. Vermutlich wird das digitale Lesen unser Verhältnis zu Texten grundlegend verändern. In einem E-Book-Reader stecken alle Geschichten in derselben Verpackung. Für mich geht damit etwas von ihrem Glanz verloren. Wie ändert sich der Inhalt, wenn die Form beliebig ist?

veröffentlicht von Anke Engelmann am 02.01.2016

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