Im Deutschen sind Männer immer weiblich

Vom Reichtum unserer Sprache

Puttenpuller, eindeutig männlich - oder?, Bild: Anke Engelmann
Puttenpuller, eindeutig männlich - oder?, Bild: Anke Engelmann

Unsere Sprache, das sind die Geschichten, die die alten Wörter tragen. Das ist die fließende Prosa eines gut geschriebenen Romans ebenso wie das Stakkato eines Rap-Gesangs, der über’n Hinterhof schallt. Das sind Humor, Erfindungsreichtum und der kreative Witz des deutschen Volksmundes. Sprache ragt aus der Vergangenheit in die Zukunft. Was für eine Fülle! Was für ein Schatz, der urdemokratisch allen gehört! Eine lebendige Substanz aus Bedeutung, Formen und Strukturen, die sich weitgehend selbst reguliert und gesellschaftlichen Veränderungen anpasst.

Natürlicher Sprachwandel braucht Zeit. Regelungen per Dekret werden als Zwang empfunden, als Ein- und Übergriff in zutiefst Privates. Der Asterisk zum Beispiel, auch Genderstern genannt. Er soll Kategorien anzeigen, die, glaubt man Umfragen und dem eigenen Eindruck, dem überwiegenden Teil der Sprachbenutzer völlig schnuppe sind. Vielleicht genau deshalb soll er irritieren und stören. Er sprengt die Wortgrenzen und zerhackt den Fluss der Gedanken, die sich artikulieren wollen. Der Asterisk kommt als Platzhalter aus der Computersprache. Er mutet so ahistorisch und unsensibel an, als wäre jemand – »Ei, was nehmen wir denn da?« – mit dem Zeigefinger über der Tastatur gekreist. Das bringt die Menschen auf. Wer braucht ein solches Ungetüm?

Der Normalbürger nicht. Er fühlt sich schon genug gegängelt von den kleinen Alltagsgemeinheiten deutscher Bürokratenseelen. Jetzt auch noch die Sprache! Permanent soll man um Fettnäpfchen und Tretminen herumeiern, mit uncharmantem Sprech, sperrig und unsexy. Sternchen hacken die Wörter in immer dünnere Scheiben (»Bürger*innenmeister*in«), Kongruenz funktioniert nicht mehr intuitiv, sondern man verheddert sich heillos, will man alles unter einen Hut bringen (»Ein*e kompetente*r Bürger*innenmeister*in«). Immer bürokratischer wird die Sprache, mit jedem genderneutralen Passiv, mit jeder »-schaft«-Wortbildung, mit jedem inflationären Gebrauch des Partizip I, der die Verlaufsform sprengt.

Alle sollen gemeint sein. Wenige fühlen sich angesprochen. Viele werden ausgeschlossen. Da würde es auch nichts helfen, der Buchstabenreihe (Achtung: englisch aussprechen!) LBGTQAI+, die sich aktuell hinter dem Stern schart, und die für marginalisierte und bislang unsichtbare Gruppen stehen soll, weitere hinzufügen: O zum Beispiel für Ossi. Oder Ü50. Nein, inklusiv geht anders. Schreib- und Leseunkundige, die sich mühsam, Buchstabe für Buchstabe, die Wörter und ihre Bedeutungen erschließen, irritieren die Zeichen und die abstrakte Kategorie, für die sie stehen. Sie bilden eine Barriere und versperren die Teilhabe am Schriftdeutsch. Inklusive Sprache ist nicht inklusiv. Sie ist exklusiv, erschaffen von und für Menschen mit akademischem Hintergrund, die trotz aller Bildung keine Ahnung von Grammatik haben.

Zum Beispiel übergehen sie die althergebrachten Genusmarker des Deutschen: die Artikel. Dabei zeigen die sich, genau wie die Personalpronomen, im Plural genderfluid stets in weiblicher Form. Grammatisch gesehen sind im Deutschen mehrere Männer (»sie«) immer weiblich. Zudem wäre es hilfreich, überkommene Begriffe auszumisten, denn seit Beginn der Grammatikschreibung des Deutschen werden die Kategorien Genus (grammatische Kategorie) und Sexus (biologisches Geschlecht) in einen Topf geworfen, was wesentlich zur Verwirrung beigetragen hat. Man könnte weiblich/feminin in DIE-Form umbenennen, männlich/maskulin in DER-Form, sächlich/neutrum in DAS-Form. Wären so nicht das Gender-Problem und das generische (sogenannte) Maskulinum zumindest auf der formalen Ebene elegant entschärft?

Leider nicht. Denn längst geht es um mehr. Das zeigt die Auseinandersetzung um Joanne K. Rowling. Der Erfolgsautorin brauste 2020 ein Shitstorm um die Ohren, der auch sexistische Beschimpfungen, Vergewaltigungsandrohungen und öffentliche Bücherverbrennungen einschloss – und zwar von Menschen, die sich als links begreifen. In diesem Zusammenhang entstand ein neues Kunstwort: TERF, »Trans Exclusionary Radical Feminist« (»radikale Feministin, die Transmenschen ausschließt«).

Denn auch Feministinnen gehören nicht per se zu den Guten. Nicht, wenn sie an der antiquierten Vorstellung festhalten, dass es biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt, Verzeihung, zwischen Personen mit und ohne Uterus. Joanne K. Rowling ist TERF, Alice Schwarzer ist es. Und ich bin es auch. Wie Rowling und Schwarzer bin ich dagegen, dass Schutzräume für Frauen, denen Männer Gewalt angetan haben, auch (Pardon) »Trans-Menschen mit Penis« offenstehen sollen. Rowling reagierte mit einem lesenswerten Essay, dem man das Bemühen um Ausgewogenheit anmerkt.[1]

Welchem Geschlecht, ob biologisch oder sozial konstruiert, mein Gegenüber sich zuordnet, ist mir in aller Regel völlig schnuppe. Ich möchte nicht immerzu mit der Nase darauf gestoßen werden. Wem hilft es, wenn Marginalisierte sich einen Opferstatus erkämpfen? Das verschleiert die wirklichen Widersprüche und bindet Kräfte in Stellvertreterkriegen. Dieser Kulturkampf macht mir Angst, die Melange aus moralischer Entrüstung, Pedanterie und George Orwell. Mich regt die unerschütterliche Selbstgewissheit von Leuten auf, die meinen, immer recht zu haben, weil sie auf der Seite der Unterprivilegierten und Verfolgten stehen. Denn das hat Mao Tse-tung auch behauptet. Und Stalin.

Am Glottisschlag, dem Pause gewordenen Genderstern, erkennt man, wer sich dazuzählt. Doch der Glottisschlag reicht nicht. Man ist genötigt, sich ständig selbst zu kontrollieren. Ist mir – o Schreck! – ein N-, M-, oder I-Wort herausgerutscht? Neue Retortenwörter sollen die belasteten Begriffe ersetzen, POC (»people of color«) zum Beispiel für Menschen mit dunkler Hautfarbe. POC! Wie kann man sich sicher in der Muttersprache bewegen, wenn Wörter von einem Tag auf den anderen nach Rassismus, Patriarchat, kolonialer Unterdrückung, alten weißen Männern, Mehrheitsgesellschaft und Heteronormalität stinken? Wie kann man sich an ihr erfreuen, wenn man von staubtrockenen Akronymen umgeben ist? Wörter können nicht böse sein. Nur die, die sie benutzen.

Jeder soll so sprechen, wie der Schnabel gewachsen ist. Auch die inklusive Sprache sei niemandem verboten. Ich begrüße jeden Sprachwandel und ich freue mich, dass unser Bewusstsein für Ungerechtigkeiten und Ausgrenzungen in den letzten Jahren so stark gewachsen ist. Dass die Diskussion um die Sprache uns bewusst macht, wie privilegiert und auf wessen Kosten wir leben. Aber niemandem dürfen sprachlichen Verrenkungen wie die oben beschriebenen aufgenötigt werden.

Schnell werden Kritiker mit der AfD in einen Topf gesteckt, oder schlimmer noch, in den sozialen Medien mit Dreck beworfen. Wer eine Moralkeule in der Hand hält, differenziert nicht. Er knüppelt drauflos. Zu den Vorrechten der Jugend gehört es, Forderungen zu stellen, die übers Ziel hinausschießen. Aber so geht das nicht! Man muss auch Sachen aushalten, die einem nicht gefallen! Zum Beispiel, dass nicht jede Peer-Group eine Dependance in der Sprache eröffnen kann.

Es ist die Aufgabe des Alters, ein Gegengewicht herzustellen, sodass sich die Gegensätze ausbalancieren können. Aber wo sind sie, die Alten, die Kulturbewahrer? Im Juli 2022 haben sich Wissenschaftler mit einem Offenen Brief aus ihrem Elfenbeinturm gewagt und sich gegen den Glottisschlag im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk ausgesprochen: Germanisten, Linguisten, Übersetzer, Koryphäen in den Neunzigern, als ich Linguistik studiert habe.[2] Zwei Jahre zuvor, im Juli 2020, hatten Intellektuelle und Künstler aus dem englischsprachigen Raum mit einem Offenen Brief für freie Meinungsäußerung plädiert.

»Der freie Austausch von Informationen und Ideen, das Lebenselixier einer liberalen Gesellschaft, wird täglich immer enger«, warnten die 152 Unterzeichner, zu denen neben Rowling u.a. Noam Chomsky, Margaret Atwood, Salman Rushdie und Daniel Kehlmann gehören. Sie konstatierten »eine Intoleranz gegenüber gegensätzlichen Ansichten, eine Vorliebe für öffentliche Schande und Ächtung und die Tendenz, komplexe politische Fragen in einer blendenden moralischen Gewissheit aufzulösen«.[3] Prompt wurde der Brief in den sozialen Medien als »Reaktion einer privilegierten Elite auf die Infragestellung ihrer kulturellen Hegemonie« gegeißelt, woraufhin einige der Unterzeichner wieder absprangen.

Der Reichtum unserer Sprache spiegelt unseren kulturellen Reichtum. Ihn muss man teilen, ihn muss man verschenken. Er ermöglicht Freiheit, und zwar allen. Gerade wer aus der DDR kommt, kennt die subtile Schizophrenie der Anpassung und sollte es vehement ablehnen, sich neben der privaten eine öffentliche Sprache anzutrainieren, die ideologisch motiviert ist. Schon jetzt werden an einigen Universitäten Hausarbeiten ohne Asterisk bei der Bewertung eine Note herabgestuft. »Wenn wir nicht genau das verteidigen, wovon unsere Arbeit abhängt, können wir nicht erwarten, dass die Öffentlichkeit oder der Staat es für uns verteidigen.«[4], heißt es in dem Offenen Brief aus Übersee. Dem kann ich mich nur anschließen.


Anke Engelmann hat Germanistik mit dem Schwerpunkt Sprachgeschichte und Linguistik studiert. Sie unterrichtet Alphabetisierung und kreatives Schreiben und ist als Schriftstellerin, Lektorin, Journalistin und Herausgeberin tätig.

Quellen:
[1] Essay von J. K. Rowling, abgedruckt in der Emma September/Oktober 2020 [19.1.2023]

[2] Linguistik vs. Gendern. Offener Brief deutscher Sprachwissenschaftler vom Juli 2022 [13.9.2022]

[3] Offener Brief von Intellektuellen, Schriftstellern und Künstlern vom 7. Juli 2020 [19.1.2023], (Übersetzung der Autorin)

[4] ebda.

Der Beitrag erschien im Palmbaum, Literarisches Journal aus Thüringen (Hg. Jens-Fietje Dwars), Quartus Verlag Bucha bei Jena, Heft 1/23

veröffentlicht: Anke Engelmann, Dienstag, 15.08.2023

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