Katzenmorgen

Glückskatzen, Dreifarbkatzen. Die beiden Tiere hocken auf der anderen Seite des Zauns. Warten sie auf die alte Frau, die ihnen gestern Futter gab? Zum zweiten Mal bin ich heute mit dem Rad zu einer Morgentour unterwegs. Es ist halb neun. Wie gestern ist das Tor am Eingang zum Badesee verschlossen. Doch gestern kauerte eine weißhaarige Dame auf dem Bürgersteig und füllte einen flachen Teller. Die Katzen strichen ihr um die Beine und sie redete ihnen beruhigend zu. Ein Mann in roter Jacke kam näher, blieb stehen. Vielleicht wird er schimpfen, dachte ich. Weil doch jemand die wilden Katzen füttert. Doch er sagte ein paar freundliche Worte des Einverständnisses. Etwas wie: Wo ist denn die Graue? Im Vorbeifahren sah ich seine Augen. Sie strahlten. Und dann taucht seine rote Jacke am Ende der Straße auf. Ich fahre vorbei, will ihn grüßen, doch er sieht mich ruhig an, ohne ein Zeichen des Wiedererkennens. Am Autohandel beladen zwei Männer einen Transport. Einer fährt mit einem Pkw rückwärts die Laderampe hinauf. Er ist schon am Ende der Rampe, doch er gibt noch einmal kurz Gas. Noch einmal. Hat er keine Angst, herunter zu fallen? Ein Stück weiter die Straße herunter die Katzenfrau. Frau Ahavzi. Neben ihr eine noch ältere, die sich langsam mit ihrem Rollator bewegt. Ein Zufall hat mich in eine fremde Welt getragen. Die Katzen, die genau wissen, wann die Frau mit dem Futter kommt. Der Mann mit der roten Jacke, der jeden Morgen das Tor aufschließt. Und ich, Außenstehende noch, werde jeden Morgen, mit jeder Begegnung ein Teil von dieser Welt. Ist diese Welt auch ein Teil von mir?

veröffentlicht von Anke Engelmann am 06.03.2012

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