Papierkorb oder Schatzkiste?

Mein Rechner ist voll mit angefangenen und nie fertig gestellten Geschichten, Skizzen, Beschreibungen, Situationen. Lange Zeit habe ich mich deshalb schlecht gefühlt, eine Versagerin.

Wahrscheinlich bin ich zu faul, habe zu wenig Disziplin, Phantasie, Zeit oder Geld und überhaupt bin ich keine »richtige« Schriftstellerin, denn die sehen sofort, ob Potenzial in einer Geschichte steckt, und vergeuden nicht unnütz ihre Kraft. Oder beim Schreibseminar in Wolfenbüttel, als wir über unser Schreiben nachdenken sollten. »Ich sichte zuerst meine halb fertigen Sachen«, habe ich gesagt. »Manchmal entdecke ich plötzlich das andere Ende einer Geschichte.«

Die anderen haben vielleicht komisch geguckt. Verständnislos. Die ziehen immer jede Menge guter Einfälle aus dem Hut, ein ganzes Feuerwerk kreativer Ideen. Und ich? Wühle im Abfall! Dabei lese ich oft in meinem Steinbruch-Ordner herum und denke: Wow! Das ist gut! Das würde ich gern mal verwenden! Und immer öfter klappt das auch: Ich arbeite an einer Sache, ein Thema verdichtet sich beim Schreiben, ich denke: »Moment, da hatte ich doch was!« Und siehe da, ein bisher ungerichteter, schwebender Text passt sich nahtlos ein wie ein Puzzle-Stück.

Heute weiß ich: Es gibt keinen Abfall. Das sind Schätze! Intuitiv habe ich alles richtig gemacht: gesammelt! Ich hatte nur eine falsche Vorstellung übers Schreiben. Inzwischen habe ich eine Schatzkiste, nur für die losen Diamanten, die ich an passenden Stellen einfügen kann und die die Geschichten zum Funkeln bringen.

Literatur-Tipp: Hanns-Josef Ortheil: Schreiben dicht am Leben. Notieren und Skizzieren. Mannheim, Dudenverlag 2012

veröffentlicht von Anke Engelmann am 22.09.2015

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