Plausibel oder Kunst? Provokant oder schlecht gemacht?

Der Roman »Gittersee« von Charlotte Gneuß und die Debatte darüber

Viel ist über »Gittersee« von Charlotte Gneuß diskutiert worden, über die »Fehler« die der Roman vermeintlich enthält und die sich genüsslich aufzählen lassen. So hätte in den siebziger Jahren in der DDR niemand freiwillig in der Elbe gebadet. Schokoriegel kamen erst Ende der Achtziger in die Läden. »Lecker« war ein typisches Westwort, über das wir uns nach der Wende lustig gemacht und es uns schließlich doch angeeignet haben. Hat die Autorin schlecht recherchiert? Die Lektorin schlecht gearbeitet? Oder steckt hinter allem ein künstlerisches Konzept?

Natürlich kann man das immer behaupten. Man müsse mit heutigen Worten über die DDR erzählen, aus der heutigen Erfahrungswelt auf die DDR schauen, argumentiert die Autorin. Bitte. Kann sie machen. Aber wenn dieses Konzept nicht überzeugt, ist das Buch nicht gut geschrieben. Wie kann es dann für den deutschen Buchpreis nominiert sein?

Egal, ob Fantasy-Welten, Mittelalter oder DDR: Ein Roman muss plausibel sein. »Gittersee« widerspricht der Erfahrung einer großen Gruppe von Leserinnen und Lesern. Für Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, und das sind immer noch mehr als eine Handvoll, ist »Gittersee« nicht plausibel. Dies abzutun, zeugt von einer gewissen – nunja – Arroganz. Nicht der Autorin, aber des S. Fischer Verlags und der Jury, die den Roman auf die Longlist des deutschen Buchpreises platziert hat.

Dass Ingo Schulze, der den Verlag auf diese Probleme aufmerksam gemacht hat, dafür als »Oberlehrer« beschimpft wird, sowie Bemerkungen wie die, dass die Ostdeutschen jetzt auch ihre Identitätsdebatte führten, machen ein schmerzhaftes Defizit deutlich. Die Literatur und die Filme über die DDR stecken oft voller Klischees und mäandern im Schwarz-weiß-Raum zwischen Stasi und Bürgerbewegung. Die Frage lautet nicht: Dürfen nur sozialisierte Ostdeutsche über die DDR schreiben? Die Frage ist: Finden wir Ostdeutsche uns mit unserer Geschichte wieder in der Literatur? Differenziert sie, zeigt sie Widersprüche, repräsentiert sie uns?

An »Gittersee« wird deutlich, ob fast 35 Jahre nach der Wende die DDR in der gesamtdeutschen Literatur angekommen ist. Findet eine Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit statt, jenseits vom Duktus der westdeutschen Hochkultur? Die Debatte zeigt: Nein.

veröffentlicht: Anke Engelmann, Montag, 02.10.2023

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