Stirbt die Schreibschrift? Wirklich?

Schreibschrift als Lernschrift abschaffen oder nicht? Diese Frage habe ich in meinem letzten Uni-Seminar den Studierenden gestellt und sie nach ihren Erfahrungen mit der Schreibschrift gefragt. Die Antworten waren niederschmetternd.

Abschaffen, war die überwiegende Meinung. Allenfalls als Kalligrafie im Kunstunterricht sollte man sie unterrichten. Die Kinder müssten so viel lernen heutzutage. Beim Schreibunterricht könne man sie entlasten, hieß es. Hm.

Ich persönlich finde, dass gerade das Schreiben entlastet, wenn es nicht als Werkzeug, sondern als Instrument verstanden und benutzt werden darf. Das gebe ich auch weiter in meinen Seminaren und zeige, wie das funktionieren kann. Jedenfalls war das wie Zahnschmerzen, ich habe mich gewunden und gedreht. Keine Schreibschrift mehr! Oijoijoijoi! Gewalt geschrien! Weltuntergang! Wer wird meine Briefe und Tagebücher (nein, die nicht), lesen und auswerten, wenn ich einst tot und berühmt bin? Ist der Tod der Schreibschrift aufzuhalten? Und bin ich jetzt - Äks! - eine Kulturpessimistin?

Die Rolle der Trägermedien

Zum Glück meißeln wir unsere Worte nicht mehr in Stein, jedenfalls nicht oft. Und wer würde noch mit Tinte aus Ruß und Eiweiß auf Tierhäute schreiben und die Illustrationen mit dem Sekret zerquetschter Purpurschnecken, zermahlenen Lapislazuli oder Schwefel colorieren? Die Geschichte des Schreibens ist mit den Trägermedien, dem Werkzeug und dem Material verbunden. Schnelligkeit setzt sich durch, Verfügbarkeit von Werkstoffen, gesellschaftliche Strömungen, die die neuen Medien benutzen wie bei der Reformation geschehen.

Und ich bin skeptisch. Okay, Schnelligkeit, Weiterverarbeiten auf verschiedenen Kanälen, Verbreitung, okayokayokay. Aber: Die Werkstoffe, aus denen die neuen Medien bestehen, sind nicht unbegrenzt frei verfügbar. Die Dinger sind nicht haltbar; ein gut gemachtes Buch hält länger. Wer weiß, ob man die Daten der Trägermedien in zehn, ach, in fünf Jahren noch auslesen kann. Vermutlich nicht. (Ich sage nur: Disketten! Ja! Genau!)

Gänsefeder, Metallfeder mit Tintenfass zum Eintunken, mit Tank oder mit Mine, Schreibmaschine, Computer, Spracheingabe: Bei jeder neuen Technologie hat sich das Schreiben als Kulturtechnik und sein Stellenwert in der Gesellschaft verändert. Wird wieder mehr mit der Hand geschrieben, und zwar Schreibschrift, seit man Smartphones und tablets wie Notizblöcke verwenden und per App das Handgeschriebene in Druckschrift übertragen kann?

Ist die Schule schuld?

Wir haben Siri, Microsoft Dictat und Dragon, die Gesprochenes in Schrift umwandeln. Aber wir haben auch Instrumente, um der Schreibfaulheit entgegenzusteuern. Den Schreibunterricht zum Beispiel. Das Schreiben zu erlernen, ist so aufwendig wie Autofahren. Das braucht viel Übung, nein, es gibt keine Abkürzung. Bei uns, sprich Schule im Osten, war zuerst die Schreibschrift dran und dann die Druckschrift. Wir mussten seitenweise Bögen malen, die alle gleich aussehen sollten, Zacken, Kringel, die Buchstabenverbindungen.

Ich fand das nicht schlimm, habe das als Oase im Lernstress empfunden. Als würde ich Mandalas malen. Seit einigen Jahren (oder im Westen? Seit 68?) hat das Üben einen schlechten Ruf. Man setzt im Schreibunterricht die Priorität anders, lehrt erst Druckbuchstaben, dann Schreibschrift. Seit wann das so ist, konnte ich nicht rausbekommen, ich glaube jedoch, hier liegt die Ursache für das Siechtum der Verbundschrift. Zwei Schriftarten zu lernen, überfordert die Lese- und Schreibneugier der Kinder. Eine Frage der Ökonomie: Warum sollten sie eine zweite Schrift lernen? Die erste reicht doch völlig!

Sind wir nicht alle ein bisschen Druckschrift?

Was ich öfter in meinen Kursen beobachte, nach meinem Eindruck überwiegend bei Leuten, die in der alten BR schreiben gelernt haben: Die Leute tippen mit Computer/ tablet, weil sie – eigene Aussagen – ihre (Hand-)Schrift nicht lesen könnten. Zudem schreiben einige auch mit der Hand eine Art Druckschrift, allenfalls einzelne Buchstaben seien verbunden, ohne dass sie deshalb langsamer schreiben würden, so die Studierenden.

Hey. So schreibe ich auch. Nie ein Wort in einem Zug. Ich setze neu an, lasse Lücken, immer. Einige Buchstaben stehen bei mir als Solitäre, einige sind nach rechts verbunden, aber nie nach links. Ganz sicher sind wir alle ein bisschen Druckschrift. Auch die Zugewanderten lernen zuerst die Druckschrift, die Schreibschrift eignet sich fast keine/r an. Dazu noch die Rechtsseitigkeit derjenigen, die aus dem arabischen Schriftraum kommen. Mit der lateinischen Schrift wird sie quasi umerzogen, aber unterschwellig bleibt sie.

Die arabisch Literarisierten schreiben oft die lateinischen Buchstaben auch von rechts nach links wie arabische Zeichen, meist mit vielen Schleifen und Kringeln, da hilft kein Training. Was das wohl für Auswirkungen auf die lateinische Verbundschrift haben wird? Aussterben wird sie nicht, jedenfalls nicht sofort. Aber sie wird elitär, vermute ich. Wie sehr, ist von vielen Ursachen abhängig.

An einigen Schrauben könnte man drehen. Das muss die Gesellschaft wollen, sprich, es einfordern. Pauschal über den Untergang erst der Handschrift, dann des Schreibens und schließlich des Abendlandes zu lamentieren, nützt nix.

Literaturempfehlungen: Ute Andresen (Schreibpädagogin)

Daniel Pennac: Wie ein Roman

Zur Geschichte der Schreibschriften,

der deutschen Kurrentschrift: kurzer Überblick

Sandro Zanetti: Schreiben als Kulturtechnik

veröffentlicht von Anke Engelmann am 01.12.2017

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