Von »Ende« bis Buchladen VIII: Günter Grass war nicht kleinwüchsig

Der »Blender« ist da – und nun? Autorinnen-Geplauder übers Autorinnen-Dasein.

Der 16. Februar hat mein Leben völlig verändert. Der »Blender« hat mich aus meinem kuschligen Arbeitszimmer in die Öffentlichkeit katapultiert. Seit seinem Erscheinen bin ich das Gesicht des »Blender«, ich sitze auf Podien und hinter funzligem Leselicht, ich artikuliere in Mikrofone und lächle ins Publikum, denn mein Name steht auf dem Cover.

Dass ich allein im Rampenlicht stehe, ist eigentlich zu viel Ehre. Was wäre ich ohne den Verlag? Voland & Quist hat aus meinem Text ein Buch gemacht, das auf- und gefällt. Voland & Quist organisiert Lesungen und Vertrieb, macht die Pressearbeit und verhandelt Honorare, Fahrgeld und Übernachtungskosten.

Wie behauptet sich ein Buch in der Fülle des Marktes? 2024 gab es 65.714 Neuerscheinungen, davon 58.346 Erstauflagen (ohne Selfpublishing), so der Börsenverein des deutschen Buchhandels. Literarische Qualitäten spielen auf dem Buchmarkt selten die Hauptrolle. Gute Bücher gehen still unter, mittelmäßige werden gepusht und gehypt, weil Großverlage große Summen in Werbung stecken können. Autorinnen werden gesucht, die die richtige Aufmerksamkeit generieren, sodass sie dem Verlag weitere Bestseller liefern können.

Bei mir ging es gut los. Die Resonanz auf die ersten Lesungen und die Kritiken überwältigen mich. Überwiegend positiv bis begeistert, allerdings fast alle aus dem Osten der Republik. Das Thema DDR scheint doch eine gewisse Hürde für den westlichen Teil der Republik darzustellen. »Wir zielen mehr auf eine jüngere Zielgruppe« – als würden junge Menschen nur Bücher lesen, die Gleichaltrige geschrieben haben!

Geändert hat sich auch mein Blick auf den »Blender«: Von der Autorin werde ich zur Interpretin. Wie im (schlechten) Deutschunterricht fragt man mich: Warum macht der Held das? Warum macht er jenes nicht? Und ist dieses vielleicht eine Metapher für …? Oder: Ob es für mich als Frau schwer gewesen sei, mich in eine männliche Hauptfigur einzufühlen. Besonders mag ich: »Was wollten Sie uns mit dem ›Blender‹ sagen?« Leute, woher soll ich das wissen? Vieles habe ich doch erst jetzt begriffen! Und übrigens, Günter Grass war auch nicht kleinwüchsig!

Wem der »Blender« gefällt, das habe ich nicht in der Hand. Auch nicht, wie andere ihn lesen. Schließlich kann ich nicht neben jeder Leserin und jedem Leser sitzen, mit dem Finger auf Textstellen deuten und erklären, wie ich sie gemeint habe. Das wäre, nebenbei bemerkt, total langweilig und nervig noch dazu. Allerdings, sollten Sie diesbezüglich Ambitionen haben, können wir gern für ein angemessenes Honorar einen Exklusivtermin vereinbaren.

Für alle mit schmalem Geldbeutel kann ich kurz die wichtigsten Antworten geben: Warum ein DDR-Roman? Weil ich als Journalistin am besten über das schreiben kann, was ich kenne. Warum ein Schelmenroman? Weil ich Bücher mag, die gelesen werden. Nicht so’n kopflastiges, schweres Zeug für Leute, die elitär unterwegs sind. Ich finde, wir alle haben das Recht, unterhalten zu werden, gerade in Zeiten wie diesen.

Geschrieben habe ich weitgehend intuitiv. Geprägt von meinen Leseerfahrungen (Grimmelshausen! Blechtrommel!), von meinen Lebenserfahrungen, von den historischen Ereignissen, die ich wie Pflöcke in den Plot gerammt habe, von dem, was die Figuren eingefordert haben und wohin mich die (Un-)Logik der Handlung getrieben hat. Beim Schreiben habe ich nichts bewertet und nur wenig gesteuert. Manches hat sich einfach gefügt. Und genau das macht einen guten Roman aus, finde ich. (Upps. Ich wollte nicht unbescheiden sein.)

Die Lesung am 13. April im Brecht-Haus war, neben der Buchpremiere in Erfurt, bisher der Höhepunkt. Was soll ich sagen: Es war voll. Das Publikum, darunter einige Freunde von früher, reagierte für Hauptstadtverhältnisse ungewöhnlich fröhlich und aufgeschlossen. Knut Elstermann, der den ganzen Abend ohne eine einzige Notiz moderierte, war zugewandt und hatte den »Blender« sehr aufmerksam gelesen.

Jetzt freue ich mich auf die Lesung in Arnstadt (am 21. Mai), vor allem aber auf ein Podiumsgespräch am 13. Juni mit den Autoren Aron Boks (»Starkstromzeit«, »Nackt in die DDR«) und Clemens Böckmann (»Was du kriegen kannst«) im Rahmen des Literaturfestivals LiteraTurm in Frankfurt (Main). Thema: »Das Vergessene Erzählen«: Diskussion über ästhetische und literarische Formen des Erzählens über die DDR und Ostdeutschland. Organisiert hat die Veranstaltung das Kollektiv DiasporaOst. Ein wunderbares Beispiel, dass eine authentische Stimme auch eine jüngere Zielgruppe anspricht, wenn man beiden die Gelegenheit gibt, sich zu begegnen. Geht doch!

Freigabe: 05.05.2026, 16:22 / Anke Engelmann in Blender

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