Von Netflix, Bestseller-Algorithmen und Triggerwarnungen in Goethes Faust

Krieg, Klimakatastrophe, Energiekrise, Inflation, Migrationen: Unsere Welt gerät aus den Fugen. Wie wirkt sich das aufs Lesen und auf die Literatur aus? Welche technischen Entwicklungen befördern welche Prozesse? Welche gesellschaftlichen Bedingungen bestehen, welche Voraussetzungen haben sich geändert und überhaupt: Brauchen wir Literatur? Und wenn ja – wofür? Der Thüringer Literaturrat fragte auf seinem 4. Fachtag nach Veränderungen in der Literatur

Dass Literatur essentiell nötig ist, darin waren sich die Besucher des vierten Fachtages Literatur einig, zu dem der Thüringer Literaturrat am 7. Oktober ins Erfurter Kultur: Haus Dacheröden geladen hatte. Das Thema »Welt im Wandel – Literatur im Wandel« hatte vor allem Menschen angelockt, die von Berufs wegen mit Büchern und dem Schreiben zu tun haben, aber auch Literatur-Interessierte und solche, die verfolgen, wie sich der gesellschaftliche Umbruch, in dem wir stecken, auf Sprache und Schreiben auswirkt. Mit dem Untertitel »Lesen – Kritik – Maßstäbe«, stand fest, um welche Aspekte das komplexe Thema kreisen würde. Das Programm versprach mit drei Vorträgen und einer Podiumsdiskussion viel Information und Stoff für kontroverse Debatten.

Nach Bernhard Fischer, dem Vorsitzenden des Thüringer Literaturrates, begrüßte Elke Harjes-Ecker, Abteilungsleiterin Kultur in der Thüringer Staatskanzlei, der Schirmherrin des Fachtages, die Anwesenden. Im ersten Vortrag des Tages erläuterte anschließend der Leseforscher Axel Kuhn vom Institut für Buchwissenschaft der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, wie sich das Lesen im digitalen Zeitalter geändert hat. Ist es »standardisierte Praxis oder individueller Lebensstil?«, fragte er und konstatierte seit 1990 einen grundlegenden Wandel des Leseverhaltens.

Das Lesen, es verändert sich

Zwar bleibt das Lesen weiterhin die Basiskompetenz, die es ermöglicht, an sozialen Prozessen teilzunehmen. Doch welche Form des Lesens? Funktionales oder literarisch-intellektuelles Lesen? Die bürgerliche Vorstellung einer einheitlichen Lesekultur werde zunehmend obsolet, berichtete Kuhn. So werde das »lineare Lesen« von Druckerzeugnissen von vielen Digital Natives als zu langsam empfunden.

Einerseits machen digitale Medien eine Vielfalt von Texten zugänglich. Andererseits werden die digitalen Spuren aus den Lesemedien intensiv ausgewertet und das prägt den Markt. Reader Analytics heißt es, wenn das Kauf-, Nutzungs- und Rezeptionsverhalten dokumentiert und analysiert wird: Wie viele Leser haben den Text fertig gelesen? Wie schnell haben sie gelesen? Haben sie Empfehlungen gegeben? Welche Markierungen haben sie gesetzt? Verlage prüfen eingehende Manuskripte, ob sie den daraus erstellten Algorithmen entsprechen und fertigen Bücher nach Bauplan für den idealen Durchschnittsleser.

Irrationales wie Brüche und Abweichungen, die Texte erst spannend machen, werden so nicht erfasst. Folge: eine Homogenisierung, die bis ins Selfpublishing zu spüren sei. So stehen den gewachsenen individualistischen Lesepraktiken Eingriffe in die kreative Freiheit des Schreibens gegenüber – und das, obwohl bislang noch kein Algorithmus einen Bestseller vorhergesagt hat.

Unterm Aufmerksamkeitsradar der Feuilletons

Doch wer »macht« die Bestseller? Daran knüpfte der nächste Vortrag an. »Was darf Literaturkritik, was kann Literaturkritik?«, fragte Bettina Baltschev vom Sächsischen Literaturrat. Jedenfalls könne sie keine große Literatur schaffen, so die MDR-Literaturredakteurin und -kritikerin. Aber mindere erkennen und verhindern, dass sie sich als große etabliert. So viel zur Theorie, dachte mancher Autor im Publikum, den die regionalen Medien routinemäßig ignorieren. Doch wie schafft es ein Buch in den Aufmerksamkeitsradar der Feuilletons?

Genau da sieht Bettina Baltschev die Literaturkritik in der Verantwortung: Sie müsse Sperriges platzieren. Texte genau betrachten. Selbstlos und unabhängig eigene Auswahlkriterien festlegen, sich zum Beispiel auf regionale Autoren oder unabhängige Verlage konzentrieren. Sich den Marktmechanismen entgegenstellen und nicht lediglich Werbeformat für Bücher sein.

Nicht alle Literaturkritiker können sich ein solches Engagement leisten. Vor allem auf freien Journalisten lastet existentieller Anpassungsdruck: Nicht leicht, sich dem allgemeinen Wohlfühltrend entgegenzustellen oder sich nicht als Wadenbeißer, der aus Prinzip zuschnappt, zu gerieren. Ohnehin ist die Wirkmacht der Literaturkritik überschaubar. Das Internet macht den klassischen »Gate Keepern« Konkurrenz. Der Einfluss der Buchblogger auf den Buchmarkt ist immens gewachsen, und mit der Professionalität büßt die Kritik ihre literarische Expertise und Sprachkunst ein. Baltschevs Resümee klang ernüchtert: »Wir müssen aufpassen, dass die Literaturkritik als Gattung nicht völlig wegrutscht.«

Stabiler Umsatz, weniger Leser

Wie aber findet ein Buch seine Leser? Immer schwerer, so die Antwort von Thorsten Ahrend, Leiter des Literaturhauses Leipzig und Programmleiter Belletristik beim Wallstein Verlag. »Wozu Verlage? – Dienstleister – Vertriebsmaschine – Kulturinstitution?«, lautete der Titel seines Vortrages. Verlagsprogramme zweimal jährlich, Pressearbeit und Marketing, Präsenz und Beilagen zu den Buchmessen: Die klassischen Methoden, mit denen die Verlage bis vor wenigen Jahren ihre Bücher sichtbar machten, laufen heute oft ins Leere.
71.640 Neuerscheinungen im Jahr 2021, davon 63.992 Erstauflagen – das klingt viel. Doch seit 2013 geht die Produktion der Titel stetig zurück, so der Börsenverein des deutschen Buchhandels. Zwar blieb der Umsatz in der Buchbranche in den letzten 15 Jahren stabil – doch die Zahl der Leser schmilzt. Die Leute gucken lieber Netflix-Serien. Durch die tägliche Reizüberflutung und veränderte Gewohnheiten der Mediennutzung sei Bücherlesen in vielen Freizeitsituationen keine oder nur eine Option unter vielen, hat der Börsenverein in einer Studie herausgefunden.

Klar ist: Mit Belletristik oder Lyrik werden heutzutage weder die Verlage noch die Autoren reich – die Ausnahmen kann man an wenigen Händen abzählen. Zwar liegt der Anteil der Belletristik am Gesamtumsatz der Buchbranche mit 31,9 Prozent immer noch relativ hoch, dazu kommen noch einmal 18,8 Prozent für Kinder- und Jugendliteratur. Die anderen verkauften 49,30 Prozent setzen sich aus Sachtiteln zusammen: Ratgeber, Reise- und Sachbücher, Schulbücher und geistes-, natur- und sozialwissenschaftliche Texte.

Auch kleine Verlage müssen Gewinn machen. Als Firmen, die Markenartikel vertreiben, erreichen sie ihre Leser mit Push-Marketing, das heißt, ihre Produkte müssen sie in das Bewusstsein der Kunden regelrecht »hineindrücken«, erläuterte Ahrend. Anders als Hersteller anderer Markenartikel halten sie die Preise niedrig, obwohl sie nur in kleiner Serie produzieren. Zudem existiert ein grauer Markt, denn ein gelesenes Buch kann mehrfach wiederverkauft werden.

Keine Bücher zu lesen, wird immer gesellschaftsfähiger. Sie verschwinden aus dem öffentlichen Diskurs und dem persönlichen Umfeld der Menschen, hat der Börsenverein in einer Umfrage festgestellt. Bücher bilden kein Gesprächsthema mehr, die Bekanntheit von Autoren lässt nach. Das Angebot der Buchläden erschöpft und überfordert die potentiellen Leser. Im Buchhandel finden sie keine Orientierung. Also greifen sie zur Fernbedienung und konsumieren Serien statt Lektüre. Das wiederum wirkt sich auf die Verlage aus. Immer schwerer wird es für Autoren, einen zu finden, der ganz klassisch Mittel für die Produktion eines Buches »vor«-legt.

Kurzer Prozess und eine lange Mängelliste

In den letzten Jahren haben wir viele neue Schlagwörter gelernt: Gender und Diversität, Wokeness, Identitätspolitik, Cancel Culture, alte weiße Männer, #metoo. Gleichzeitig mussten wir viele Wörter verlernen, was bei manchen zu Unsicherheiten und permanenten Vergewisserungen führt: Darf man das so noch sagen? Genau darum kreiste nach der Mittagspause eine Podiumsdiskussion, die Bettina Baltschev moderierte. Unter der Überschrift »Was darf gesagt werden und was darf nicht gesagt werden?«, diskutierten Kerstin Hensel, Bettina Kasten, Thorsten Ahrend und Jens-Fietje Dwars über eine Generation, die neue Prioritäten setzt – mit neuer Sprache und einer neuen Vorstellung, was Kunst soll und darf.

Auf positive Folgen des neuen Zeitgeistes wies Bettina Kasten hin, die das Partner- und Projektmanagement im ARD Kultur Team leitet. »Spannend, was die Debatten ausgelöst haben.« Dem lässt sich nicht widersprechen. Wir sind dünnhäutiger im Hinblick auf Sexismus und Diskriminierung und sensibler für die Belange von Minderheiten geworden. »Man darf auch nicht vergessen: Immerhin können wir heute alles sagen«, ergänzte Jens-Fietje Dwars, Herausgeber, Literaturkritiker und Chefredakteur der Zeitschrift »Palmbaum«. »Das war nicht immer so.« Und dass die Demokratie eigentlich empfindlich auf eine undemokratische »Sprachpolizei« reagieren müsse.

Warum sie es nicht oder nur zögerlich tut? Kerstin Hensel schilderte ein Generationenproblem, das sie als bei ihrer Arbeit als Professorin an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« erlebt. Temperamentvoll startete die Dichterin, die »Deutsche Verssprache und Versgeschichte« unterrichtet, mit einer umfangreichen »Mängelliste« und fasste zusammen, wie innerhalb weniger Jahre der Zeitgeist ihre Arbeit verändert hat, wobei auch ihre Kollegen an anderen Universitäten und Fakultäten sowie an Schulen Ähnliches erlebten: katastrophale literarische Kenntnisse bei den Studenten – bis auf wenige Ausnahmen. Keine Bereitschaft, Autoren in ihren historischen Kontexten zu verorten. Kein Verständnis für Ironie.

Kurzer Prozess statt Neugier und Offenheit. Da würden kurzerhand Worte in Stücken und Gedichten ausgetauscht und die Komplexität der poetischen Sprache reduziert. Den historischen Texten würde kulturelle Aneignung vorgeworfen, und verlangt, konfliktreiche Stellen wie die Gretchen-Szene im Faust mit Triggerwarnungen zu versehen, um sich problematischen Erfahrungen anderer zu entziehen, statt sich mit ihnen auseinanderzusetzen. »Ich warne davor, sich mit Literatur zu beschäftigen, die keine Triggerwarnung braucht«, warf Thorsten Ahrend ein. »Wenn ein Autor überlegt, was er sagen darf, hat er schon verloren.«

Dabei gehört das Einfühlen in fremde, vielleicht schmerzhafte Erlebnisse und das Sich-Aneignen anderer Lebenswelten essentiell zur Kunst, darin waren sich Podium und Publikum einig. »Das ist eine Totalverkennung des Genres Kunst«, schimpfte Kerstin Hensel im Hinblick auf aktuelle Debatten zur »kulturellen Aneignung«. »Da kann man’s auch ganz lassen!«

Keine Wohlfühldiskussion, auch wenn sich alle mehr oder weniger einig waren. Einziges Manko: Man sprach über, nicht mit der heranwachsenden Generation. Obwohl der Fachtag für alle offen war, saßen im Publikum überwiegend Ältere. Die meisten von ihnen lehnten die aktuellen Debatten nicht grundsätzlich ab. Doch deutlich wurde: Wer mit Sprache und Schrift umgeht, hat die Verantwortung, sich mit undemokratischen Tendenzen auseinanderzusetzen, so dass ein Korrektiv entsteht und Moderne und Tradition sich gegenseitig befruchten können. Und so brachte der Fachtag vor allem Antworten auf überraschende Fragen und viele Einsichten. Manche setzten sich als Häkchen fest und werden vielleicht schreibend gelöst.

Mehr Infos, Podcasts und Filme zum Fachtag auf der Seite des Thüringer Literaturrates.

veröffentlicht von Anke Engelmann am 07.12.2022

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