Winnetou muss sterben!

Ehrlich gesagt verstehe ich die ganze Aufregung nicht. Karl May wird verboten! Uns’ Winnetou! Dabei handelt es sich mitnichten um einen Originalklassiker, sondern um ein Prequel, also eine Vorgeschichte, die sich jemand ausgedacht hat, der nicht Karl May heißt, sondern Thilo Petry-Lassak und ausschließlich Kinderbücher schreibt.

Der Verlag hat ein Kinderbuch zurückgezogen (ab acht Jahren), ein Erstleserbuch, ein Puzzle sowie ein Stickerbuch, die als Gimmicks zum gleichnamigen Film gedacht waren, der übrigens außer den Namen der Protagonisten auch wenig bis nichts mit Karl May zu tun hat. Das Drehbuch zum Film stammt von Regisseur Mike Marzuk und Gesa Scheibner und es basiert auf dem Musical "Kleiner Häuptling Winnetou" (Text: Karl-Heinz March). Hört sich für mich nicht gerade nach einem Ausbund an Hochkultur und Differenziertheit an.

Und nun frage ich mich: Und wenn das Buch einfach doof ist - warum soll der Verlag es nicht zurückziehen? Und zweitens: Die Märchen von Prinzessinnen und Prinzen geben auch nicht gerade ein authentisches Bild der Feudalgesellschaft wieder, sondern verletzten die Gefühle der seinerzeit unterdrückten Bevölkerung, der Bauern, der Mägde und Knechte. Das muss man anprangern! Das muss man brandmarken! Also liebe Kinder, stellt euch schonmal drauf ein: Ab sofort gibts keine Märchen mehr! Und der kleine Muck und Scherezade sind auch gestrichen!

Im May

Stell auf den Tisch, nicht um sie zu verhökern
die Schätze unsrer Jugendbücherei,
nein! lass uns einmal wieder selig schmökern
wie einst! Im May!

Der »Bärentöter« knallt, die wack’re Büchse,
dumpf tönt es: Hugh, ein unterdrückter Schrei.
Das Edle siegt, die Bösen kriegen Wichse,
wie einst! Im May!

Man liest und liest, bis man total verdöste,
der Morgen graut. Man liest und seufzt dabei:
Ach! Wenn sich alles doch so glücklich löste
wie einst! Im May!

(Walther Deneke)

veröffentlicht von Anke Engelmann am 30.08.2022

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