Blender

„Ein spannender Schelmenroman, der auf faszinierende Weise das wechselhafte Leben des Kunstfälschers Hannes Bohn und zugleich die Geschichte der Zeitenwende von 1989/90 erzählt. Unterhaltsam und fesselnd erzählt, steht der Roman verwandten Legenden wie der des Peter Holtz von Ingo Schulze ebenbürtig zur Seite.“
— Lutz Seiler

Textauszug

Die Geburt

Weimar, Karl-Marx-Stadt, Erfurt 1958-1966

Der Krieg hing noch in der Luft, als ich 1958 in Weimar zur Welt kam. Meine Mutter pilgerte den Krankenhausflur auf und ab, in den Pausen, wenn die Wehen es zuließen. Mein Vater, der Bohn, hockte auf seinem Stuhl und gierte nach einer Zigarette. Ich sollte ihr erstes Kind werden. Er hoffte auf ein Mädchen.
Plötzlich gellten Signalhörner. Bombenalarm. Auf einer benachbarten Baustelle war ein Blindgänger gefunden worden. Alle rannten durcheinander. Nur der Arzt stand unbeweglich und presste die Hände auf seine Ohren. Er kreischte und ließ sich nicht beruhigen. Eine Schwester rammte ihm eine Spritze in den Hintern, die eigentlich für meine Mutter gedacht war.
Die krümmte sich in einer Ecke auf dem Boden, denn mich in ihrem Leib stachen die Sirenen. Sie stachen, sie stichelten, und ich drehte und wand mich. Ich spürte, wie sich mein behagliches Nest zusammenzog, wie Mutter sich daran machte, mich auszuwerfen. In dem Trubel da draußen würde sich niemand um uns kümmern, also schlang ich mir die Nabelschnur um den Hals und stürzte mich hinab.Mein Plan ging nicht auf. Sie brachte mich nach Hause, in einem Kinderwagen, der auf den Fotos aussieht wie gute alte Vorkriegsware. Ich fügte mich ins Leben und tat, was man von mir erwartete: Ich plärrte ein bisschen, ich nuckelte und trank, was man mir gab, ich schlief, und wenn sich jemand über mich beugte, tat ich alles, um das Gurren hervorzurufen, in das Erwachsene beim Umgang mit Säuglingen unweigerlich verfallen.
Nein. Stimmt nicht. Ich war nicht fügsam. Ich hätte mich gern fügsam gezeigt, aber ich galt von Anfang an als schwieriges Kind. Mutters Brüste gaben nur wenig Milch und in meiner Not biss ich in die Brustwarzen, mit zahnlosem Greisengaumen mümmelte und kaute ich, bis mir ihr Blut in den Mund schoss. Dann erst schmatzte ich selig. Vielleicht habe ich mein ganzes Leben lang diesen Geschmack gesucht, diesen Cocktail aus Milch und Blut. Ich konnte nichts dafür, der Hunger trieb mich, wie Säuglinge eben sind, oben was rein, unten was raus, dazwischen verdauen und schlafen. Mehr brauchen sie nicht. Nur manchmal ein Gurren.
Lebensmittel wurden mit Marken rationiert. Meiner Mutter stand eine Extraportion Milch zu. Die hatte sie dringend nötig, denn ich saugte ihr das Blut aus dem Leib. »Du warst immer ein kleiner Vampir«, sagte sie später oft. Und dann lächelte sie, ein nachsichtiges Mutterlächeln.
Der Zipfel zwischen meinen Beinen war nicht zu übersehen. Als der Bohn mich das erste Mal angeekelt abputzte, puderte und ungeschickt in kratzige Moltonwindeln packte, beobachtete ich ihn genau. Dieser Mann konnte nicht mein Erzeuger sein. Ich sah mich in seinen Augen und er sich in meinen. Der kann sich selbst nicht leiden, dachte ich. Nie würden wir Freunde werden. Dann traf ihn mein Strahl im Gesicht.

(Bislang unveröffentlichter Manuskriptauszug)

2021 hat die Kulturstiftung des Freistaates Thüringen das Projekt mit einem Stipendium unterstützt.

Erscheinungsdatum: 16. Februar 2026, 
Verlag: Voland & Quist

ISBN 978-3-86391-454-7

Diese Seite teilen