Poesieblog
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Der "Blender" ist gelandet
Die ersten Rezensionen sind überaus positiv.
Erste Rezensionen finden sich. Zum Beispiel heute (7. Februar) in der TA, OTZ und TLZ von Michael Helbing. Und eine sehr schöne von Ralf Julke in der Leipziger Zeitung:
»Es ist keine neue Eulenspiegel-Geschichte, mit der die Weimarer Autorin Anke Engelmann versucht, die menschlichen Abgründe eines Lebens in der DDR auszuloten. Denn Hannes ist kein Eulenspiegel. Das Format hat er nicht. Und damit ist er typisch. Typisch für so viele Gestrandete eines verschwundenen Landes, die so gern ein Held gewesen wären. Und doch keiner waren. Und die auch diese Rezension nicht lesen werden. Weil sie an diesem Selbstbild nie kratzen würden. So wie Hannes, der sich ganz am Ende des Romans sein eigenes Leben zurechtschreibt.« (Ralf Julke, LZ 17.2.26)
Aus der Rezension von Tino Dallmann im MDR und auf tagesschau.de (22. Februar):
»Anke Engelmann erzählt das Schicksal von Hannes Bohn weit über das Ende der DDR hinaus. Anhand dieser Figur, die mal Halunke und mal Hallodri ist, gelingt es ihr, nicht nur die Widersprüchlichkeiten und die Unterdrückung in der DDR aufzuzeigen, sondern auch die Umbrüche und Betrügereien in der Nachwendezeit. ›Blender‹ braucht sich vor den anderen Schelmenromanen der jüngeren Zeit – wie denen von Ingo Schulze und Jan Faktor – keinesfalls verstecken.«
Freischaltung: 17.02.2026, 08:51 / Anke Engelmann in Blender
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Zeitreise de luxe
Die erste "Blender"-Rezension auf Instagramm.
Die Buchbloggerin Carola Quint <@lesenmitcarola> hatte deutlich Spaß bei der Lektüre: »Natürlich ist vieles überzogen, zugespitzt, dramaturgisch spitzfindig konstruiert. Aber genau das ist der Witz an diesem Roman der Kennerin Engelmann. Sie überzeichnet, ohne ins Alberne abzurutschen. Sie kennt die DDR-Gepflogenheiten aus dem Effeff und jongliert mit dem sozialistischem Sprachgebrauch so elegant wie einst das Neue Deutschland. Eine Zeitreise deluxe.«
Und hier noch der Link zur Rezension auf der Webseite der Autorin: www.lesenmitcarola.de. Diese Rezension gefällt mir noch besser: "Formal ist Blender ein klassischer Schelmenroman im modernen Gewand: episodisch gebaut, mit einem Antihelden, der weniger aus Bosheit als aus Schwäche und Hybris scheitert. Inhaltlich ist er eine literarische Zeitreise in die späten Achtziger, in jene Phase der Zeitenwende 1989/90, in der Gewissheiten bröckelten und Opportunisten wie Idealisten gleichermaßen ins Schleudern gerieten. Hannes wird dabei zum Seismographen eines Systems im Zerfall. (...)
Wer verstehen will, wie sich Alltag, Anpassung, Kriminalität und Politik in einer Diktatur verschränken, findet hier eine ebenso unterhaltsame wie aufschlussreiche Lektüre. Anke Engelmann ist mit Blender ein Kunststück gelungen: ein atmosphärisch dichtes, humorvolles und zugleich ernüchterndes Porträt der späten DDR."
Freischaltung: 11.02.2026, 13:06 / Anke Engelmann
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Von »Ende« bis Buchladen VII: Raus!
Endlich ist er da, der »Blender«. Einen schweren Karton hat mir der freundliche Postmann kürzlich in die Hand gedrückt. Nur noch wenige Tage, und der »Blender« kommt in die Buchläden. Und dann?
Ich dachte immer, ein Buch zu schreiben, das ist Arbeit. Als ich noch mitten im Stoff steckte, sehnte ich den Moment herbei, an dem ich den letzten Punkt setzen würde. Ich würde mich zurücklehnen, aufatmen, und auf magische Weise wäre der Roman in der Welt und am richtigen Platz. Mein privates Märchen hätte sich vollendet, sanft würde alles in einen immerwährenden Zustand von »Und sie lebten glücklich und zufrieden« plätschern. Wie naiv ich war!
Denn was ist ein Buch ohne Leser? Es vergammelt als Kompetenztapete im Buchladen; nur Freaks stöbern mit verdrehtem Kopf die unzähligen Buchrücken im Regal durch. Die Regel ist einfach: Ein Buch muss gefunden werden. Das Cover vom »Blender« leuchtet – das ist schon mal ein großes Plus. Doch auf dem Buchmarkt darf man nichts dem Zufall überlassen: Auch Menschen mit einer Farbschwäche und die, die nicht in Buchhandlungen nach Lesestoff suchen, sollen über den »Blender« stolpern: »Haben Sie den ›Blender‹? Von Anke Engelke?«
Dazu müssen sie in der Presse etwas gelesen oder gehört haben, einen Fernsehbeitrag gesehen oder eine Lesung besucht haben. Oder jemand hat ihnen einen Geheimtipp gegeben. Unzählige Ankündigungen an Presse und Veranstalter hat Theresa von Voland & Quist verschickt. Unermüdlich bestückt Max die Social-Media-Kanäle. Und ein paar Strippen habe ich auch gezogen. Von meinem »Blender«-Quiz abgesehen, ist die Resonanz überwältigend. So überwältigend, dass ich dringend an meinem Tiefstapler-Syndrom arbeiten muss.
Mein erster Pressetermin lief easy. Mit dem MDR war ich im Herzoglichen Museum in Gotha und stolzierte mit Museumsbesucherinnen-Blick an der Kamera vorbei. Sinnend betrachtete ich das »Gothaer Liebespaar«, denn das Renaissancegemälde spielt im Buch eine zentrale Rolle. Ich erfuhr, dass die Journalistin Romy Gehrke ein ganz besonderes Verhältnis ausgerechnet zu diesem Bild hat. Was für eine Geschichte! Kann man sich nicht ausdenken! Muss man gesehen haben (am 17. Februar ab 19 Uhr).
Beim Interview musste ich mich ganz auf Hannes Bohn konzentrieren und alles andere vergessen: die Angst, etwas Falsches zu sagen. Alle Versuche, gut auszusehen. Anfangs bemühte ich mich, den Kopf leicht vorzustrecken, um den Hals zu straffen. Außerdem hatte ich mir vorher extra die Haare schneiden lassen, ein Akt der Überwindung bei meinem Haarlack & Omalöckchen-Trauma. Diesmal aber habe ich eine wirkliche Profi-Friseurin gefunden. Kontaktdaten gebe ich gern auf Anfrage weiter.
Welche Journalisten das Buch für eine Rezension angefordert haben, verrate ich nicht. Auch nicht, wie viele. Ob der »Blender« ihnen gefällt, wird sich zeigen. Noch bin ich gelassen: Hauptsache Presse, auch wenns ein Verriss ist. Wichtige Termine für Lesungen stehen bereits fest: Erfurt (1. März im Kultur: Haus Dacheröden, mit Helge Pfannenschmidt), Kunstburg Ranis (6. März vom Lesezeichen e. V.), Weimar (12. März in der LiteraturEtage mit Christoph Schmitz-Scholemann), am 6. Mai in Berlin (Brotfabrik), Arnstadt, Brüssel, Sonneberg (Thüringer Kulturstiftung). Und, brandheiß, der Ritterschlag: Am 13. April bin ich eingeladen ins Literaturforum im Brecht Haus Berlin. Moderiert von Knut Elstermann. Knut! Elstermann! Im Brecht Haus! Kann mich bitte jemand wachrütteln?
Nein. Lieber nicht.
Achtung: Am 17. Februar ist der »Blender« im MDR Thüringen Journal. Beginn der Sendung: 19 UhrFreischaltung: 10.02.2026, 14:54 / Anke Engelmann
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Das große Quiz zum Blender!
Wer alle Fragen richtig beantwortet, kann ein druckfrisches Exemplar des »Blender« gewinnen, und zwar mit einer persönlichen Widmung der Autorin. Alle Nachrichten bis zum 12. Februar werden berücksichtigt. Die Short-List wird am Freitag, dem 13. Februar, bekannt gegeben, die Gewinnerin/ der Gewinner am 16. Februar. Hinweis: Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Für alle, die kein Glück haben: Ab 16. Februar gibt es den »Blender« in jedem Buchladen. Gekaufte Bücher signiere ich dann gern bei einer Lesung.
Quizfragen
Im August 1975 fanden in Erfurt ausländerfeindliche Ausschreitungen gegen Vertragsarbeiter statt. Drei Tage lang jagten gewalttätige Erfurter die jungen Männer durch die Stadt. Hannes Bohn wurde unfreiwillig in die Pogrome verwickelt. Aus welchem Land kamen die Vertragsarbeiter?
a) Ungarn
b) Vietnam
c) AlgerienIn welchem Erfurter Café traf sich in den siebziger und achtziger Jahren die Erfurter »Szene«? Auch Hannes saß oft dort mit seinen Freunden.
a) im Marktcafé
b) im Café Vilnius
c) im Café Größenwahn1978 kam es in Erfurt beim Pressefest auf der IGA (heute EGA) zu einer Auseinandersetzung zwischen jugendlichen Bluesfans und der Polizei – Hannes steckte mittendrin. Wer sollte auf der IGA spielen?
a) Universum (aus Erfurt)
b) Stefan Diestelmann
c) Jürgen KerthMeisterstück des Fälschers Hannes Bohn ist das »Gothaer Liebespaar«, dessen Original noch heute im herzoglichen Museum auf Schloss Friedenstein in Gotha hängt. Welcher ostdeutsche Maler wurde tatsächlich angefragt, ob er das »Gothaer Liebespaar« kopieren würde?
a) Werner Tübke
b) Willi Sitte
c) Johannes HeisigWelche Figur könnte Hannes Bohn heimlich zum Bauernkriegs-Panoramagemälde in Bad Frankenhausen eingefügt haben?
a) Ritter Runkel (aus dem »Mosaik«)
b) ein Selbstporträt als Ritter Ulrich von Hutten
c) ein Selbstporträt als Till EulenspiegelZusatzfrage
Wer ist der kleine Junge auf dem Cover des »Blender«?Antworten bitte per Mail.
Freischaltung: 05.02.2026, 15:53 / Anke Engelmann in Blender
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Jenseits der Zwischentöne
Im Rahmen der Reihe "Mittendrin", die der Thüringer Literaturrat initiiert hat, erscheinen in der TLZ und auf literaturland-thueringen.de mein Artikel über den Umweltaktivisten und Grünen Jakob Gatz.
Jakob Gatz: In der Politik mit Asperger-Syndrom
Im Gespräch schaut Jakob Gatz seinem Gegenüber nicht in die Augen, sondern blickt nach oben. Er kennt sich aus mit Geologie, mit Solarenergie, mit Umweltfragen, und verliert sich manchmal in Details. Jakob Gatz, geboren 2002 in einer Kleinstadt in Thüringen, Wirtschaftsfachwirt in Ausbildung, Mitglied der Grünen Jugend (GJ) und der Grünen Partei, lebt mit dem Asperger-Syndrom.
Menschen mit dieser leichten Form des Autismus wirken auf andere oft sonderbar. Auch wenn das Syndrom unterschiedlich ausgeprägt sein kann: Meist bereiten ihnen ungewohnte Situationen, große Menschengruppen und starke Sinneseindrücke Stress. Sie häufen umfangreiches Wissen zu Spezialthemen an. Ihnen fehlt das Gespür für Zwischentöne, zum Beispiel erkennen sie nicht, wenn ihr Gesprächspartner nicht mehr zuhört. Bestenfalls gelten sie als stur wie die Klimaaktivistin Greta Thunberg, schlimmstenfalls als kalt und unsozial wie der Tech-Milliardär Elon Musk. Er habe eine andere Form als Greta Thunberg, betont Gatz.
Im Gespräch mit Gatz fallen Begriffe und Themen auf, die Gatz wichtig sind. Vielleicht, weil sie Punkte markieren, die mit starken Emotionen in seiner Biografie verhaftet sind. »Verunglimpfen« ist so ein Wort, »elitär« ein anderes.
»Elitär« und »verunglimpfen«Gern hätte Gatz nach der Realschule einen Beruf gelernt, doch er machte das Abitur und begann ein Studium, weil einige Familienmitglieder ihn mit ihrem »elitären Gehabe« unter Druck setzten. Bis heute bedauert Gatz, dass er so spät ins Berufsleben einsteigen konnte. Bis heute fühlt er sich Menschen verbunden, die keinen akademischen Hintergrund haben.
»Verunglimpfen«, kombiniert mit Wörtern wie »Feindbild«, »pauschal«, »Ausgrenzung« verweist auf eigene, schmerzhafte Erfahrungen. Als Gatz in der fünften Klasse von der Grundschule in die Regelschule wechselte, wurde er gemobbt, verspottet, verprügelt und ausgegrenzt. Ein Trauma, das bis heute brennt.
Die Verhältnisse waren nicht einfach: Ein Vater, den Gatz als »Lebemann« bezeichnet und der, nach der Trennung von Jakobs Mutter, am Alkohol starb. Ein Stiefvater, der oft das große Wort führte und alles ganz genau wusste. Eine Verwandtschaft, die ihn gegen Mutter und Großmutter aufbringen wollte. Die Mutter betreibt ein Autohaus, bei ihr und der Großmutter fand er Stabilität und Bestätigung. Manchmal zu viel, räumt er ein. »Weil meine Mutter und meine Großmutter mich immer sehr gelobt haben, habe ich mich lange für besonders schlau gehalten.«
Hintergrund und politischer EinflussIn die Kindheit und Pubertät des heute 23-Jährigen fielen die ersten innenpolitischen Verwerfungen, die bis heute die Gesellschaft spalten: ab 2010 das erste Buch von Thilo Sarrazin und die Debatten darum, 2013 die Gründung der AfD, 2014 von PEGIDA, 2015/16 die sogenannte Flüchtlingskrise. Gatz’ Stiefvater hatte eine klare Haltung: Sarrazin sagt etwas Unliebsames – prompt wird er aus der SPD rausgeekelt. Begriffe wie »Lügenpresse«, »Kanaken«, »Hottentotten« wurden unkritisch benutzt. Das prägte den Jungen.
Als Jugendlicher habe auch er mit der AfD sympathisiert, gesteht Jakob Gatz. Er orientierte sich am Stiefvater, fand das Rebellische und den Widerstand cool. Für ihn schwamm diese Partei gegen den Strom, »eine Art Stinkefinger in Richtung etablierter Politik und Presse.« Dass schon die junge AfD deutlich rechts war, tat Gatz damit ab, dass sie sich erst noch sortieren müsse. Er glaubte der Propaganda, dass die AfD ausgegrenzt und stigmatisiert werde.
Mit den rechtsextremen Ausschreitungen 2018 in Chemnitz änderte sich das. Zwei Geflüchtete hatten bei einem Stadtfest den Chemnitzer Daniel S. mit einem Messer getötet sowie zwei Menschen schwer verletzt. Das löste eine Welle rechter Gewalt aus. Aggressive Neonazis machten Jagd auf Personen mit anderer Hautfarbe, griffen linke Gegendemonstranten an, Journalisten, Polizisten sowie ein jüdisches Restaurant.
Auch die AfD veranstaltete mit PEGIDA, »Pro Chemnitz« und anderen Rechten einen sogenannten Trauermarsch. Aus der Demo heraus attackierten Neonazis Gegendemonstranten und verletzten elf Personen. »Das war für mich der entscheidende Wendepunkt.« Dass die Rechten den Mord an Daniel S. für ihre Zwecke instrumentalisierten, habe ihn entsetzt, sagt Jakob. Dass sie pauschal alle Geflüchteten unter Generalverdacht stellten, »schockierte mich und widerte mich an«. Vor allem habe ihn verstört, dass große Teile der bürgerlichen Mitte die Gewalt begrüßten. Heute schäme er sich für seine damalige Offenheit der AfD gegenüber. Andererseits: Er weiß, wie Leute »emotional ticken«, die mit der AfD sympathisieren. Aus seiner Erfahrung heraus setzt er sich dafür ein, die ernst zu nehmen, die eine andere Meinung vertreten. »Wir dürfen nicht belehren und bevormunden. Das treibt die Menschen erst recht zur AfD.«
KlimakatastropheJakob Gatz gehört zu der Generation, die mit voller Wucht die Folgen der Klimakatastrophe zu spüren bekommen. Für seine Altersgruppe ist klar, dass nicht doch noch alles irgendwie gut wird. Durch seine intensive Beschäftigung mit Geologie waren Gatz die Gefahren des Klimawandels schon früh bewusst. Er zögerte, sich zu engagieren – aus Rücksicht auf die Familie, denn die Verbrenner im Autohaus seiner Mutter, deren Verkauf ihm eine durchaus privilegierte Kindheit verschafft hatte, gelten als Klimakiller Nummer eins. Bis heute ein großer Konflikt für ihn.
2018 häuften sich die Ereignisse: Eine außergewöhnliche Dürre begann, hielt drei Jahre an und schadete Wäldern, Flüssen und dem Boden in einem nie gekannten Ausmaß. Der Energiekonzern RWE wollte den Hambacher Forst abholzen, dieser wurde von Aktivisten besetzt. Die Bewegung »Fridays For Future« (FFF) entstand und wuchs. Im Januar 2019 fiel Jakob Greta Thunberg beim Weltwirtschaftsforum auf. Ob ihn faszinierte, dass auch sie Asperger hat? Er sei tief beeindruckt gewesen von ihrem Mut, sich den Mächtigen in den Weg zu stellen, sagt er.
Außerdem habe ihn die »Schulschwänzer-Keule« aufgebracht, mit der die Öffentlichkeit überwiegend auf FFF reagiert habe. Man habe sich nicht inhaltlich mit der Bewegung auseinandergesetzt, sondern sie diffamiert. Und dass ausgerecht die AfD, die sich immer als Partei darstellte, die von allen »in die rechte Ecke geschoben wird«, am lautesten in dieses Horn stieß, habe ihn endgültig abgestoßen.
Verantwortung2019 sprach Jakob Gatz bei einer FFF-Demo in Gotha die Organisatoren an. Was sich so einfach anhört, ist für einen mit Asperger-Syndrom ein riesiger Schritt. Von da an ist er dabei. Die ersten Orga-Treffen seien eine große Hürde gewesen, Gruppen von unbekannten Menschen jagen ihm Angst ein. Doch er überwand sie: fuhr zum FFF-Sommerkongress – »ein Wahnsinnserlebnis!« –, übernahm Verantwortung in der Ortsgruppe, organisierte Demos und hielt zwei Monate später seine erste Rede bei einem Klimastreik in seiner Heimatstadt. Jakob gehörte nun zu einer schlagkräftigen Bewegung, war von Gleichaltrigen umgeben, die dasselbe Ziel hatten wie er. Er wurde Delegierter für die Landesebene von FFF und erlebte, was auch Greta Thunberg beschrieben hat: »Viele in der Klimabewegung sind auf gute Weise sehr speziell, ganz anders als die Norm. Es ist wunderbar, dass wir diesen Raum gefunden haben, wo wir wir selbst sein können.«
2020 wurde Jakob Gatz volljährig und trat, kurz bevor Corona das öffentliche Leben lahmlegte, in die Grüne Partei und die Grüne Jugend ein. Immer besser lernte er, mit den Ängsten umzugehen, die vom Asperger-Syndrom herrühren. Vor der Landtagswahl 2024 beteiligte er sich sogar am Haustürwahlkampf – »eine krasse Herausforderung und Überwindung. Du weißt nicht, wie die Leute drauf sind, auf die du triffst.« Er will etwas verändern, zählt sich zu den Realos, setzt auf Deeskalation, nicht auf Spaltung.
Immer noch unbequemInzwischen haben ihn die Mechanismen der Parteipolitik eingeholt. Immer wieder stößt er an, weil er darauf beharrt, niemanden auszugrenzen – auch wenn eine politische Meinung nicht gefällt. »Man darf nicht alle AfD-Wähler pauschal als rechts abstempeln«, fordert er. Ihm geht es um die Sache und darum, die Grüne Partei für eine breite Basis zu öffnen. Das hat ihm einigen Zuspruch, aber auch einen schlechten Ruf und mehrere Shitstorms eingetragen.
Zumal es ihm schwerfällt, seine Sprache anzupassen. Vor allem in der GJ, wo identitätspolitische Themen eine große Rolle spielen – und wo einige, die laut sind und Einfluss haben, Feindbilder aufbauen. Wo die Sprache als Spiegel gilt – aber nur unklare Vorstellungen darüber existieren, was sie wirklich zeigt. Wahrscheinlich würde Jakob Gatz ohne seine Asperger-Prägung weniger auffallen. Dann fiele es ihm leichter, sich auf die Erwartungen seiner Gesprächspartner einzustellen. Doch für Lippenbekenntnisse fehlt ihm die Geschmeidigkeit.
Begriffe, die im Unterbewussten schlummern, weil Bezugspersonen in der Kindheit sie scheinbar normal benutzten, werden nicht automatisch gelöscht, wenn sich der Mensch verändert. Sie müssen jeder einzeln ins Bewusstsein gelangen, bewertet und aussortiert werden. Das ist ein langer Prozess.
Nicht alles muss man teilen, manches bleibt kritisch. Zum Beispiel Jakobs Sympathie für den ehemaligen Tübinger Bürgermeister Boris Palmer, einen früheren Grünen. Palmer geriet wegen seiner Äußerungen und seiner Haltung zur Migration in die Kritik. Für viele ist Palmer ein Zündler, der provoziert und mit rassistischen Klischees kokettiert. Für Jakob Gatz spricht Palmer mit seiner Sprache Menschen jenseits der inneren Zirkel an. Ein bisschen Bewunderung schwingt mit, wenn er über Palmer spricht, auch wenn er, anders als Palmer, »das N-Wort nicht benutzen würde«.
Die »woke« Sprache, von akademisch-abgehobenen Eliten ausgedacht, habe nichts mit dem echten Leben zu tun: Dass diese Kritik von rechts in Teilen nicht unberechtigt ist, macht es um so schwerer. Woran kann man sich orientieren? Was ist richtig in dieser Debatte? Und was ist, wenn die richtigen Einwände von der falschen Seite kommen?
Jakob stören Schubladen, Sprachvorgaben und Feindbilder – auch die, hinter denen eine gute Absicht steht. Empathie ist ihm wichtig, gerade weil es ihm wegen des Asperger-Syndroms schwerfällt, sich in andere hineinzuversetzen. Er ist genau, dabei ehrlich bis zur Schmerzgrenze. Taktieren liegt ihm fern. Warum verschweigen, dass die Umweltpolitik der letzten rot-grünen Bundesregierung viele aufgebracht hat? Oder dass Menschen, die Angst vor einem sozialen Abstieg haben, sich von den vermeintlichen Privilegien derer bedroht fühlen, die in der Hackordnung weit unter ihnen stehen?
Eine Brandmauer soll die Ausbreitung eines Flächenbrandes verhindern. Doch längst schwelen Glutnester diesseits der Mauer, bestimmt in der öffentlichen Debatte die AfD Ton und Themen, haben sich Parteien ihre Sprache angeeignet. Und manche Gegenreflexe von links sind gleichermaßen undifferenziert und stark emotional.
»Etwas zu wollen, ist das eine«, sagt Jakob Gatz, »aber man muss die Leute auch mitnehmen.« Eine demokratische und pluralistische Gesellschaft muss Widersprüche akzeptieren. Wer ihren Prinzipien folgt, muss aushalten können, dass andere Menschen andere Meinungen haben. Man darf nicht aufhören, miteinander zu reden, davon ist Jakob Gatz überzeugt. Die Sorgen der Menschen ernst nehmen – und stets, auch wenns unangenehm wird, Menschlichkeit und Demokratie verteidigen.
Was müsste sich ändern in seiner Partei oder bei FFF? »Die Strukturen müssen offener werden«, erwidert Jakob sofort. »Neue Mitglieder sollen das Gefühl haben: Du kannst etwas bewegen.« Dann lacht er und sagt: »Meine Mutter fragt mich ständig: ›Willst du dich wirklich in dieser Partei weiter engagieren? Du erreichst doch sowieso nichts!‹«.
Das sieht Jakob Gatz anders. Zurzeit ist er dabei, in der GJ eine bundesweite Vernetzung für Azubis und Menschen mit Berufsausbildung aufzubauen. So will er der AfD, die für sich in Anspruch nimmt, auf Bodenständigkeit, Handwerk und praktische Erfahrung zu setzen, den Wind aus den Segeln nehmen.Hier der gekürzte Artikel in der TLZ vom 30. Dezember 2025 (über PressReader).
Und hier auf <literaturland-thueringen.de> der ausführliche Artikel.
Viel Spaß beim Lesen!
Freischaltung: 30.12.2025, 08:54 / Anke Engelmann
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Von »Ende« bis Buchladen VI: Das Cover
Verlagsvertrag? Ich hatte Glück. Der Verlag Voland & Quist hat meinen Hannes ins Programm genommen. Doch wie kommt man dahin? Was braucht man dafür? Dazu in Teil sechs alles übers Cover.
Egal, wie der Drops schmeckt: Schön bunt muss er aussehen. Verpackung ist alles! Egal, worum es in einem Buch geht, wie gut oder schlecht es geschrieben ist: Im Buchladen entscheidet das Cover. Farben, Schriftart und Bildsprache sollen einen Sog entwickeln, der die potenziellen Käufer hypnotisiert. Mit zitternder Hand sollen sie in der Fülle der Angebote nach dem »Blender« greifen: Dieses Buch will ich! Dieses Buch erzählt genau meine Geschichte!
Aber wer sind die potenziellen Käufer? Wie schafft man es, dass das Buch auf dem Büchertisch gerade sie so anstrahlt, dass alles andere verblasst? Muss der Grafiker wissen, welche Cover-Styles gerade angesagt sind – und sich dann davon abheben? Mehrere Motive in unterschiedlichen Varianten schlug Thom Balmer von Guerillagrafik vor. Einige stützten sich sehr reduziert nur auf die Schrift (Typo), die meisten arbeiteten mit einem Bildmotiv. Unter seinen Cover-Vorschlägen ein stilisierter und monochrom eingefärbter Ausschnitt wie aus dem Bauernkriegspanorama von Werner Tübke. Im Roman spielt dieses Gemälde – genauer gesagt: seine Entstehung – eine wichtige Rolle.
Dieses Cover favorisierte der Verlag. Mein Lieblingscover sah anders aus. »Ich will dasselbe wie der Verlag: Das Buch soll sich verkaufen«, sagte ich vorsichtig. »Aber ich denke, dieses Cover könnte die Leute in die Irre führen.« Die Schrift: super! Die Farbe? Nicht unbedingt mein Fall, aber egal. Doch das Bildmotiv? Ich hätte mir ein Cover gewünscht, das mehr auf den Helden zielt, sagte ich. Der Grafiker habe das über die Titelschrift umgesetzt, entgegnete Leif. Viel später erst begriff ich, was er meinte: Wie eine Staffage steht die Schrift mitten in der Szene. Eine Theaterkulisse. Raffiniert, eigentlich. Aber uneigentlich zu anspruchsvoll für den kurzen Blick im Buchladen?
An ein Wunder wollte ich nicht glauben, mein Wunder-Guthaben war schließlich längst aufgebraucht. Aber dann …
… wurden die Karten neu gemischt. Max vom Verlag zauberte erste Entwürfe, Bildmotiv: ein kleiner Junge mit Lederhose und Gartenzwerg. Ich war begeistert. Thom Balm lieferte schließlich das neue Cover, wieder in verschiedenen Varianten, wieder in blendenden Farben. Wir entschieden uns für Nummer eins. Diesmal einhellig und ohne Bauchschmerzen. Heureka! Dieses Cover wird bestimmt nicht übersehen!
Verlag Voland & Quist, Berlin
ISBN 978-3-86391-454-7
EUR 24,00 (D)Freischaltung: 03.12.2025, 10:41 / Anke Engelmann in Blender
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Von »Ende« bis Buchladen V: Die heiße Phase
Verlagsvertrag? Ich hatte Glück. Der Verlag Voland & Quist hat meinen Hannes ins Programm genommen. Doch wie kommt man dahin? Was braucht man dafür? Dazu in Teil fünf (fast) alles über die heiße Phase, über Titel, Blurb und was das alles mit der Covergestaltung zu tun hat.
Das Wichtigste zuerst: Wir haben einen Titel. »Blender« wird der Roman heißen. Ich bewege das Wort in meinem Mund wie einen Drops. BLENDER. Blen-Der. BlenderBlenderBlender.
Der Vorschlag kam vom Lektor Helge Pfannenschmidt. Spontan habe ich alle 32 Ideen verworfen, die ich in den letzten Wochen notiert hatte. „Blender“ gefällt mir. Schlicht, prägnant. Grafisch gut umzusetzen. Dazu haben wir auch schon Ideen gesammelt. Allerdings: Zum Cover wird noch nix verraten.
Außerdem haben wir über den „Blurb“ nachgedacht. „Blurb“ ist ein kurzes Statement einer bekannten Person auf der Rückseite des Buches. Zum Beispiel „Total schlagkräftig: Das haut dich um! (Henry Maske)“. Oder: „Hier spricht eine der großen literarischen Stimmen der Gegenwart (Edgar Wallace)“. Oder: „Mit ‚Blender‘ kann man vortrefflich älter werden und vergeudet keine Lebenszeit (Elke Heidenreich)“.
Wie gehts jetzt weiter?
Die Blurb-Kandidaten werden angeschrieben. Dazu haben wir eins-zwei-fix eine kurze Zusammenfassung geschrieben (siehe dazu Teil II: Das Exposee). Die soll den Blurbern ihre Aufgabe schmackhaft machen. Und dann sollen sie den Roman lesen und ihr überschwengliches Urteil kurz und prägnant formulieren. Und damit nach diesem Artikel nicht Wäschekörbe mit Bewerbungen eingehen: Es handelt sich um eine Gefälligkeit, die sich ausschließlich aus der Begeisterung für diesen ungewöhnlichen Roman motiviert. Genauer gesagt: Gezahlt wird dafür nichts.
Vielleicht wäre das besser? Was, wenn sich Größen der Literatur zwar zu dem Liebesdienst bereit erklären, aber nach den ersten Seiten alles wütend in die Ecke feuern? Immerhin könnte man sich dann bei Persönlichkeiten bedienen, die nicht mehr unter uns weilen. „Genau so ist es gewesen! Alles wahr bis, zum letzten Komma! (Alexander Schalck-Golodkowski)“
Nach dem ersten Lektoratsdurchgang folgt der zweite. Und zwar heute, am Dienstag. Mal sehen, ob Helge zufrieden ist.Freischaltung: 26.08.2025, 00:00 / Anke Engelmann
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Israel, Palästina und die Dummheit mancher Deutschen
Der Hamas ist die palästinensische Bevölkerung völlig egal. In ihrem Offenen Brief beklagt Herta Müller, dass sich viele Deutsche von der Hamas manipulieren lassen.
Offener Brief der Nobelpreisträgerin Herta Müller zur Haltung vieler Deutscher zum Krieg in Israel und der Hamas.
Freischaltung: 18.08.2025, 00:00 / Anke Engelmann
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Die Erfindung des Cherokee-Alphabetes
Der Native-Stamm der Cherokee hat eine eigene Schrift. Entwickelt hat sie ein Mann, der weder lesen noch schreiben konnte und außer seiner eigenen Sprache keine andere sprach.
Um 1830 erfand der Cherokee-Native Sequoyah eine Schrift für die Sprache seines Stammes. Der amerikanische Schriftsteller und Jurist Samuel Lorenzo Knapp hat ihn getroffen und beschrieben. Er muss eine eindrucksvolle Persönlichkeit gewesen sein.
Demnach habe Sequoyah zusammen mit seiner Tochter zunächst ein System von 200 Zeichen entwickelt, die sie später auf 86 Zeichen reduzierten. Sequoyah habe außer seiner eigenen Muttersprache keine eigene gesprochen und konnte wohl auch außer seiner eigenen Schrift keine andere lesen und schreiben.
Mit den 86 Zeichen lassen sich sämtliche, in der Cherokee-Sprache vorkommenden Silben wiedergeben. Die Schrift ist so intuitiv und damit leicht zu lernen, dass die Missionare dazu übergingen, sie für ihre Ausgaben des Neuen Testamentes zu benutzen. Berichten zufolge ließ sich die Cherokee-Schrift in 14 Tagen erlernen. Die Alphabetisierung in englischer Sprache dauerte Jahre.
Innerhalb kürzester Zeit stieg die Alphabetisierungsrate der Cherokee-Indianer auf 90 Prozent. Schnell wurden Lettern hergestellt und eine Zeitung erschien, die in englischer und Cherokee-Sprache gedruckt wurde: der Cherokee Phoenix.
Freischaltung: 01.07.2025, 00:00 / Anke Engelmann in Alphabetisierung, Schreiben
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"Linda" wird gefördert
Die Kulturstiftung Thüringen gewährt mir für meinen nächsten Roman ein Stipendium
Kaum ist ein Buch fertig, schon habe ich das nächste in der Pipeline. Die Kulturstiftung Thüringen fördert mit einem Stipendium meinen Roman über Linda (Arbeitstitel »Traumstau«. Titel sind nicht so meins …).
Linda stammt nicht gerade aus einer Vorzeigefamilie. Diese Herkunft prägt ihr Verhalten. Als Kind macht Linda sich unsichtbar. Als Jugendliche entwickelt sie ihre eigene Strategie, mit den piefigen DDR-Verhältnissen umzugehen: Sie passt sich den Unangepassten an. Etwas anderes als Anpassung hat sie nicht gelernt in einer Familie, in der um jeden Preis der Schein gewahrt werden musste und alle Probleme unter den Teppich gekehrt wurden.
2025 kann ich also entspannt an meinem nächsten Roman arbeiten. Danke!
Freischaltung: 11.06.2025, 00:00 / Anke Engelmann
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Von »Ende« bis Buchladen IV: Der Titel
Verlagsvertrag? Ich hatte Glück. Der Verlag Voland & Quist hat meinen Hannes ins Programm genommen. Doch wie kommt man dahin? Was braucht man dafür? Dazu in Teil vier (fast) alles über den Titel und seine Findung.
Ein ganzer Satz? Ein einziges Wort? Eine Wortgruppe, die ein ungewöhnliches Wort enthält, das einen irritiert wie ein Himbeerkern zwischen den Zähnen? Mit Verb, mit-ohne Adjektiv? Bezogen auf den Helden, bezogen auf die Handlung, ein Hinweis auf das Genre, eine Anspielung auf einen berühmten Titel, eine witzig abgewandelte Redewendung oder gleich ein Verwirrspiel, bei dem die Leser nichts wissen, nur: Dieses Buch muss ich unbedingt kaufen!
Einer meiner aktuellen Lieblingstitel lautet: »Wo der spitzeste Zahn der Karawanken hinauf in den Himmel fletscht« (Autorin: Julia Jost). Als Lektorin hätte ich diesen Titel wahrscheinlich verworfen. Die Karawanken kannte ich nicht. Wie kann ein einzelner Zahn fletschen, auch wenn er noch so spitz ist? Und ist das kleine Wörtchen »hinauf« nicht völlig überflüssig?
Und doch. Der Titel setzt sich fest. Gerade weil er sperrig ist. Er leuchtet so bunt wie der Roman. Ich habe ihn wiedergekäut noch und nöcher. Das Wort »Karawanken« machte mich neugierig. Es klang exotisch. Jedesmal wenn ich dachte: »Jetzt hab ich dich!«, hat er sich mir wieder entzogen. Ich musste um ihn kämpfen. Aber ich wollte das auch.
Mein Roman trug den Arbeitstitel »Hannes im Glück«. Ich wollte einen Märchenbezug. Das Märchen hat sogar den Namen meines Helden gesetzt: Hannes. Wie Hans. Dafür habe ich in Kauf genommen, dass ich bei jedem Genitiv einen Apostroph einfügen musste. Den Namen meines nächsten Helden (Heldin) werde ich nicht noch einmal auf ein »s« enden lassen, Bezüge hin oder her.
Der Verlag testet die Titel, indem er sie Testlesern vorlegt. Meiner gefiel zunächst, wurde später jedoch verworfen. Niemand sagte »altbacken«, aber irgendwie stand der Begriff im Raum, als wir uns per Zoom zum Brainstorming trafen. Ich begriff: Das Cover muss mitgedacht werden. Mit was für einem Cover sehe ich mein Buch? Ein wirkliches Bild hatte ich bis dahin nicht vor Augen – nur einige Ideen, darunter das »Gothaer Liebespaar«.
Ich hänge nicht an meinem Titel und der Vorstellung, die dahintersteckt. Wichtig ist: Das Buch soll sich verkaufen. Ich vertraue dem Verlag, mir gefallen viele Titel bei V&Q und sie scheinen Leser und Presse anzusprechen. Leider ging unser Brainstorming lediglich mit ein paar Ideen auseinander und der Verabredung, dass wir weitere Gedanken in die Runde geben. Der große Knaller á la »Karawanken« war nicht dabei. Mein zweiter Favorit: »Der Phantograf«, der auch dem Verleger gefiel, wurde als »zu technisch« verworfen.
Wir gingen auf Titelsuche, mein Partner und ich. Das beschäftigte uns mehr, als unserem Broterwerb guttat. Wir redeten in Romantiteln, ich träumte in Romantiteln, ich hörte überall Romantitel. Wenn man darauf achtet, besteht die ganze Welt aus Romantiteln. Nur die Bücher dazu müssen noch geschrieben werden. Einen Romantitel für ein schon existierendes Buch zu finden, stellte sich als nahezu unlösbare Aufgabe heraus. Wenn einer vorbeiflatterte, der uns auf Anhieb ansprach, gab es dazu schon ein Buch, einen Film oder eine Quiz-Show.
Jeden Vorschlag, der die Wörter »Liebe« oder »Glück« enthielt, verwarf ich sofort (»klingt nach Liebesroman«). Jeden Vorschlag, der aus einem Satz bestand, verwarf mein Partner sofort. In der Fülle der Fast-Guten neigte ich schließlich dazu, alles abzulehnen. Ich überschüttete die Brainstorming-Runde mit einer Liste potenzieller Titel, die mir eine Woche später nicht mehr gefielen (sorry!). Ich fragte die KI. Ich blätterte nach Zitaten. Ich suchte Redewendungen und Sprichwörter. Ich stöberte im Roman nach guten Halbsätzen.
Mein Freund ging die Sache von der anderen Seite an: Er servierte einen wunderbaren Titel nach dem anderen, bremste meine Begeisterung mit der Bemerkung: »Das ist ein Roman von …« und fügte hinzu: »Irgendwie so könnte man das machen.« Eine Freundin schenkte mir ein Buch über einen Kunstfälscher: »Paradies der falschen Vögel« von Wolfgang Hildesheimer. »Paradies«! »Falsche Vögel«! Genial! Zum Glück ist uns das nicht eingefallen, was hätten wir uns geärgert. Wir spielten damit, doch »Der falsche Vogel fängt den Wurm«, »Das falsche Paradies« blieben nur ein blasser Abklatsch. Überhaupt bin ich sehr froh, dass ich dieses Werk erst jetzt gelesen habe, weil es so nah an meinem ist.
Literaturempfehlungen
Mein derzeitiger Favorit: »Mein ungelungenes Leben« hat mit einem Zitat von Ernst Bloch zu tun, der im Roman eine Rolle spielt. Das Wort »ungelungen« entgleitet mir ständig. Ich kann es nur über die Eselsbrücke »ungelogen« festhalten. Ob das gefällt? Oder ist das zu sehr um die Ecke gedacht? Warum nicht gleich: »Mein ungelogenes Leben«? Was meint ihr?
Peter Hille: Titel, Pitch und Exposé für Romane. Textmanufaktur Verlag, Fischerhude, 2016Julia Jost: Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht. Suhrkamp Verlag, 2024
Wolfgang Hildesheimer: Paradies der falschen Vögel. Edition Büchergilde GmbH, 2017
Freischaltung: 04.06.2025, 00:00 / Anke Engelmann
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Rechtschreibfehler in der Belletristik
Dichterinnen und Schriftsteller müssen sich nicht an die Duden-Regeln halten. Oder?
In der Belletristik seien Rechtschreibfehler erlaubt, gab der Rat für deutsche Rechtschreibung kürzlich bekannt. Erster Gedanke: Da bin ich aber erleichtert. (hihi). 2. Gedanke: Was heißt hier Fehler? 3. Gedanke: Um Regeln zu brechen, muss man sie beherrschen. Und letzter Gedanke: Zu allen Zeiten haben Schriftstellerinnen und Schriftsteller durch ihren kreativen Umgang mit der Sprache und mit Regeln diese auch verändert.
Freischaltung: 02.05.2025, 00:00 / Anke Engelmann
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Gemeinfreiheit und Urheberrechte
Wenn man seinerzeit die Urheberrechte streng ausgelegt hätte, hätten wir heute weder Märchen noch Heldenepen.
Ich bin sehr für die Bewahrung der Urheberrechte und den Schutz geistigen Eigentums. Das hat vor allem mit der schlechten Bezahlung kreativer Leistungen zu tun. Andererseits: Im Mittelalter waren Stoffe wie aus der Artussage oder der altisländischen Edda gewissermaßen gemeinfrei. Sie waren allgemein bekannt und wurden beim Weitertragen immer wieder verändert. Jeder konnte sich bedienen und daraus etwas Eigenes schnitzen: Wolfram v. Eschenbach den Parzival, ein unbekannter Epiker das Nibelungenlied usw. Bei strengen Urheber- bzw. Veröffentlichungsrechten hätten wir heute weder Märchen noch diese Heldenepen.
Im Internet entwickelt sich gerade eine Parallelwelt. Dort kursieren vor allem im Bereich Lebenshilfe Texte, die bekannten Namen zugeordnet werden, z.B. Charlie Chaplin, Nelson Mandela, einer alten Frau auf dem Sterbebett oder der deutschen Post (der hübsche Text von Wolf Wondraschek über den Postsackbeutel). Das ist ein Vorgang, bei dem Texte quasi in eine Art Gemeinfreiheit überführt werden, indem die Autoren und -innen depersonalisiert werden. Sehr spannend!
Freischaltung: 26.04.2025, 00:00 / Anke Engelmann
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Ich bin ein Känguru
Petrichor heißt der Duft, der entsteht, wenn Regentropfen auf trockene Erde platzen. Auf manche Tiere wirkt er wie ein Aphrodisiakum
Ich habe ein neues Wort gelernt: Petrichor heißt der Duft, der entsteht, wenn Regen auf trockene Erde platzt. In Trockenzeiten setzen bestimmte Pflanzen ein Öl frei, das die Erde aufnimmt und das beim Regen freigesetzt wird - zusammen mit anderen Verbindungen, die Geosmin heißen. Auf Kängurus scheint Petrichor wie ein Aphrodisiakum zu wirken. Ich gestehe: Ich habe auch etwas Kängurublut in mir.
Freischaltung: 26.04.2025, 00:00 / Anke Engelmann
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Von »Ende« bis Buchladen III: Das Lektorat
Verlagsvertrag? Ich hatte Glück. Der Verlag Voland & Quist hat meinen Hannes ins Programm genommen. Doch wie kommt man dahin? Was braucht man dafür? Dazu in Teil drei erste Erfahrungen mit dem Lektorat.
Der Ton stimme nicht, sagte der Lektor Helge Pfannenschmidt. Man müsse dem Protagonisten bis zum Ende folgen, dafür müsse er einem sympathisch sein. Und Hannes, mein Protagonist, gebe oft nur irgendwelche Stanzen und abgehangenen Redensarten von sich. Ich schielte zum Verleger, der am Anfang der ersten Lektoratsrunde mit dabei saß. Bereute er seine Entscheidung schon? Würde er den Vertrag zerreißen, mit einem: »Tut mir leid, wir haben uns getäuscht!«
Am Ende war es doch nicht so schlimm. Die Sache mit dem Ton lässt sich bereinigen, wenn ich hier und da ein wenig rausnehme und die leeren Worthülsen sparsamer dosiere. Denn dass mein Held manchmal hölzern wie ein Polizeibericht klingt, hat auch eine Funktion: Er redet vorzugsweise dann verschraubt, wenn ihm etwas besonders unter die Haut geht. Dass die Leserinnen und Leser Hannes seine Großmäuligkeit und Hypochondie nicht übelnehmen, sondern sie als Verletztheit und Schutzhaut interpretieren, wird ein schwieriger Balanceakt. Und ganz sicher wird das nicht alle ansprechen, die das Buch lesen (sollen).
In einigen Punkten fehlte mir Klarheit. Helge hat mir auf den Weg geholfen! Geholfen, nicht gezeigt! Vielen Dank! Die Arbeit hat mich sehr inspiriert. Inzwischen sind noch einige entzückende Passagen entstanden, mit denen ich Verständnislücken geschlossen habe. Zum Beispiel über die Erfurter Mitropa. Selbstbedienung! Bahnsteig fünf! Auch mit meinem Ende war ich selbst noch nicht ganz zufrieden, auch das ist mir nun klarer. Schließlich soll das nicht kitschig werden, obwohl, ein bisschen Gefühligkeit zum Ausklang …
Wir haben lange gesessen und weniger als ein Drittel geschafft. Heute folgt die zweite Runde. Ich bin sehr gespannt!
Literaturempfehlungen
Für Autorinnen und Autoren:
Hans Peter Roentgen: Was dem Lektorat auffällt. Sieben Verlag Groß-Umstadt, 2019
Handbuch für Autorinnen und Autoren (8. Auflage) Uschtrin Verlag, Inning am Ammerseee 2015Für Lektoren und Lektorinnen:
Leitfaden freies Lektorat (Verband der freien Lektorinnen und Lektoren). Bramann Verlag, Frankfurt a.M., 2023Freischaltung: 22.04.2025, 00:00 / Anke Engelmann in Aktuell, Schreiben