Poesieblog
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Du: Glücksperlen in den Wimpern.
Ich: hüftlang das Algenhaar.
Wir: hängematt, robbenhäutig.
Fischfamilien Sonnentanz,
Ebereschen füßeln in flüssigem
Silber, leuchtrote Beerenkronen
verzwiefacht der Wasserhimmel.Schläfriges Sonnengrün: Unser See.
Am anderen Ufer: Unser Steg.
Wasserwärts die Kälte beißend
am Schritt, am Po, am Bauch.Dann: fallenlassen bis endlich
weiche Wasserhand, sanfter
Fang dich kühl umschmeichelt.Anderntags: Wir sind nicht einkaufen
gefahren. Morgens früh haben wir
den Bäckerwagen abgepasst.Am Steg die Frau steht im Wasser bis
zum Schlüpfer. Im Hof nebenan
krächzen Haupthahn und Referenzhahn.Wir sind in unserem Element. Emil
und die Direktiven – wir haben sie
kurzerhand im Wasser versenkt.Urlaubsgedicht, kürzlich Gedicht der Woche bei Literaturland Thüringen
Freigabe: 17.08.2026, 08:20 / Anke Engelmann in Schreiben
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Der Blender ist einer, den man nicht zu fassen kriegt. Ein Fälscher, bei dem man nicht weiß, was Original ist oder Kopie. Das weiß auch Anke Engelmann. Deswegen versucht sie es auch gar nicht. Die Schreibende lässt den Beschriebenen von der Leine, schickt ihn hinaus in sein Underdogleben und beobachtet nur noch, wie er Haken schlägt und taumelt und sich wieder berappelt und weitertaumelt. Solche Figuren sind selten geworden in der Literatur, man kann sich an ihnen die Finger verbrennen, und wer will sich heute schon noch die Finger verbrennen. Anke Engelmann hat das Portrait eines begnadeten Losers gemalt und verwickelt die Leserinnen und Leser in ein atemberaubendes und sprachlich außergewöhnliches Katz-und-Maus-Spiel, bei dem einem mehr als einmal das Lachen im Hals stecken bleibt. Große Empfehlung …
(Uwe Rada)
Freigabe: 27.05.2026, 06:52 / Anke Engelmann in Blender, Schreiben
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Von »Ende« bis Buchladen VIII: Günter Grass war nicht kleinwüchsig
Der »Blender« ist da – und nun? Autorinnen-Geplauder übers Autorinnen-Dasein.
Nach der Lesung: mit Jona, Max, Antonia, Jule und Leif vom Verlag, Bild: Voland & Quist/Maximilian Meier Der 16. Februar hat mein Leben völlig verändert. Der »Blender« hat mich aus meinem kuschligen Arbeitszimmer in die Öffentlichkeit katapultiert. Seit seinem Erscheinen bin ich das Gesicht des »Blender«, ich sitze auf Podien und hinter funzligem Leselicht, ich artikuliere in Mikrofone und lächle ins Publikum, denn mein Name steht auf dem Cover.
Dass ich allein im Rampenlicht stehe, ist eigentlich zu viel Ehre. Was wäre ich ohne den Verlag? Voland & Quist hat aus meinem Text ein Buch gemacht, das auf- und gefällt. Voland & Quist organisiert Lesungen und Vertrieb, macht die Pressearbeit und verhandelt Honorare, Fahrgeld und Übernachtungskosten.
Wie behauptet sich ein Buch in der Fülle des Marktes? 2024 gab es 65.714 Neuerscheinungen, davon 58.346 Erstauflagen (ohne Selfpublishing), so der Börsenverein des deutschen Buchhandels. Literarische Qualitäten spielen auf dem Buchmarkt selten die Hauptrolle. Gute Bücher gehen still unter, mittelmäßige werden gepusht und gehypt, weil Großverlage große Summen in Werbung stecken können. Autorinnen werden gesucht, die die richtige Aufmerksamkeit generieren, sodass sie dem Verlag weitere Bestseller liefern können.
Bei mir ging es gut los. Die Resonanz auf die ersten Lesungen und die Kritiken überwältigen mich. Überwiegend positiv bis begeistert, allerdings fast alle aus dem Osten der Republik. Das Thema DDR scheint doch eine gewisse Hürde für den westlichen Teil der Republik darzustellen. »Wir zielen mehr auf eine jüngere Zielgruppe« – als würden junge Menschen nur Bücher lesen, die Gleichaltrige geschrieben haben!
Geändert hat sich auch mein Blick auf den »Blender«: Von der Autorin werde ich zur Interpretin. Wie im (schlechten) Deutschunterricht fragt man mich: Warum macht der Held das? Warum macht er jenes nicht? Und ist dieses vielleicht eine Metapher für …? Oder: Ob es für mich als Frau schwer gewesen sei, mich in eine männliche Hauptfigur einzufühlen. Besonders mag ich: »Was wollten Sie uns mit dem ›Blender‹ sagen?« Leute, woher soll ich das wissen? Vieles habe ich doch erst jetzt begriffen! Und übrigens, Günter Grass war auch nicht kleinwüchsig!
Wem der »Blender« gefällt, das habe ich nicht in der Hand. Auch nicht, wie andere ihn lesen. Schließlich kann ich nicht neben jeder Leserin und jedem Leser sitzen, mit dem Finger auf Textstellen deuten und erklären, wie ich sie gemeint habe. Das wäre, nebenbei bemerkt, total langweilig und nervig noch dazu. Allerdings, sollten Sie diesbezüglich Ambitionen haben, können wir gern für ein angemessenes Honorar einen Exklusivtermin vereinbaren.
Für alle mit schmalem Geldbeutel kann ich kurz die wichtigsten Antworten geben: Warum ein DDR-Roman? Weil ich als Journalistin am besten über das schreiben kann, was ich kenne. Warum ein Schelmenroman? Weil ich Bücher mag, die gelesen werden. Nicht so’n kopflastiges, schweres Zeug für Leute, die elitär unterwegs sind. Ich finde, wir alle haben das Recht, unterhalten zu werden, gerade in Zeiten wie diesen.
Geschrieben habe ich weitgehend intuitiv. Geprägt von meinen Leseerfahrungen (Grimmelshausen! Blechtrommel!), von meinen Lebenserfahrungen, von den historischen Ereignissen, die ich wie Pflöcke in den Plot gerammt habe, von dem, was die Figuren eingefordert haben und wohin mich die (Un-)Logik der Handlung getrieben hat. Beim Schreiben habe ich nichts bewertet und nur wenig gesteuert. Manches hat sich einfach gefügt. Und genau das macht einen guten Roman aus, finde ich. (Upps. Ich wollte nicht unbescheiden sein.)
Die Lesung am 13. April im Brecht-Haus war, neben der Buchpremiere in Erfurt, bisher der Höhepunkt. Was soll ich sagen: Es war voll. Das Publikum, darunter einige Freunde von früher, reagierte für Hauptstadtverhältnisse ungewöhnlich fröhlich und aufgeschlossen. Knut Elstermann, der den ganzen Abend ohne eine einzige Notiz moderierte, war zugewandt und hatte den »Blender« sehr aufmerksam gelesen.
Jetzt freue ich mich auf die Lesung in Arnstadt (am 21. Mai), vor allem aber auf ein Podiumsgespräch am 13. Juni mit den Autoren Aron Boks (»Starkstromzeit«, »Nackt in die DDR«) und Clemens Böckmann (»Was du kriegen kannst«) im Rahmen des Literaturfestivals LiteraTurm in Frankfurt (Main). Thema: »Das Vergessene Erzählen«: Diskussion über ästhetische und literarische Formen des Erzählens über die DDR und Ostdeutschland. Organisiert hat die Veranstaltung das Kollektiv DiasporaOst. Ein wunderbares Beispiel, dass eine authentische Stimme auch eine jüngere Zielgruppe anspricht, wenn man beiden die Gelegenheit gibt, sich zu begegnen. Geht doch!
Übrigens: Die Lesung im Brecht-Haus ist auch online zu verfolgen.
Freigabe: 05.05.2026, 16:22 / Anke Engelmann in Blender, Schreiben
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Von »Ende« bis Buchladen VII: Raus!
Endlich ist er da, der »Blender«. Einen schweren Karton hat mir der freundliche Postmann kürzlich in die Hand gedrückt. Nur noch wenige Tage, und der »Blender« kommt in die Buchläden. Und dann?
Ich dachte immer, ein Buch zu schreiben, das ist Arbeit. Als ich noch mitten im Stoff steckte, sehnte ich den Moment herbei, an dem ich den letzten Punkt setzen würde. Ich würde mich zurücklehnen, aufatmen, und auf magische Weise wäre der Roman in der Welt und am richtigen Platz. Mein privates Märchen hätte sich vollendet, sanft würde alles in einen immerwährenden Zustand von »Und sie lebten glücklich und zufrieden« plätschern. Wie naiv ich war!
Denn was ist ein Buch ohne Leser? Es vergammelt als Kompetenztapete im Buchladen; nur Freaks stöbern mit verdrehtem Kopf die unzähligen Buchrücken im Regal durch. Die Regel ist einfach: Ein Buch muss gefunden werden. Das Cover vom »Blender« leuchtet – das ist schon mal ein großes Plus. Doch auf dem Buchmarkt darf man nichts dem Zufall überlassen: Auch Menschen mit einer Farbschwäche und die, die nicht in Buchhandlungen nach Lesestoff suchen, sollen über den »Blender« stolpern: »Haben Sie den ›Blender‹? Von Anke Engelke?«
Dazu müssen sie in der Presse etwas gelesen oder gehört haben, einen Fernsehbeitrag gesehen oder eine Lesung besucht haben. Oder jemand hat ihnen einen Geheimtipp gegeben. Unzählige Ankündigungen an Presse und Veranstalter hat Theresa von Voland & Quist verschickt. Unermüdlich bestückt Max die Social-Media-Kanäle. Und ein paar Strippen habe ich auch gezogen. Von meinem »Blender«-Quiz abgesehen, ist die Resonanz überwältigend. So überwältigend, dass ich dringend an meinem Tiefstapler-Syndrom arbeiten muss.
Mein erster Pressetermin lief easy. Mit dem MDR war ich im Herzoglichen Museum in Gotha und stolzierte mit Museumsbesucherinnen-Blick an der Kamera vorbei. Sinnend betrachtete ich das »Gothaer Liebespaar«, denn das Renaissancegemälde spielt im Buch eine zentrale Rolle. Ich erfuhr, dass die Journalistin Romy Gehrke ein ganz besonderes Verhältnis ausgerechnet zu diesem Bild hat. Was für eine Geschichte! Kann man sich nicht ausdenken! Muss man gesehen haben (am 17. Februar ab 19 Uhr).
Beim Interview musste ich mich ganz auf Hannes Bohn konzentrieren und alles andere vergessen: die Angst, etwas Falsches zu sagen. Alle Versuche, gut auszusehen. Anfangs bemühte ich mich, den Kopf leicht vorzustrecken, um den Hals zu straffen. Außerdem hatte ich mir vorher extra die Haare schneiden lassen, ein Akt der Überwindung bei meinem Haarlack & Omalöckchen-Trauma. Diesmal aber habe ich eine wirkliche Profi-Friseurin gefunden. Kontaktdaten gebe ich gern auf Anfrage weiter.
Welche Journalisten das Buch für eine Rezension angefordert haben, verrate ich nicht. Auch nicht, wie viele. Ob der »Blender« ihnen gefällt, wird sich zeigen. Noch bin ich gelassen: Hauptsache Presse, auch wenns ein Verriss ist. Wichtige Termine für Lesungen stehen bereits fest: Erfurt (1. März im Kultur: Haus Dacheröden, mit Helge Pfannenschmidt), Kunstburg Ranis (6. März vom Lesezeichen e. V.), Weimar (12. März in der LiteraturEtage mit Christoph Schmitz-Scholemann), Arnstadt, Brüssel, Sonneberg (Thüringer Kulturstiftung). Und, brandheiß, der Ritterschlag: Am 13. April bin ich eingeladen ins Literaturforum im Brecht Haus Berlin. Moderiert von Knut Elstermann. Knut! Elstermann! Im Brecht Haus! Kann mich bitte jemand wachrütteln?
Nein. Lieber nicht.
Achtung: Am 17. Februar ist der »Blender« im MDR Thüringen Journal. Beginn der Sendung: 19 UhrFreigabe: 10.02.2026, 14:54 / Anke Engelmann in Blender, Schreiben
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Von »Ende« bis Buchladen VI: Das Cover
Verlagsvertrag? Ich hatte Glück. Der Verlag Voland & Quist hat meinen Hannes ins Programm genommen. Doch wie kommt man dahin? Was braucht man dafür? Dazu in Teil sechs alles übers Cover.
Egal, wie der Drops schmeckt: Schön bunt muss er aussehen. Verpackung ist alles! Egal, worum es in einem Buch geht, wie gut oder schlecht es geschrieben ist: Im Buchladen entscheidet das Cover. Farben, Schriftart und Bildsprache sollen einen Sog entwickeln, der die potenziellen Käufer hypnotisiert. Mit zitternder Hand sollen sie in der Fülle der Angebote nach dem »Blender« greifen: Dieses Buch will ich! Dieses Buch erzählt genau meine Geschichte!
Aber wer sind die potenziellen Käufer? Wie schafft man es, dass das Buch auf dem Büchertisch gerade sie so anstrahlt, dass alles andere verblasst? Muss der Grafiker wissen, welche Cover-Styles gerade angesagt sind – und sich dann davon abheben? Mehrere Motive in unterschiedlichen Varianten schlug Thom Balmer von Guerillagrafik vor. Einige stützten sich sehr reduziert nur auf die Schrift (Typo), die meisten arbeiteten mit einem Bildmotiv. Unter seinen Cover-Vorschlägen ein stilisierter und monochrom eingefärbter Ausschnitt wie aus dem Bauernkriegspanorama von Werner Tübke. Im Roman spielt dieses Gemälde – genauer gesagt: seine Entstehung – eine wichtige Rolle.
Dieses Cover favorisierte der Verlag. Mein Lieblingscover sah anders aus. »Ich will dasselbe wie der Verlag: Das Buch soll sich verkaufen«, sagte ich vorsichtig. »Aber ich denke, dieses Cover könnte die Leute in die Irre führen.« Die Schrift: super! Die Farbe? Nicht unbedingt mein Fall, aber egal. Doch das Bildmotiv? Ich hätte mir ein Cover gewünscht, das mehr auf den Helden zielt, sagte ich. Der Grafiker habe das über die Titelschrift umgesetzt, entgegnete Leif. Viel später erst begriff ich, was er meinte: Wie eine Staffage steht die Schrift mitten in der Szene. Eine Theaterkulisse. Raffiniert, eigentlich. Aber uneigentlich zu anspruchsvoll für den kurzen Blick im Buchladen?
An ein Wunder wollte ich nicht glauben, mein Wunder-Guthaben war schließlich längst aufgebraucht. Aber dann …
… wurden die Karten neu gemischt. Max vom Verlag zauberte erste Entwürfe, Bildmotiv: ein kleiner Junge mit Lederhose und Gartenzwerg. Ich war begeistert. Thom Balm lieferte schließlich das neue Cover, wieder in verschiedenen Varianten, wieder in blendenden Farben. Wir entschieden uns für Nummer eins. Diesmal einhellig und ohne Bauchschmerzen. Heureka! Dieses Cover wird bestimmt nicht übersehen!
Verlag Voland & Quist, Berlin
ISBN 978-3-86391-454-7
EUR 24,00 (D)Freigabe: 03.12.2025, 10:41 / Anke Engelmann in Blender, Schreiben
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Von »Ende« bis Buchladen V: Die heiße Phase
Verlagsvertrag? Ich hatte Glück. Der Verlag Voland & Quist hat meinen Hannes ins Programm genommen. Doch wie kommt man dahin? Was braucht man dafür? Dazu in Teil fünf (fast) alles über die heiße Phase, über Titel, Blurb und was das alles mit der Covergestaltung zu tun hat.
Das Wichtigste zuerst: Wir haben einen Titel. »Blender« wird der Roman heißen. Ich bewege das Wort in meinem Mund wie einen Drops. BLENDER. Blen-Der. BlenderBlenderBlender.
Der Vorschlag kam vom Lektor Helge Pfannenschmidt. Spontan habe ich alle 32 Ideen verworfen, die ich in den letzten Wochen notiert hatte. „Blender“ gefällt mir. Schlicht, prägnant. Grafisch gut umzusetzen. Dazu haben wir auch schon Ideen gesammelt. Allerdings: Zum Cover wird noch nix verraten.
Außerdem haben wir über den „Blurb“ nachgedacht. „Blurb“ ist ein kurzes Statement einer bekannten Person auf der Rückseite des Buches. Zum Beispiel „Total schlagkräftig: Das haut dich um! (Henry Maske)“. Oder: „Hier spricht eine der großen literarischen Stimmen der Gegenwart (Edgar Wallace)“. Oder: „Mit ‚Blender‘ kann man vortrefflich älter werden und vergeudet keine Lebenszeit (Elke Heidenreich)“.
Wie gehts jetzt weiter?
Die Blurb-Kandidaten werden angeschrieben. Dazu haben wir eins-zwei-fix eine kurze Zusammenfassung geschrieben (siehe dazu Teil II: Das Exposee). Die soll den Blurbern ihre Aufgabe schmackhaft machen. Und dann sollen sie den Roman lesen und ihr überschwengliches Urteil kurz und prägnant formulieren. Und damit nach diesem Artikel nicht Wäschekörbe mit Bewerbungen eingehen: Es handelt sich um eine Gefälligkeit, die sich ausschließlich aus der Begeisterung für diesen ungewöhnlichen Roman motiviert. Genauer gesagt: Gezahlt wird dafür nichts.
Vielleicht wäre das besser? Was, wenn sich Größen der Literatur zwar zu dem Liebesdienst bereit erklären, aber nach den ersten Seiten alles wütend in die Ecke feuern? Immerhin könnte man sich dann bei Persönlichkeiten bedienen, die nicht mehr unter uns weilen. „Genau so ist es gewesen! Alles wahr bis, zum letzten Komma! (Alexander Schalck-Golodkowski)“
Nach dem ersten Lektoratsdurchgang folgt der zweite. Und zwar heute, am Dienstag. Mal sehen, ob Helge zufrieden ist.Freigabe: 26.08.2025, 00:00 / Anke Engelmann in Blender, Schreiben
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Die Erfindung des Cherokee-Alphabetes
Der Native-Stamm der Cherokee hat eine eigene Schrift. Entwickelt hat sie ein Mann, der weder lesen noch schreiben konnte und außer seiner eigenen Sprache keine andere sprach.
Um 1830 erfand der Cherokee-Native Sequoyah eine Schrift für die Sprache seines Stammes. Der amerikanische Schriftsteller und Jurist Samuel Lorenzo Knapp hat ihn getroffen und beschrieben. Er muss eine eindrucksvolle Persönlichkeit gewesen sein.
Demnach habe Sequoyah zusammen mit seiner Tochter zunächst ein System von 200 Zeichen entwickelt, die sie später auf 86 Zeichen reduzierten. Sequoyah habe außer seiner eigenen Muttersprache keine eigene gesprochen und konnte wohl auch außer seiner eigenen Schrift keine andere lesen und schreiben.
Mit den 86 Zeichen lassen sich sämtliche, in der Cherokee-Sprache vorkommenden Silben wiedergeben. Die Schrift ist so intuitiv und damit leicht zu lernen, dass die Missionare dazu übergingen, sie für ihre Ausgaben des Neuen Testamentes zu benutzen. Berichten zufolge ließ sich die Cherokee-Schrift in 14 Tagen erlernen. Die Alphabetisierung in englischer Sprache dauerte Jahre.
Innerhalb kürzester Zeit stieg die Alphabetisierungsrate der Cherokee-Indianer auf 90 Prozent. Schnell wurden Lettern hergestellt und eine Zeitung erschien, die in englischer und Cherokee-Sprache gedruckt wurde: der Cherokee Phoenix.
Freigabe: 01.07.2025, 00:00 / Anke Engelmann in Alphabetisierung, Schreiben
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Von »Ende« bis Buchladen IV: Der Titel
Verlagsvertrag? Ich hatte Glück. Der Verlag Voland & Quist hat meinen Hannes ins Programm genommen. Doch wie kommt man dahin? Was braucht man dafür? Dazu in Teil vier (fast) alles über den Titel und seine Findung.
Ein ganzer Satz? Ein einziges Wort? Eine Wortgruppe, die ein ungewöhnliches Wort enthält, das einen irritiert wie ein Himbeerkern zwischen den Zähnen? Mit Verb, mit-ohne Adjektiv? Bezogen auf den Helden, bezogen auf die Handlung, ein Hinweis auf das Genre, eine Anspielung auf einen berühmten Titel, eine witzig abgewandelte Redewendung oder gleich ein Verwirrspiel, bei dem die Leser nichts wissen, nur: Dieses Buch muss ich unbedingt kaufen!
Einer meiner aktuellen Lieblingstitel lautet: »Wo der spitzeste Zahn der Karawanken hinauf in den Himmel fletscht« (Autorin: Julia Jost). Als Lektorin hätte ich diesen Titel wahrscheinlich verworfen. Die Karawanken kannte ich nicht. Wie kann ein einzelner Zahn fletschen, auch wenn er noch so spitz ist? Und ist das kleine Wörtchen »hinauf« nicht völlig überflüssig?
Und doch. Der Titel setzt sich fest. Gerade weil er sperrig ist. Er leuchtet so bunt wie der Roman. Ich habe ihn wiedergekäut noch und nöcher. Das Wort »Karawanken« machte mich neugierig. Es klang exotisch. Jedesmal wenn ich dachte: »Jetzt hab ich dich!«, hat er sich mir wieder entzogen. Ich musste um ihn kämpfen. Aber ich wollte das auch.
Mein Roman trug den Arbeitstitel »Hannes im Glück«. Ich wollte einen Märchenbezug. Das Märchen hat sogar den Namen meines Helden gesetzt: Hannes. Wie Hans. Dafür habe ich in Kauf genommen, dass ich bei jedem Genitiv einen Apostroph einfügen musste. Den Namen meines nächsten Helden (Heldin) werde ich nicht noch einmal auf ein »s« enden lassen, Bezüge hin oder her.
Der Verlag testet die Titel, indem er sie Testlesern vorlegt. Meiner gefiel zunächst, wurde später jedoch verworfen. Niemand sagte »altbacken«, aber irgendwie stand der Begriff im Raum, als wir uns per Zoom zum Brainstorming trafen. Ich begriff: Das Cover muss mitgedacht werden. Mit was für einem Cover sehe ich mein Buch? Ein wirkliches Bild hatte ich bis dahin nicht vor Augen – nur einige Ideen, darunter das »Gothaer Liebespaar«.
Ich hänge nicht an meinem Titel und der Vorstellung, die dahintersteckt. Wichtig ist: Das Buch soll sich verkaufen. Ich vertraue dem Verlag, mir gefallen viele Titel bei V&Q und sie scheinen Leser und Presse anzusprechen. Leider ging unser Brainstorming lediglich mit ein paar Ideen auseinander und der Verabredung, dass wir weitere Gedanken in die Runde geben. Der große Knaller á la »Karawanken« war nicht dabei. Mein zweiter Favorit: »Der Phantograf«, der auch dem Verleger gefiel, wurde als »zu technisch« verworfen.
Wir gingen auf Titelsuche, mein Partner und ich. Das beschäftigte uns mehr, als unserem Broterwerb guttat. Wir redeten in Romantiteln, ich träumte in Romantiteln, ich hörte überall Romantitel. Wenn man darauf achtet, besteht die ganze Welt aus Romantiteln. Nur die Bücher dazu müssen noch geschrieben werden. Einen Romantitel für ein schon existierendes Buch zu finden, stellte sich als nahezu unlösbare Aufgabe heraus. Wenn einer vorbeiflatterte, der uns auf Anhieb ansprach, gab es dazu schon ein Buch, einen Film oder eine Quiz-Show.
Jeden Vorschlag, der die Wörter »Liebe« oder »Glück« enthielt, verwarf ich sofort (»klingt nach Liebesroman«). Jeden Vorschlag, der aus einem Satz bestand, verwarf mein Partner sofort. In der Fülle der Fast-Guten neigte ich schließlich dazu, alles abzulehnen. Ich überschüttete die Brainstorming-Runde mit einer Liste potenzieller Titel, die mir eine Woche später nicht mehr gefielen (sorry!). Ich fragte die KI. Ich blätterte nach Zitaten. Ich suchte Redewendungen und Sprichwörter. Ich stöberte im Roman nach guten Halbsätzen.
Mein Freund ging die Sache von der anderen Seite an: Er servierte einen wunderbaren Titel nach dem anderen, bremste meine Begeisterung mit der Bemerkung: »Das ist ein Roman von …« und fügte hinzu: »Irgendwie so könnte man das machen.« Eine Freundin schenkte mir ein Buch über einen Kunstfälscher: »Paradies der falschen Vögel« von Wolfgang Hildesheimer. »Paradies«! »Falsche Vögel«! Genial! Zum Glück ist uns das nicht eingefallen, was hätten wir uns geärgert. Wir spielten damit, doch »Der falsche Vogel fängt den Wurm«, »Das falsche Paradies« blieben nur ein blasser Abklatsch. Überhaupt bin ich sehr froh, dass ich dieses Werk erst jetzt gelesen habe, weil es so nah an meinem ist.
Literaturempfehlungen
Mein derzeitiger Favorit: »Mein ungelungenes Leben« hat mit einem Zitat von Ernst Bloch zu tun, der im Roman eine Rolle spielt. Das Wort »ungelungen« entgleitet mir ständig. Ich kann es nur über die Eselsbrücke »ungelogen« festhalten. Ob das gefällt? Oder ist das zu sehr um die Ecke gedacht? Warum nicht gleich: »Mein ungelogenes Leben«? Was meint ihr?
Peter Hille: Titel, Pitch und Exposé für Romane. Textmanufaktur Verlag, Fischerhude, 2016Julia Jost: Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht. Suhrkamp Verlag, 2024
Wolfgang Hildesheimer: Paradies der falschen Vögel. Edition Büchergilde GmbH, 2017
Freigabe: 04.06.2025, 00:00 / Anke Engelmann in Blender, Schreiben
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Von »Ende« bis Buchladen III: Das Lektorat
Verlagsvertrag? Ich hatte Glück. Der Verlag Voland & Quist hat meinen Hannes ins Programm genommen. Doch wie kommt man dahin? Was braucht man dafür? Dazu in Teil drei erste Erfahrungen mit dem Lektorat.
Der Ton stimme nicht, sagte der Lektor Helge Pfannenschmidt. Man müsse dem Protagonisten bis zum Ende folgen, dafür müsse er einem sympathisch sein. Und Hannes, mein Protagonist, gebe oft nur irgendwelche Stanzen und abgehangenen Redensarten von sich. Ich schielte zum Verleger, der am Anfang der ersten Lektoratsrunde mit dabei saß. Bereute er seine Entscheidung schon? Würde er den Vertrag zerreißen, mit einem: »Tut mir leid, wir haben uns getäuscht!«
Am Ende war es doch nicht so schlimm. Die Sache mit dem Ton lässt sich bereinigen, wenn ich hier und da ein wenig rausnehme und die leeren Worthülsen sparsamer dosiere. Denn dass mein Held manchmal hölzern wie ein Polizeibericht klingt, hat auch eine Funktion: Er redet vorzugsweise dann verschraubt, wenn ihm etwas besonders unter die Haut geht. Dass die Leserinnen und Leser Hannes seine Großmäuligkeit und Hypochondie nicht übelnehmen, sondern sie als Verletztheit und Schutzhaut interpretieren, wird ein schwieriger Balanceakt. Und ganz sicher wird das nicht alle ansprechen, die das Buch lesen (sollen).
In einigen Punkten fehlte mir Klarheit. Helge hat mir auf den Weg geholfen! Geholfen, nicht gezeigt! Vielen Dank! Die Arbeit hat mich sehr inspiriert. Inzwischen sind noch einige entzückende Passagen entstanden, mit denen ich Verständnislücken geschlossen habe. Zum Beispiel über die Erfurter Mitropa. Selbstbedienung! Bahnsteig fünf! Auch mit meinem Ende war ich selbst noch nicht ganz zufrieden, auch das ist mir nun klarer. Schließlich soll das nicht kitschig werden, obwohl, ein bisschen Gefühligkeit zum Ausklang …
Wir haben lange gesessen und weniger als ein Drittel geschafft. Heute folgt die zweite Runde. Ich bin sehr gespannt!
Literaturempfehlungen
Für Autorinnen und Autoren:
Hans Peter Roentgen: Was dem Lektorat auffällt. Sieben Verlag Groß-Umstadt, 2019
Handbuch für Autorinnen und Autoren (8. Auflage) Uschtrin Verlag, Inning am Ammerseee 2015Für Lektoren und Lektorinnen:
Leitfaden freies Lektorat (Verband der freien Lektorinnen und Lektoren). Bramann Verlag, Frankfurt a.M., 2023Freigabe: 22.04.2025, 00:00 / Anke Engelmann in Aktuell, Blender, Schreiben
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Von »Ende« bis Buchladen II: Das Exposé
Verlagsvertrag? Ich hatte Glück. Der Verlag Voland & Quist hat meinen Hannes ins Programm genommen. Doch wie kommt man dahin? Was braucht man dafür? Dazu in Teil zwei Erfahrungen und Gedanken zum Thema Exposé.
Wenn ein Manuskript einen Verlag oder eine Literaturagentur begeistern soll, braucht es ein Exposé, und das muss blitzen wie ein Diamant. Das Exposé ist die Pflicht zur Kür. Fraglos, ein Roman macht auch Arbeit – 200 Seiten wachsen nicht an einem Tag. Und die Textprobe zum Exposé ist mit besonderer Sorgfalt zu polieren.
Aber das Exposé! Wie nichts sonst verkörpert es die Zwitterexistenz eines Schriftstellers. Nichts mehr von Schöngeist. Du schlüpfst in die Haut eines Autohändlers, eines Staubsaugerverkäufers. Mit einem Köfferchen ziehst du von Haus zu Haus. Bei Wind und Wetter stehst du auf dem Markt und preist laut deine Ware an. Seriös wirken! Aber nicht zu dick auftragen, nicht zu sehr anbiedern, nicht zu schmierig und aufdringlich werden! Dafür musst du alles vergessen, sonst gehst du an Ignoranz zugrunde. Dass du dein Baby über Abgründe und durch den Dschungel geschleppt hast, dass du ihm in deinem Leben so viel Raum eingeräumt hast, auf Kosten deiner Gesundheit, deiner Familie und Liebsten, auf Kosten eines ausgewogenen Alltags und Kontostandes – dein Problem. Wen interessiert das schon.
Loslassen! Das Werk ohne Emotionen und elterlichen Stolz betrachten, nüchtern und realistisch! Kein Exhibitionismus! Meist stellt sich dieser Abstand ein, nachdem die E-Mail mit Exposé und Textprobe zum ersten Mal das Postfach verlassen hat: der Auweia-Effekt. Ohnehin fällt die Exegese leichter, wenn der Roman eins-zwei-fix heruntergeschrieben wurde und sich eng an einem Plotgerüst entlang hangelt. Dann neigt man auch nicht dazu, sich im Anschreiben für sein absurdes Hobby zu entschuldigen.
Mir jedoch geht es, wie Juli Zeh in ihren Poetikvorlesungen beschreibt (unter dem Titel »Treideln«): Erst, wenn das Skript fertig und mehrfach überarbeitet ist, weiß ich, worauf alles hinausläuft. Beim Überarbeiten und in der oft schmerzhaften Auseinandersetzung mit ersten Lesern (Lektorat) kristallisieren sich Stränge und Themen heraus. Ich kann an dem rohen Textblock schnitzen und meine eigene Weisheit bestaunen.
Natürlich beginne ich mit einer Intention, einem Thema. Doch erst beim und durchs Schreiben entsteht Distanz. Wege öffnen sich. Erfahrenes, Erlebtes und emotional Gebundenes lösen sich, verknüpfen sich mit spontanen Einfällen. Jede Entscheidung, Knotenpunkt in einem Netz, führt zu weiteren Entscheidungen. Welchen Weg ich gehen, welche Entscheidungen ich treffen werde – das weiß ich doch vorher nicht! Und wenns so wäre: wie langweilig! Das würde mich des Vergnügens berauben, das mich über Jahre und Durststrecken trägt.Das Exposé begleitet von den ersten Überlegungen bis zum Verlagsvertrag? Konzept, Skizze, Plan, Arbeitshilfe? Vergiss es! Nötig wird es, wenn ich aus meinem engen Arbeitskreis heraustrete, weil ich von etwas leben muss. Und dann sollte es bereits gut abgehangen sein. Ein Papier gewordenes Verkaufsargument, beantwortet es Interessenten Fragen wie: Was will die Dichterin mit ihrem Buch sagen? Ist ihr zu trauen, weiß sie, was sie tut? Und, ganz wichtig: Werden viele Leser bereit sein, dafür Geld auszugeben?
Wer professionell mit dem Schreiben Geld verdienen will, betritt den Markt sehr früh. Das Exposé muss dann stehen – am besten, bevor die Arbeit losgeht. Stipendien-Geber zum Beispiel stellen sich das Prozedere so vor: Die Schriftstellerin überlegt sich, was für ein Buch sie schreiben will. Alle Details und Wendungen listet sie übersichtlich in einer Excel-Tabelle auf. Damit verfasst sie das Exposé. Und dann das Buch: einfach nur die Liste abarbeiten, Punkt für Punkt. Kinderleicht, oder? Dazu eine Bemerkung des Thriller-Autors Andreas Pflüger. Auf einem Fachtag erinnerte er sich, wie beim Erscheinen seines ersten Buches jemand das Exposé herausgekramt hatte, das er dazu eingereicht hatte. »Wir haben herzhaft gelacht«, sagte er.
Literaturempfehlungen
Ratgeber mit konkreten Einzelheiten, z. B.
Was enthält ein Exposé? Welche Form, welche Länge? Wie das Anschreiben formulieren?André Hille: Titel, Pitch und Exposé für Romane. Textmanufakturverlag,
Fischerhude 2016
Hans Peter Roentgen: Drei Seiten für ein Exposé. Sieben Verlag Fischbachtal 2010
Der Literaturbetrieb, amüsant und kurzweilig:
Juli Zeh: Treideln. btb in Random House, München, 2015Freigabe: 21.04.2025, 00:00 / Anke Engelmann in Blender, Schreiben
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Von "Ende" bis Buchladen I: Verlag finden
Ist das Skript fertig, geht die Arbeit erst richtig los. Was passiert vom Manuskript bis zur Veröffentlichung? Darüber schreibe ich auf meinem Blog. Erste Folge: Die Einreichung
Meine Nachricht des Tages: Verlagsvertrag mit Voland & Quist unterzeichnet. So richtig kann ich es noch nicht glauben: Mein Roman »Hannes im Glück« erscheint im Frühjahr 2026. Ich bin stolz wie Bolle. So ein toller Verlag!
Die Einreichung
Jahrelang täglich in eine fremde Welt eingetaucht, mit störrischen Figuren und widerwärtigen Computerproblemen gekämpft, wenn andere im Bett oder vorm Fernseher gechillt haben. Nun ist er fertig, der Roman – und er ist ein großer Wurf. Das spürst du. Er soll nicht in der Schublade verrotten, dieser nicht! Also flugs, wie in den Ratgeberbüchern empfohlen, ein gutes Exposé erstellt (»flugs«, haha! Dazu demnächst mehr). Und dann die Verlage damit beglückt. Am besten alle. Einer wird sich schon zurückmelden, denn Gutes setzt sich durch.
Doch die Verlage, auch das steht in den Ratgeberbüchern, ersticken in unverlangt eingesandten Manuskripten. Genaue Zahlen sind schwer zu finden und was man findet, scheint wenig glaubwürdig. Ich jedenfalls stelle mir das so vor:
»Kommen Sie! Ich zeigs Ihnen.« Der Cheflektor öffnet eine unscheinbare Tür neben der Toilette. Eine nackte Glühbirne erleuchtet die fensterlose Kammer. Papier. Überall türmt sich Papier, auf dem Schreibtisch, dem Boden, den Regalen, auf jeder Ablagefläche. Staub steht in der Luft. Am Schreibtisch verschwindet ein blasser junger Mensch zwischen turmhohen Stapeln.
»Sind das alles …?«
Der Cheflektor nickt.
Das Wesen am Schreibtisch regt sich. Es fasst die losen Blätter vor sich und schichtet sie nach rechts – der Berg neigt sich bereits bedrohlich. Der Arm langt nach links, die Hand greift einen neuen, armdicken Stapel. Legt ihn ab. Schlägt die erste Seite auf. Raschelnd entflieht ein Seufzer durch die geöffnete Tür. Ein Blatt segelt nach unten. Beim Aufheben kann ich nicht umhin, die ersten Zeilen zu lesen: »Ich vertraue Ihnen mein Lebenswerk an. 35 Jahre habe ich daran gearbeitet.«
»Wir sichten alle unverlangten Einsendungen«, der Cheflektor strahlt stolz.
In einem Regal liegen vergilbte Blätter. Manche in verblasster Handschrift. Andere mit der Schreibmaschine geschrieben. Ich puste den Staub beiseite. »Thomas Mann«, entziffere ich mühsam. »Die Buddenbrooks. 1899.«
1899?
»Das ist …, das ist …«
»Uralt. Geben Sie her. Ich werfe das gleich weg. Wir machen zur Zeit sowieso nur Young Adult.«Aha. Ein Konzernverlag. Und wie sieht die Realität aus?
Eine durchschnittliche Zahl von Einreichungen anzugeben ist schwer. Die großen Verlage bekommen mehr als die kleinen. Und natürlich reichen Profis ihr Skript bei mehr als einem Verlag ein. Unter den Einsendungen findet sich vieles, was gleich aussortiert wird, weil es nicht ins Programm passt, weil es keine literarische Qualität aufweist oder weil es sich um irgendeinen Schrott von irgendeinem Spinner handelt.
Bei Voland & Quist trudeln täglich etwa ein bis drei Einreichungen ein – im Monat sind das 30 bis 90 potentielle Bücher. Eine Literaturagentin, bei der ich Ende 2023 ein Seminar besucht habe, sprach von 30 Einreichungen. Täglich. Insgesamt 900 im Monat. Davon würde die Agentur eine, maximal zwei interessierten Verlagen anbieten. Anbieten! Im Jahr! Bei solchen Zahlen ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass einem Verlag ein unverlangt eingesandtes Manuskript positiv auffällt und er ihm tatsächlich einen Platz im Programm einräumt. Zumal die meisten inzwischen mit Literaturagenturen arbeiten. Ein Lektor des Aufbau-Verlages erinnert sich, dass in den sechs Jahren seiner Tätigkeit zwei Einsendungen als Buch veröffentlicht worden seien.
Wenn Schriftsteller von einem Lottogewinn sprechen, dann meinen sie einen Verlagsvertrag. Und zwar bei einem renommierten Verlag, nicht einem, bei dem man die Bücher selbst in den Buchladen tragen muss oder den man gar für sein Kerngeschäft bezahlen muss. Genau das ist mir passiert. Zufall? Und ein Exposé, das blitzt und ein Manuskript, das sofort begeistert hat.
Freigabe: 20.01.2025, 00:00 / Anke Engelmann in Aktuell, Blender, Schreiben
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Zur Absage der Leipziger Buchmesse
Meine erste spontane Reaktion: Wenn die großen Verlage die Messe boykottieren, ist es an der Zeit, die Verlage zu boykottieren! Aber dann habe ich noch einmal recherchiert: Es lag nicht an den Verlagen. Jedenfalls nicht nur.
"Es geht nicht darum, ob ein einzelner Konzernverlag hier sagt, er macht nicht mit. Das wäre sehr bedauerlich gewesen, ohne diese Verlagsgruppe die Messe zu organisieren – aber das war kein Grund", sagt Buchmesse-Chef Oliver Zille im mdr-Interview. Viele Verlage hätten signalisiert, dass die Vorbereitungszeit zu kurz gewesen sei. "'Vorbereitungszeit zu kurz' heißt immer, mit wie vielen Leuten sie das vorbereiten." Viele Verlage hätten "Personalausfälle in Größenordnungen". "Die Leute sind krank beziehungsweise sie sind in Quarantäne und sie haben Angst, sich in Leipzig bei einem Großereignis anzustecken", sagte Zille. Also doch Corona.
Freigabe: 10.02.2022, 00:00 / Anke Engelmann in Corona, Lesen, Schreiben
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Coronamüde
Corona und diese vielen Digitalformate bringen eine große Vereinzelung. Und ich zum Beispiel bin müde, so als soloselbständige Einzelkämpferin.
Der Corona-Alltag hat mich ausgebrannt. Ich hatte zum Glück Stipendien, und man ist ja auch sehr dankbar. Aber als Finanzierung sind Stipendien anstrengend, wenn sonst alles weggebrochen ist. Man verzettelt sich, erfindet ständig neue Projekte, und der Roman, der sich nicht in einem Förderzeitraum schreibt, bleibt liegen. Stattdessen haut man sich noch ein Projekt rein und noch eins und steckt jedesmal viel Arbeit in die Antragsprosa.
Die Geber gehen zudem davon aus: Man macht eine Sache fertig. Freut sich. Überlegt sich was Neues. Stellt einen Antrag. Wartet. Wird abgelehnt. Schreibt noch einen Antrag ... Und wovon lebe ich dazwischen, wenn ich sonst nix habe? Beantragen, wenn ich noch in einer Förderung stecke, geht nicht, für dasselbe Projekt nochmal gefördert werden, geht nicht. Man hangelt sich so über die Abgründe. Besser als die Gießkanne wäre es zudem, unsere Brotberufe besser zu bezahlen. Gerade die Leute, die mit Menschen arbeiten, werden exorbitant schlecht bezahlt.
Dazu kommen die Widrigkeiten des digitalen Alltags. Die Uni, die Volkshochschule, Webex, Zoom, edudip, jeder benutzt eine andere Plattform. Alle unterscheiden sich in kleinen, aber wichtigen Funktionen, das lernt man by doing im Kurs und mit der Unterstützung erfahrener Teilnehmer. Ich hatte nach jedem online-Kurs das unbefriedigende Gefühl, dass ich manche Leute nicht erreicht habe, obwohl viele TN sehr dankbar auf meine Angebote reagiert haben. Und nach einem Kurstag ist man völlig geschlaucht. Auch meine interaktive Corona-Schreibseite ist irgendwann wieder eingeschlafen. Kein Wunder, so viele Digitalformate, wer hat darauf schon Bock? Wenn man eh den ganzen Tag in der Zoom-Konferenz hängt?
Freigabe: 02.02.2022, 00:00 / Anke Engelmann in Corona, Schreiben
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Freewriting vorm Workshop
Digitale Kurse haben auch gute Seiten. Zum Beispiel können Menschen teilnehmen, die nicht vor Ort sein können. Aber ihre Vorbereitung dauert länger. Man muss gut strukturieren, die Online-Hilfsmittel für die TeilnehmerInnen bereitlegen und alle sichten. Deshalb sitze ich am Workshop-Tag Stunden vorher auch schon am Rechner.
Ach, ich mag nicht. Das Abgleichen und Links probieren. Irgendwie würde ich jetzt gern noch ein bisschen über Hannes nachdenken. Oder einfach so schreiben ...
Schreiben. Wie tröstlich. Das Klappern der Tastatur umhüllt mich wie die Geräusche auf einem Schiff. Ich verlasse die Realität. Fahre in den Tunnel ein, meine Aufmerksamkeit fokussiert sich, der Blick wandert zwischen Tastatur und den Zeilen auf dem Bildschirm. Nur verschwommen nehme ich meinen Schreibtisch wahr, das Papier darauf, die Becher mit den Stiften, das Metall-Lineal direkt vor mir.Dabei wird es nachher bestimmt schön. Aber dieses Abgleichen. Das ist wie ... Buchhaltung. Ja. Digitale Kurse haben viel BuchhalTERisches. Mit Insider-Betonung auf der vorletzten Silbe: BuchhalTERisch.
Ich fang dann jetzt mal an. Hülft ja nüscht. Muss ja.Freigabe: 24.04.2021, 00:00 / Anke Engelmann in Schreiben
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Lass es raus? Über Trauma schreiben
In der Poesietherapie geht es darum, anderen das Schreiben als Ressource zu erschließen, mit deren Hilfe sie sich gefahrlos mit schweren Verletzungen auseinandersetzen können. Doch wie schreibt man über Trauma(ta), und zwar gefahrlos für sich und andere?
Das Unsagbare auszudrücken, und zwar so, dass andere es auch annehmen können, reizt mich. Hinter diesen beiden Halbsätzen steckt eine Transferleistung, ein Prozess: "Unsagbares ausdrücken. Andere sollen es lesen können." Es geht um mehr als darum, Betroffenheit zu artikulieren und "alles rauszulassen".
"Alles rauslassen", ist das nicht Poesietherapie? Im Prinzip ja, aber – nicht einfach so, ungefiltert. Wenn ich nur für mich schreibe, soll mir das gut tun, keinesfalls sollte ich mich in Gedankenschleifen festfahren und steckenbleiben. Wenn mein Text andere ansprechen soll, muss ich mir einen gewissen Status von Bewältigung erarbeitet haben, der meine LeserInnen mitnimmt und ihnen per Identifizierung eine Katharsis ermöglicht. Bedeutet bei mir, viel zu überarbeiten.
Ob nur für sich oder mit der Absicht einer literarischen Bewältigung: Wer über Traumata schreibt, muss aufpassen, von seinen Gefühlen nicht überwältigt zu werden. Dann rutscht man in die traumatisierende Situation, der Körper reagiert auf die scheinbar akute Gefahr z.b. mit Dissoziation, Schreibblockade – aus. Das heißt fürs Schreiben: Gefühle (und Kopf) weglassen. Keine Analysen. Schildern, was zu beobachten ist, wie die Leute reagieren, wie sie ihre Körperempfindungen ausagieren. Nicht interpretieren. Nicht behaupten: Jemand hat Angst. Beschreiben: Was macht derjenige gerade? Woran erkennt man, dass er/sie Angst hat, wütend ist, überwältigt wird, sich hilflos fühlt?
Das grundlegende Handwerkszeug guten Schreibens also, den Empfehlungen in vielen Schreibratgebern entsprechend, mit Adjektiven und Zuschreibungen sparsam umzugehen. Gut ist auch, einen Gegenpol in der Geschichte zu haben, vielleicht eine Liebe oder eine Freundschaft. Seitdem ich es so mache, fühlt es sich für mich gut an und die Texte sind nicht nur lesbar, sondern haben manchmal eine große Wucht. »Schreibend kommt man über die Dinge«, meinte Christa Wolf, und ich sehe das auch so. Eine Verletzung ist der ideale Urgrund einer aventiure, danke Ulrike. Aber man muss aufpassen, sich damit beschäftigt haben und den Unterschied zwischen Gefühlen (Kopf) und Empfindungen (Körper) spüren und machen. Texte, die traumatisieren oder Traumata antriggern, will niemand lesen. Die Leute wollen Stellvertreter-Geschichten, die ihnen helfen, über ihre eigenen Dinge zu kommen. Zu Recht.
Tipps fürs Schreiben:
- Namen ändern! Mit der Erzählstimme spielen: Ich-ErzählerIn? 3. Person?
- Handlung! Zeigen, nicht behaupten!
- Gute Vorarbeit! Steckbrief von Personen ausarbeiten, nicht vergessen, ihr Äußeres zu schildern (man neigt dazu, weil man die Beteiligten ja kennt), Handlung/chronologischen Ablauf vorab skizzieren
- Körperempfindungen schildern, wie ein Außenstehender sie beobachten würde. (auch wichtig, um sich selbst zu schützen)
- mit Distanz spielen (Perspektive: rin in den Kopp der Protagonisten – und wieder raus und von außen gucken.)
- Humor! (nicht Sarkasmus oder Ironie)
Handwerk nicht vergessen, erzählerische Basics im Blick behalten:
- Struktur: Entwicklungen und zeitliche Verläufe deutlich machen, Rückblenden einsetzen, nicht zu viel analysieren.
- Auf Erzähltempus achten, sprachliche Mittel bewusst einsetzen, um Geschwindigkeiten zu regulieren.
- Dramaturgie beachten, Plot Points, Verknüpfungen schaffen
- auf blinde Flecken achten (Testleser!) (manches sieht man nicht oder es ist so selbstverständlich, dass es für einen selbst immer mitschwingt.)
- Vorsicht bei Bildern und Metaphern. Sie können helfen, Distanz zu finden, aber können auch schnell zu viel werden. Besser: ein durchgehendes Motiv finden, das es erlaubt, Unsagbares (z.B. Dissoziation) deutlich zu machen
Und natürlich: auf sich aufpassen! Pausen machen, sich beim Schreiben erden, sich Rituale suchen. Manchmal zünde ich vorm Schreiben eine Kerze an. Wenn ich mein Pensum bewältigt habe, stelle ich mir vor, einen Topf zuzumachen, dann puste ich die Kerze aus und mache eine Computer-Pause. Technisches:
- kritisch bleiben, den Text nicht zu früh aus der Hand geben, viel überarbeiten
- Testleser! am besten Profis, die was vom Handwerk verstehen, achtsam kritisieren und auf der Sachebene bleiben. Bemerkungen wie "Du musst aber schon schlimme Sachen erlebt haben" sind kontraproduktiv.
- übers Schreiben reflektieren, z.B. Schreibtagebuch führen.
Ich benutze ein Heft und habe zudem im Computer neben dem fortlaufenden Text einen Ordner mit »Überlegungen« (aus dem heraus ich Sachen auch in andere Ebenen heben kann, z.B. diesen Text hier). Ich setze Techniken ein, die nicht stoff- oder/und stark formgebunden sind (Freewriting, Cluster). Wenn ich gut, nee, wenn ich mies drauf bin, aber nicht so mies, dass mir nichts mehr einfällt, spiele ich mit Formen: Leipogramm, Anagramm, Konstellationsgedicht nach Eugen Gomringer … Aber das gehört jetzt schon wieder in die Kategorie Betriebsgeheimnis.
Freigabe: 14.10.2018, 00:00 / Anke Engelmann in Poesietherapie, Schreiben