Poesieblog

  • Angst auf den avenidas

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 06.09.2017 in Gender

    Um das Gedicht "avenidas" von Eugen Gomringer an der Fassade der ASFH hat sich eine heftige Diskussion entsponnen. Dass sich die Frauen unsicher fühlen auf dem Weg von und zur Uni, wird sich nicht ändern, wenn das Gedicht überpinselt oder in einen erläuternden Kontext gestellt wird.

    Um ein Gedicht, das Eugen Gomringer 1951 geschrieben hat, hat sich eine heftige Diskussion entsponnen.

    avenidas

    avenidas
    avenidas y flores

    flores
    flores y mujeres

    avenidas
    avenidas y mujeres
    avenidas y flores y mujeres y un admirador

    ist derzeit (noch?) an der Fassade der Alice-Salomon-Fachhochschule (ASFH) in Berlin zu lesen, wo übrigens auch kreatives Schreiben unterrichtet wird. Das Gedicht soll nun weg, Vorschläge zu einer neuen Fassadengestaltung können bis Oktober eingereicht werden, gab der Akademische Senat bekannt. Die Hochschulleitung hofft, dass die Verse bleiben können, wenn sie in einem erklärenden Kontext stehen.

    Erklärender Kontext. Auf einer Häuserwand. Hm. Könnte ein interessantes Projekt werden. Gomringers Gedicht erinnere "Frauen*" "unangenehm daran", dass sie "nicht in die Öffentlichkeit gehen können", ohne "für ihr körperliches Frau*-Sein bewundert zu werden", beschwerte sich der Allgemeine Studierenden-Ausschuss AStA in einem Offenen Brief, "... eine Bewunderung, die häufig unangenehm ist, die zu Angst vor Übergriffen und das konkrete Erleben solcher führt." (sic) Die U-Bahn-Station Hellersdorf und der Alice-Salomon-Platz seien vor allem abends "männlich dominierte Orte", an denen Frauen sich nicht wohl fühlen.

    Genau. Darüber muss man reden. Dass sich die Frauen unsicher fühlen auf dem Weg von und zur Uni, wird sich nicht ändern, wenn das Gedicht überpinselt oder in einen erläuternden Kontext gestellt wird. Jetzt beschäftigen sich eine Menge Leute mit der Sache, FAZ, Welt, Spiegel, das ganze Feuilleton schüttet Häme aus.

    Immerhin, das Gedicht kommt weg. Ist doch ein Sieg, oder? Worum geht es wirklich? Langsam halte ich diese Angst, mit Worten jemanden zu triggern, tatsächlich für einen Scheinkampf. Großer Wirbel, schneller Sieg. Das ist gefährlich, für die Sprache, weil sich bald keiner mehr traut, Klartext zu reden. Und für das, was wirklich erkämpft werden muss: dass Frauen keine Angst mehr haben müssen auf den avenidas.

    Hier die deutsche Übersetzung des Gedichtes, auch nach dem AStA:

    Alleen

    Alleen
    Alleen und Blumen

    Blumen
    Blumen und Frauen

    Alleen
    Alleen und Frauen
    Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer  

    Übrigens: Die Form heißt Konstellations- oder Konstruktionsgedicht: Ich wende sie oft beim kreativen Schreiben an. Substantive (möglich sind auch andere Wortarten) und die Konjunktion, die die Glieder kettengleich bindet. Sonst nichts. Ein Wort zieht das nächste nach sich, die Wörter werden einander beigestellt, färben sich gegenseitig und etwas Neues tritt hervor. Das letzte Wort, der letzte Vers ist frei. Macht Spaß!

    Nachtrag: Dazu hat Margarete Stokowski (danke Rüdiger für den Hinweis) im Spiegel eine kluge Kolumne geschrieben

  • Gut gendern: Mein *-X-_-/-Innen-Vorschlag

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 28.10.2016 in Gender, Gutes Deutsch, Politisches

    Die gerechte Sprache gefällt mir nicht. Mit Passivkonstruktionen und geschlechtsneutralen Wortbildungssuffixen fördert sie das Beamtendeutsch. Hört auf, die Substantive wie Weihnachtsbäume zu behängen! Sternchen, Unterstrich, Schrägstrich, Groß-I, Klein-i, das bimmelt und klimpert und am Ende weiß eine garnicht mehr, was das Wort selbst eigentlich bedeutet!

    Gerechte Sprache? Unbedingt! Frauen sollen sich selbst deutlich nennen und andere sollen zeigen, dass sie Frauen wertschätzen. Wenn eine Frau von sich sagt: "Ich bin Lehrer", schmerzt mich das. Als ginge bei solchen (Nicht-)Bezügen ein wichtiger Teil dessen verloren, was diese Frau ausmacht. Als könnte sie sich in ihrem Beruf als Person nicht vollständig einbringen, sondern müsste sich anpassen und einschränken.

    Doch die gerechte Sprache, auch in ihrer soften Variante wie hier im Genderwörterbuch "Geschickt gendern", regt mich auf. Nach meinem Eindruck befördert sie mit Passivkonstruktionen und geschlechtsneutralen Wortbildungssuffixen wie -schaft, -heit, -keit das Beamtendeutsch. Wichtiger noch: Akteure werden ausgeblendet. Ich bin nämlich auch für eine lebendige und unmittelbar-konkrete Sprache. Ich will intuitiv und trotzdem gerecht sprechen und schreiben. Ich will deutlich sagen, wer etwas getan oder nicht getan hat.

    Mein Vorschlag: Hände weg vom Substantiv! Hört auf, die armen Dinger wie Weihnachtsbäume zu behängen! Sternchen, Unterstrich, Schrägstrich, Groß-I, Klein-i, das bimmelt und klimpert und am Ende weiß eine nicht mehr, was das Wort selbst eigentlich bedeutet. Jenseits aller Ver- und Entgenderung meine ich. Und bitte nicht an den Substantiven selbst rumbasteln, um sie zu "entschärfen"!

    Im Deutschen sind auch Artikel Genusmarker. Die doppelte Markierung Artikel + Anhängsel am Substantiv ist im Grunde völlig überflüssig. Nehmen wir doch einfach unsere Sprache ernst und die Möglichkeiten, die sie uns bietet. Machen wir das Gendern intuitiver und konkreter und die Grammatik auch! Echt jetze!

    Das Problem ist strukturell, die Substantiv-Fixiertheit auch. Das Deutsche (Linguistik Grundstudium, frei nach Schlegel) ist auf dem Weg vom synthetischen zum analytischen Sprachbau. Grammatische Kategorien wie das Geschlecht der Substantive werden überwiegend extern, also mit der, die und das oder ein, eine, ein markiert. Im Singular problemlos als Genusmarker zu benutzen: Ich gehe zu der Arzt. Ich gehe zu dem Arzt. Ich gehe zu einer Arzt. Ich gehe zu einem Arzt. Kann und will ich gern noch weiterdenken. Geht übrigens zurück auf Luise Pusch, hier etwas zum Schmökern über sie.

    Allerdings (Aufschrei) würden diejenigen keine sprachliche Repräsentanz finden, die sich als weder weiblich noch männlich verstehen. Ich finde jedoch (AUFSCHREI!), nicht jede Einzel-Identität sollte in der Allgemein-Sprache eine Botschaft eröffnen dürfen. Und nebenbei bemerkt, mich interessiert nicht, welche sexuelle Identität mein jeweiliges Gegenüber für sich beansprucht.

    Manchmal spreche ich übrigens tatsächlich so, das heißt, ich benutze die Artikel konsequent genusbezogen. Dann freue ich mich diebisch über Irritationen und darüber, "Unordnung" in die Sprache zu bringen und sie ein bisschen anzustubsen. Denn Sprache verändert sich nicht von allein! Apropos: Hier noch ein Artikel zum sogenannten generischen Maskulinum vom Sprachblog des Linguisten Anatol Stefanowitsch.

    Nachtrag: Weil im Deutschen der Stammvokal betont wird, schleifen sich seit Jahrtausenden die Endsilben ab. Auch die Genderkennzeichnung wird verblassen und verschwinden, wenn sie am Wortende angehangen wird: Voralthochdeutsch: gebanan, Althochdeutsch: geban, Mittelhochdeutsch: geben (kurzes e Stammvokal), Neuhochdeutsch: geben (gedehntes e Stammvokal, "Kannste mir mein Kaffe gehm?).

  • Gender live: noch eins

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 21.11.2015 in Gender

    "Es sollte jedem selber überlassen sein, wie er entbindet."

    (Gehört auf MDR Figaro, in einem Feature über Kaiserschnitt-Entbindungen. Anscheinend handelt es sich um ein Zitat aus einem Forum)

  • Gender live

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 10.11.2015 in Gender

    Neulich bei der Tierärztin: "Sind Sie heute die Schwester?"

    "Ja", sagte der Pfleger und errötete leicht.

  • Gender und Stammtisch

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 21.11.2014 in Gender, Politisches

    Lann Hornscheidt von der Berliner Humboldt-Universität hat eine Professur für Genderstudies und möchte geschlechtsneutral als Professx angesprochen werden. Das ruft die Stammtisch-Fraktion auf den Plan – wer die sind und was die wollen, fragt Antonia Baum in der FAZ.

  • Übergriff auf Übergriff

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 07.02.2013 in Gender

    Brüderle! Imponiergehabe! Hat ihn eine junge Journalistin frech gefragt, wie das denn ist, in "seinem Alter" noch einmal für ein Amt vorgeschlagen zu werden. Hat er reagiert, wie er es gelernt hat – übergriffig. Alte Schule, sozusagen. Derber Oktoberfest-Humor. Höhöhö!

    Allerdings finde ich die Frage der Journalistin auch übergriffig, weil altersdiskriminierend. Journalist/innen sollen schon gezielt provozieren. Aber nicht unnötig. Und nicht beleidigen oder verletzen. Dass die Debatte über sexuelle Übergriffe aus dieser Geschichte heraus aufgeflammt ist, hat weniger mit FDP oder der Person Brüderles zu tun. Vielmehr mit der kulturellen Erfahrung von Frauen und Mädchen, die prägend ist für unsere Gesellschaft. Doch ich finde, man darf nicht vergessen: Machtgehabe wird zwar oft, aber nicht nur sexualisiert. Macht und die damit einhergehende Entmündigung erleben auch andere gesellschaftliche Gruppen: Kinder z.B., Empfänger von Sozialleistungen, Asylsuchende, kranke Menschen – und Alte. Siehe oben.

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