Poesieblog

  • Funke schließt TA-Druckerei

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 26.11.2021

    Der Journalist und frühere CvD der Thüringer Allgemeinen, Eberhardt Pfeiffer, schreibt über die Schließung der TA-Druckerei in Erfurt-Bindersleben zum 1. Dezember 2021.

    Tageszeitungen haben es schwer. Sie kämpfen mit dem Rückgang der Abo-Zahlen und in Corona-Zeiten brechen auch noch viele Werbeeinnahmen weg. Die Funke-Gruppe steuert mit ganz eigenen Mitteln dagegen an. Statt ihre Attraktivität für die LeserInnen zu verbessern, spart sie an der Kernkompetenz, nämlich guter journalistischer Arbeit, und wird gleichzeitig immer teurer. Sie kann das, weil sie in Thüringen das Monopol hat, ihr gehören alle regionalen Tageszeitungen. In wenigen Tagen verlegt die Geschäftsleitung auch noch den Druck der Zeitung. Am 1. Dezember schließt die Druckerei in Erfurt-Bindersleben und 270 Leute stehen auf der Straße.

    Was diese Schließung u.a. für Auswirkungen auf die AbonnentInnen haben wird, beschreibt der Journalist Eberhardt Pfeiffer auf seinem Blog-Arnscht.

  • Gisela Zifonun: Die demokratische Pflicht und das Sprachsystem

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 11.11.2021 in Gender, Gutes Deutsch

    Der Sprachwissenschaftlerin Gisela Zifonun ist nicht wohl bei "krampfhaften Vermeidungsstrategien", die das gendergerechte Formulieren zu einem "Slalom" machen. "So werden wir unsere Sprache mit all ihren Schwächen und (vielleicht) Ungerechtigkeiten endgültig zu lieben verlernen", fürchtet sie.

    Gefunden auf der Seite des Instituts für deutsche Sprache Mannheim (IDS): sehr informativer und differenzierter Beitrag von der Germanistin Prof. Gisela Zifonun zum Thema "gendern".

  • SALVE! Straßenkunstfestival

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 23.09.2021 in Wege durch die Stadt

    Lesung am 18.9. in Weimar. Kalt wars. Schön wars.

    Bild: Jens Kirsten
    Bild: Jens Kirsten

    So sah sie aus, die Lesung mit Regina Jarisch. Das war am 18. September, beim SALVE!-Festival. Eine schöne Atmosphäre in der Stadt, überall Musik und Literatur und Kunst. Danke, Weimar!

  • 9.9.: Tag des typografisch richtigen Apostrophs

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 09.09.2021

    Anke’s Tipp’s für’s richtige Schreiben

    Seit 2018 wird am 9.9. der internationale Tag des typografisch richtigen Apostrophs begangen. Die Neun mit ihrer Kommaform erinnert an den typografischen Apostroph, der unter Windows mit der Tastenkombination

    alt+0146 (Ziffernblock), und unter Mac mit

    alt+shift+# (Mac)

    eingefügt werden kann. Ins Leben gerufen hat diesen Tag der deutsche Grafik-Designer Roland Scheil.

    Mehr darüber auf der Webseite: Kuriose Feiertage. Mehr über Ge- und Missbrauch des kleinen Hochkomma’s (autsch) auf der Webseite von Volker Gringmut.

  • Grüner wird's nicht

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 09.09.2021

    In seiner Kolumne "Hanks Welt" in der FAS schreibt Rainer Hank über Nachhaltigkeit und die Klassik Stiftung Weimar

    Der Klassik Stiftung wirft Hank vor, sie äffe "nur den Zeitgeist nach", statt in ihren Parks und Gärten zu prüfen, wie eine Anpassung an die veränderten Klimabedingungen gelingen könnte – notfalls auch gegen die historische Gestalt. Die Kolumne ist hier zu finden.

  • Man traut sich ja nicht mehr zu sagen ...

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 26.08.2021 in Corona, Politisches

    ... dass man geimpft ist, sagte neulich eine Freundin. Wie zwei Verschwörerinnen haben wir uns angezwinkert. Ja, ich bin auch geimpft.

    Nach langem Nachdenken habe ich mich für Janssen (Johnson und Johnson) entschieden, den Einmalimpfstoff. Aber: Mich stört die Art, wie übers Impfen und über den Virus informiert und gesprochen wird. Dass Impfen als unausweichlich, als alleiniger "Königsweg" beschrieben wurde, auch von Medien, die ich eigentlich wegen ihrer Ausgewogenheit schätze. Dass man lange nirgendwo erfahren konnte, wie man sich noch vor Ansteckungen schützen kann (außer mit Masken und Abstand): Immunsystem stärken. Auf den Vitamin D3 und Vitamin K2-Spiegel achten. Dass mögliche Impf-Nebenwirkungen heruntergeredet werden und wurden. In meinem Umfeld haben einige Menschen Probleme bekommen. Eine Bekannte war wegen Problemen mit dem Herzmuskel im Krankenhaus, eine hat wegen Fieber und Schüttelfrost den Notarzt gerufen, bei einer Freundin hat eine Gürtelrose die Gelegenheit wahrgenommen, sich auszubreiten.

    Über die neuartigen mRNA-Vacczine wissen wir mehr als über jeden anderen Impfstoff. Dieses Wissen trägt nicht gerade zur Beruhigung bei. Im Gegenteil: Ich finde die Vorstellung beängstigend, dass Informationen in meine Zellen gebracht werden. In Fettzellen eingebettet! Man muss den Menschen zugestehen, dass sie Angst haben. Dass sie Zeit brauchen. Als ich im Frühsommer bei einer Hausärztin gesagt habe, dass ich noch überlege und sie gefragt habe, ob sie mich beraten könne, hat sie mich angeekelt angeschaut: "Sie sind doch nicht etwa eine von diesen IMPFGEGNERINNEN!"

    Wir können uns den Impfstoff aussuchen, und wir können auch Nein zur Impfung sagen. Das vergessen viele, die so vehement diskutieren. Dass wir die Wahl haben. Aber: Wer sich gegen eine Impfung entscheidet, hat die Verantwortung, sich und andere zu schützen. Immer. In jeder Situation. Mir persönlich war das zuviel. Wenn alle Ungeimpften diese Verantwortung wahrnehmen würden – bräuchten wir dann die Diskussion, ob man Ungeimpfte wie in einem Lockdown vom (im weitesten Sinne) kulturellen Leben erneut ausschließt? Ich meine, wer sich wie ein trotziges Kind verhält, wird auch so behandelt.

  • Freewriting vorm Workshop

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 24.04.2021 in Schreiben

    Digitale Kurse haben auch gute Seiten. Zum Beispiel können Menschen teilnehmen, die nicht vor Ort sein können. Aber ihre Vorbereitung dauert länger. Man muss gut strukturieren, die Online-Hilfsmittel für die TeilnehmerInnen bereitlegen und alle sichten. Deshalb sitze ich am Workshop-Tag Stunden vorher auch schon am Rechner.

    Ach, ich mag nicht. Das Abgleichen und Links probieren. Irgendwie würde ich jetzt gern noch ein bisschen über Hannes nachdenken. Oder einfach so schreiben ...


    Schreiben. Wie tröstlich. Das Klappern der Tastatur umhüllt mich wie die Geräusche auf einem Schiff. Ich verlasse die Realität. Fahre in den Tunnel ein, meine Aufmerksamkeit fokussiert sich, der Blick wandert zwischen Tastatur und den Zeilen auf dem Bildschirm. Nur verschwommen nehme ich meinen Schreibtisch wahr, das Papier darauf, die Becher mit den Stiften, das Metall-Lineal direkt vor mir.

    Dabei wird es nachher bestimmt schön. Aber dieses Abgleichen. Das ist wie ... Buchhaltung. Ja. Digitale Kurse haben viel BuchhalTERisches. Mit Insider-Betonung auf der vorletzten Silbe: BuchhalTERisch.
    Ich fang dann jetzt mal an. Hülft ja nüscht. Muss ja.

  • Ausnahmezustand

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 16.04.2021 in Corona, Lesen

    Wir sind in einem Krieg: Alles Zivile ist auf Null heruntergefahren. Was nicht unmittelbar gebraucht wird, gilt als Luxus und deshalb als entbehrlich.

    Die Auswahl der Ausnahmen scheint willkürlich und ungerecht, man kann sich streiten, ob Solarien lebenswichtig sind. Und man kann sich streiten, wie groß die Gefahr ist, sich im Kino, im Museum, auf der Terrasse eines Restaurants, mit Corona anzustecken.

    Das Kleingewerbe vertrocknet und stirbt, je länger der Lockdown anhält. Auch Verlage. Wahrscheinlich werden nur die Großen bleiben, wahrscheinlich ändert sich die Verlagslandschaft grundlegend: weg vom klassischen Verlag, der mit den AutorInnen arbeitet, hin zum Dienstleister-Verlag, der für AutorInnen arbeitet.

    Der Kunde ist König. Die Arbeit eines Dienstleisterverlages, bei dem die AutorInnen für eine Veröffentlichung bezahlen, zielt nicht auf LeserInnen, sondern auf AutorInnen. Das hat Auswirkungen auf die Qualität der Bücher. Einige AutorInnen sind unbelehrbar und beratungsresitent. Ohnehin fragt man sich bei manchen Büchern, die auf dem Markt sind, wie die entstehen konnten – und das eigene nicht.

  • Corona, verpiss Dich!

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 02.07.2020 in Corona

    Als ich die Amseln ins Spiel brachte, schlug sofort die Stimmung um: Alle atmeten erleichtert auf, ein Lächeln kroch auf die Gesichter. Wir hatten über Corona diskutiert, über Corona geschrieben, Corona hier und Corona dort. Mir wurde klar: Ich habe keine Lust mehr auf Corona. Und meine KursteilnehmerInnen im Kultur: Haus Dacheröden offensichtlich auch nicht. Es reicht. Es ist genug. Corona, verpiss dich!

  • Corona, Cosinus, Kokosnuss

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 02.07.2020 in Corona

    Nach dem ersten ist vor dem zweiten Lockdown

    Wie war doch gleich das C-Wort, das in den letzten Wochen die Sprache okkupiert und das Leben bestimmt hat? Einfach alles war Co... Und jetzt? Mit einem Schnipp! sind wir wieder im Ursprungsmodus, die Kids in der Schule, das Home-Office aufgelöst, die Enkel bei den Großeltern, wir haben wieder Demokratie. Endlich wieder Struktur im Alltag, endlich wieder Platz für Schreibroutine. Chaotisch-Beängstigendes ist vorbei, die Frisur gerichtet und frisch getönt, die langen Haare sind ab.

    »Nach Corona wird nichts mehr so sein wie vorher« – schon vergessen? Vom bedingungslosen Grundeinkommen haben wir geträumt, vom Umbau des Gesundheitssystems in eines, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht, von angemessener Bezahlung für die Care-Berufe. Keine Autos, keine Flugzeuge, kein Industrie-Dreck. Und jetzt? Geblieben sind Abstand und Maske.

  • Schreiben über Corona

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 04.06.2020 in Corona, Fundstücke

    Corona-Zeit ist Schreibzeit? Über Schreiben in der Krise denkt die Autorin dieses klugen Artikels auf "Jungle Writing" nach.
  • Demokratie krankt an Corona

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 14.05.2020 in Corona, Politisches

    Zur Demokratie gehört das Aushandeln. Es gehört dazu, dass möglichst viele Stimmen gehört werden, dass auch Minderheiten zu Wort kommen, die keine Lobby haben, zum Beispiel Behinderte, alte und kranke Menschen, Illegale, Kinder, Sterbende. Ich erwarte, dass die Regierung Verhältnismäßigkeiten abwägt und allseitig informiert ist - dafür habe ich sie gewählt, und dafür bezahle ich sie mit meinen Steuergeldern.

    Jetzt, wo sich alles wieder lockert, und wir scheinbar ohne größere Blessuren in den Alltagsmodus fallen können, fragen sich viele, ob der "Lockdown" (scheußliches Wort) wirklich nötig gewesen ist. Ich kann das nicht beurteilen, und ich will das auch nicht. Aber: Mich irritiert der Ton, in dem die Diskussionen geführt werden. Klar gibt es Spinner, mehr als genug. Doch es ist gefährlich, Personen, die vor den massiven Einschränkungen demokratischer Grundrechte warnen, in einem Topf mit VerschwörungstheoretikerInnen, Rechten und EsoterikerInnen, ReichsbürgerInnen und anderen zu werfen.

    Die Emotionalisierung der Debatte beunruhigt mich sehr, und erinnert mich an die Argumente zum Jugoslawienkrieg, als allen, die gegen eine deutsche Beteiligung waren, unterstellt wurde, sie hätten auch den Holocaust der Nazis billigend in Kauf genommen. Zur Demokratie gehört das Aushandeln. Es gehört dazu, dass möglichst viele Stimmen gehört werden, dass auch Minderheiten zu Wort kommen, die keine Lobby haben, Behinderte, alte und kranke Menschen, Illegale, Kinder, Sterbende. Ich erwarte, dass die Regierung bei so massiven Eingriffen Verhältnismäßigkeiten abwägt und zwar auf der Grundlage einer maximal umfassenden Information – dafür habe ich sie gewählt, und dafür bezahle ich sie mit meinen Steuergeldern (nagut, das ist bei mir nicht viel). Und als Wählerin habe ich das Recht (die Pflicht!), die Regierung an ihre Pflicht und an das Grundgesetz zu erinnern.

    Dabei darf ich nicht mit der Moralkeule erschlagen werden. Keiner darf mir deshalb unterstellen, ich würde Menschenleben aufs Spiel setzen. Damit unsere ethischen und moralischen Grundwerte nicht aufweichen, muss jetzt offen über die negativen Folgen der Kontaktsperren gesprochen werden, darüber, dass auch in Krisenzeiten das Grundgesetz gilt und dass die Würde des Menschen unantastbar ist und bleibt. Juli Zeh hat über dieses Thema im "Focus" geschrieben. Und wurde, wie soll es anders sein, beschimpft.

    Nachtrag 28.5.: In einem Interview hat Christine Lieberknecht den Kirchen vorgeworfen, sie habe in der Corona-Zeit Sterbende alleingelassen und ihren Auftrag nicht erfüllt. Die Kirchen haben die Kritik zurückgewiesen, inzwischen hat sich Frau Lieberknecht mit ihrem Landesbischof ausgesprochen, hieß es.

  • Coronista

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 16.04.2020 in Corona, Politisches

    Im ersten Lockdown

    Kein Corona-Tagebuch. Keine Glosse über Hamsterkäufe. Kein ABC-Darium mit Aufzählungen, was mir alles (nicht) fehlt, wie die Gesellschaft umdenken muss und dass nichts mehr so sein wird wie vor Corona. Nix über die tapferen VerkäuferInnen und die überlasteten Krankenschwestern, ÄrztInnen und AltenpflegerInnen. Keine Dys-, keine Utopie. Nix über bedingungsloses Grundeinkommen. Nein, ich strecke mich in der sozialen Hängematte aus (Arbeitslosengeld!), arbeite nach und nach alle Arbeit ab, die sich angesammelt hat (Wahnsinn! Was für ein riesiger Berg!), gehe jeden Tag spazieren, manchmal sogar mitten auf der Straße, ich mache Sport und backe Brot, jetzt wo es wieder Mehl gibt, und betrachte mit großer Freude und Zufriedenheit unsere Klopapiervorräte.

    Corona macht mir keine Angst – der Tod gehört zum Leben. Aber vieles, was gerade passiert, beunruhigt mich. Zum Beispiel, dass der Vater einer Freundin ganz allein im Pflegeheim sterben musste, seine Angehörigen und sogar seine Ärztin ihn in seinen letzten Stunden nicht besuchen, ihm beistehen und Abschied nehmen durften. Die Gleichgültigkeit den Menschen gegenüber, die auf Lesbos oder in anderen Lagern ausharren müssen. Angst macht mir, wie fragil sich Gewohntes, bisher scheinbar Unzerstörbares, erweist. Dass ein großer Teil unserer Wälder einen weiteren trockenen Sommer nicht überleben und der Klimawandel Nordeuropa wahrscheinlich in eine Steppe verwandeln wird, und dass das vielleicht schon im nächsten Jahr sein wird. Dass nach den Amseln jetzt auch die Meisen eine Krankheit haben sollen, die den Bestand dezimiert. Und dass trotz alldem gesunde Bäume gefällt und Glyphosat versprüht und die Massentierhaltungen fortgeführt und Flugzeuge und Autoverkehr nicht auf ein Minimum reduziert werden – das macht mir Angst.

  • Passwörter

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 05.02.2019 in Gefunden

    Passwörter TLZ 5.2.2019
    Passwörter TLZ 5.2.2019

    Kein Kommentar …

  • Lass es raus? Über Trauma schreiben

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 14.10.2018 in Poesietherapie, Schreiben

    In der Poesietherapie geht es darum, anderen das Schreiben als Ressource zu erschließen, mit deren Hilfe sie sich gefahrlos mit schweren Verletzungen auseinandersetzen können. Doch wie schreibt man über Trauma(ta), und zwar gefahrlos für sich und andere?

    Das Unsagbare auszudrücken, und zwar so, dass andere es auch annehmen können, reizt mich. Hinter diesen beiden Halbsätzen steckt eine Transferleistung, ein Prozess: "Unsagbares ausdrücken. Andere sollen es lesen können." Es geht um mehr als darum, Betroffenheit zu artikulieren und "alles rauszulassen".

    "Alles rauslassen", ist das nicht Poesietherapie? Im Prinzip ja, aber – nicht einfach so, ungefiltert. Wenn ich nur für mich schreibe, soll mir das gut tun, keinesfalls sollte ich mich in Gedankenschleifen festfahren und steckenbleiben. Wenn mein Text andere ansprechen soll, muss ich mir einen gewissen Status von Bewältigung erarbeitet haben, der meine LeserInnen mitnimmt und ihnen per Identifizierung eine Katharsis ermöglicht. Bedeutet bei mir, viel zu überarbeiten.

    Ob nur für sich oder mit der Absicht einer literarischen Bewältigung: Wer über Traumata schreibt, muss aufpassen, von seinen Gefühlen nicht überwältigt zu werden. Dann rutscht man in die traumatisierende Situation, der Körper reagiert auf die scheinbar akute Gefahr z.b. mit Dissoziation, Schreibblockade – aus. Das heißt fürs Schreiben: Gefühle (und Kopf) weglassen. Keine Analysen. Schildern, was zu beobachten ist, wie die Leute reagieren, wie sie ihre Körperempfindungen ausagieren. Nicht interpretieren. Nicht behaupten: Jemand hat Angst. Beschreiben: Was macht derjenige gerade? Woran erkennt man, dass er/sie Angst hat, wütend ist, überwältigt wird, sich hilflos fühlt?

    Das grundlegende Handwerkszeug guten Schreibens also, den Empfehlungen in vielen Schreibratgebern entsprechend, mit Adjektiven und Zuschreibungen sparsam umzugehen. Gut ist auch, einen Gegenpol in der Geschichte zu haben, vielleicht eine Liebe oder eine Freundschaft. Seitdem ich es so mache, fühlt es sich für mich gut an und die Texte sind nicht nur lesbar, sondern haben manchmal eine große Wucht. »Schreibend kommt man über die Dinge«, meinte Christa Wolf, und ich sehe das auch so. Eine Verletzung ist der ideale Urgrund einer aventiure, danke Ulrike. Aber man muss aufpassen, sich damit beschäftigt haben und den Unterschied zwischen Gefühlen (Kopf) und Empfindungen (Körper) spüren und machen. Texte, die traumatisieren oder Traumata antriggern, will niemand lesen. Die Leute wollen Stellvertreter-Geschichten, die ihnen helfen, über ihre eigenen Dinge zu kommen. Zu Recht.

    Tipps fürs Schreiben:

    • Namen ändern! Mit der Erzählstimme spielen: Ich-ErzählerIn? 3. Person?
    • Handlung! Zeigen, nicht behaupten!
    • Gute Vorarbeit! Steckbrief von Personen ausarbeiten, nicht vergessen, ihr Äußeres zu schildern (man neigt dazu, weil man die Beteiligten ja kennt), Handlung/chronologischen Ablauf vorab skizzieren
    • Körperempfindungen schildern, wie ein Außenstehender sie beobachten würde. (auch wichtig, um sich selbst zu schützen)
    • mit Distanz spielen (Perspektive: rin in den Kopp der Protagonisten – und wieder raus und von außen gucken.)
    • Humor! (nicht Sarkasmus oder Ironie)

    Handwerk nicht vergessen, erzählerische Basics im Blick behalten:

    • Struktur: Entwicklungen und zeitliche Verläufe deutlich machen, Rückblenden einsetzen, nicht zu viel analysieren.
    • Auf Erzähltempus achten, sprachliche Mittel bewusst einsetzen, um Geschwindigkeiten zu regulieren.
    • Dramaturgie beachten, Plot Points, Verknüpfungen schaffen
    • auf blinde Flecken achten (Testleser!) (manches sieht man nicht oder es ist so selbstverständlich, dass es für einen selbst immer mitschwingt.)
    • Vorsicht bei Bildern und Metaphern. Sie können helfen, Distanz zu finden, aber können auch schnell zu viel werden. Besser: ein durchgehendes Motiv finden, das es erlaubt, Unsagbares (z.B. Dissoziation) deutlich zu machen

    Und natürlich: auf sich aufpassen! Pausen machen, sich beim Schreiben erden, sich Rituale suchen. Manchmal zünde ich vorm Schreiben eine Kerze an. Wenn ich mein Pensum bewältigt habe, stelle ich mir vor, einen Topf zuzumachen, dann puste ich die Kerze aus und mache eine Computer-Pause. Technisches:

    • kritisch bleiben, den Text nicht zu früh aus der Hand geben, viel überarbeiten
    • Testleser! am besten Profis, die was vom Handwerk verstehen, achtsam kritisieren und auf der Sachebene bleiben. Bemerkungen wie "Du musst aber schon schlimme Sachen erlebt haben" sind kontraproduktiv.
    • übers Schreiben reflektieren, z.B. Schreibtagebuch führen.

    Ich benutze ein Heft und habe zudem im Computer neben dem fortlaufenden Text einen Ordner mit »Überlegungen« (aus dem heraus ich Sachen auch in andere Ebenen heben kann, z.B. diesen Text hier). Ich setze Techniken ein, die nicht stoff- oder/und stark formgebunden sind (Freewriting, Cluster). Wenn ich gut, nee, wenn ich mies drauf bin, aber nicht so mies, dass mir nichts mehr einfällt, spiele ich mit Formen: Leipogramm, Anagramm, Konstellationsgedicht nach Eugen Gomringer … Aber das gehört jetzt schon wieder in die Kategorie Betriebsgeheimnis.

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