Poesieblog

  • Warum es regnet, wenn wir gendern

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 26.09.2022

    Ein Vorschlag zur Güte: einfach die ohnehin unscharfen Genus-Bezeichnungen maskulin/männlich und feminin/weiblich aus der Grammatik tilgen. Stattdessen könnte man von Der-Form, Die-Form und Das-Form sprechen.

    Haben wir ein Problem mit unserer Sprache? Oder vielleicht mit unserer Grammatik? Ein Grund für die derzeit gestörte Beziehung der Deutschen zu ihrer Sprache könnte darin liegen, dass die deutsche Grammatikschreibung ebenso wie die deutsche Schrift nicht genuin aus dem Sprachgefühl der Deutschen gewachsen ist. Unsere Sprache haben irische oder schottischen Mönche im Zuge der Christianisierung verschriftlicht, sie benutzten lateinische Buchstaben und verwarfen das deutsche Runenalphabet als heidnisch und damit ungeeignet.

    Ebenso haben die Philologen der Barockzeit der deutschen Sprache die lateinische Grammatik übergestülpt. Grund: Es gab keine andere. Diese Grammatik gilt immer noch, auch wenn sie hier schlackert und dort zwickt. Deutsch ist nicht Latein, es liegt, folgt man August Wilhelm Schlegel mit seiner Kategorisierung, zwischen synthetischem und analytischem Sprachbau, zwischen Latein und Englisch.

    Zudem ist die Grammatikschreibung schwerfälliger als die Grammatik selbst. Die Schulbücher, die den Kindern Regeln zur Struktur unserer Sprache beibringen sollen, orientieren sich nicht an modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen, sondern an einem höchst veralteten Schriftdeutsch. Sie vermitteln seltsame Konstruktionen wie Futur II (»Das Buch wird gelesen worden sein«), oder die Vorschrift, dass bei der Wiedergabe indirekter Rede der Konjunktiv I zu benutzen sei, was die Drehbuchschreiber deutscher Fernsehkrimis lehrbuchgerecht in hölzerne Dialoge umsetzen (»Er sagte, er käme«).

    Die Zeiten der normativen Grammatik sind vorbei, heute beschreibt Grammatik, wie die Leute sprechen und schreiben. Lange galt sie als unsexy, trocken und kopflastig. In den letzten Jahren hat sich diese Vorstellung gewandelt. Sprache wurde zur Wunderkiste, aus der man bunte Glitzersternchen hervorzaubern kann. Experimente mit X, Sternchen, Ausrufezeichen, Doppelpunkt, Binnen-I oder Unterstrich haben auch sprachspielerischen Charakter. Gleichzeitig kommen sie aus einer akademisch gebildeten Oberschicht und schließen Menschen aus, die nur mühsam lesen und schreiben.

    Ich konstatiere eine Grammatikfeindlichkeit in unserem Bildungssystem, die sich von der rückwärtsbezogenen, theorielastigen und lückenhaften Ausbildung an den Universitäten bis ins Schulsystem fortsetzt. Ich beobachte zunehmend eine Unfähigkeit, Form und Inhalt zu unterscheiden. Kategorien kann nur jemand bilden, der Strukturen als solche erkennt und sie von Bedeutungen lösen kann. Die Antwort auf die Frage: »Welche Formen werden nach dem Muster: ›Es regnet‹ gebildet?«, lautet nicht »Regen ist doof« oder »man braucht einen Regenschirm«. Sie lautet »es schneit«.

    Wenn »es« regnet, versteckt sich kein Wettergott im »es«. Genau das hat man einmal geglaubt. In der Sprache sei noch der Weltgeist der Germanen zu spüren, hieß es im 19. Jahrhundert, als Grammatikschreibung und Sprachgeschichte mit den Brüdern Grimm, Hermann Paul, Otto Behagel u.a. in voller Blüte standen. In dem kleinen Wörtchen verberge sich eine Gottheit, die den Regen veranlasst habe und die mit der Christianisierung in die Tiefe der Sprache versunken sei, glaubte man.

    Dabei lässt sich anhand der Belege deutlich rekonstruieren: »Es« ist ein reines Strukturelement, ein Platzhalter, ein Dummy-Subjekt. So steht bei Otfrid (um 900) noch die Konstruktion reganôt (»[es] regnet«), bei Notker (um 1100) findet sich: sô iz regenôt. 200 Jahre nach Otfrid wurde die Leerstelle vor dem »regnet« schmerzhaft als falsch empfunden. Aber »es« hat keine Bedeutung und »es« ist kein Gott. »Es« ist ein formales Element. Merke: Struktur mit Bedeutung aufzuladen, ist nicht neu.

    Warum sich die Genusformen im Deutschen entwickelt haben, ist nicht 100-prozentig geklärt. Fest steht: Es ging um die Form, nicht den Inhalt. Eine Lücke im System wurde geschlossen. Wahrscheinlich entwickelte sich zunächst die Unterscheidung vom Maskulinum und Neutrum, um kenntlich zu machen, ob ein Substantiv subjektfähig ist. Die Femina kamen später als Kollektivbildungen dazu.

    Es gibt Sprachen, deren Genussysteme semantische Hintergründe haben, also bei denen Bedeutungen an der Entstehung beteiligt waren. In der deutschen Sprache nicht. So habe ich bei Gattungsbezeichnungen wie »Katzen« keinesfalls nur weibliche Katzen im Sinn, auch bei »Kühen«, »Rindern« oder »Kälbern«, »Küken« oder »Hühnern« unterscheide ich nicht: ob es ausschließlich weibliche Tiere sind – oder männliche. Bei »Kind« oder »Kinder« sehe ich weder Jungen noch Mädchen vor mir, sondern ein Schulhofgewimmel, eine amorphe Gruppe von Menschen, die hin und her rennen, mit hellen Stimmen Krach machen und kleiner als Erwachsene sind.

    Studien, die zu dem Schluss kommen, beim generischen sogenannten Maskulinum würden sich die Probanden nur Männer vorstellen, sind in der letzten Zeit mehrfach kritisiert worden. Sie seien methodisch schwach, kritisierte u.a. Gisela Zifonun. Endlich!, denke ich und frage mich: Warum äußert sich die Linguistik erst jetzt?

    Die Wissenschaftler, die sich im Juli 2022 mit einem Offenen Brief aus ihrem Elfenbeinturm gewagt und gegen das Gendern im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk ausgesprochen haben, waren Koryphäen in den Neunzigern, als ich Linguistik studiert habe. Ich kenne die wenigsten der Wissenschaftler, die den Sprachwandel gezielt in Bahnen lenken wollen und dabei gegen fundamentale Wirkprinzipien verstoßen, die man zu meiner Zeit im Grundstudium lernte. Oft kommen sie aus der feministischen Linguistik, einem neuen Wissenschaftszweig. Oft sind sie sehr jung. Es gehört zu den Vorrechten der Jugend, Forderungen zu stellen, die übers Ziel hinausschießen. Die Aufgabe des Alters ist es, ein Gegengewicht herzustellen, sodass sich die Gegensätze ausbalancieren können.

    Dass das nicht der Fall ist, hat mit den sozialen Medien zu tun. Dort hat sich die Debatte so stark emotionalisiert, dass ein sachlicher Austausch sofort abgebügelt wird. Unwohlsein und Triggerwarnung heißen die Argumente. Gepaart mit dem Vorwurf, die alten weißen Männer (und Frauen) hätten den Klimawandel verbockt und müssten deshalb generell die Klappe halten. Ich persönlich bezweifle, dass diese Generation, wäre sie an unserer Stelle gewesen, den Klimawandel verhindert hätte. Außerdem: So geht das nicht. Man muss auch Sachen aushalten, die einem nicht gefallen. Zum Beispiel, dass nicht jede Peer-Group in der Sprache eine Dependance eröffnen kann. Und dass die Identität und sexuelle Orientierung einer Person für ihr Gegenüber nicht unbedingt von Bedeutung ist.

    Niemandem sei das Gendern verboten. Ich begrüße jeden natürlichen Sprachwandel und ich freue mich, dass unser Bewusstsein für Ungerechtigkeiten und Ausgrenzungen in den letzten Jahren so sensibel geworden ist. Aber niemandem darf das Gendern vorgeschrieben werden. Meine Pflicht als Schreibende ist es, mich gegen diktatorische Sprach-Vorschriften auszusprechen, die dem Reißbrett und einer unausgegoren-romantischen Vorstellung von Sprache und ihrer Struktur entstammen.

    An diesem Punkt nämlich hört der Spaß auf. Ich stamme aus der DDR und deshalb lehne ich es vehement ab, mir neben der privaten eine öffentliche Sprache anzutrainieren, die ich für ideologisch motiviert halte. Da sind wir schon wieder, denke ich. Bei subtilem und massivem Druck, der dazu führt, dass an vielen Universitäten Hausarbeiten, die nicht gegendert sind, schlechter bewertet werden.

    Dabei könnte eine Lösung einfach aussehen: Man ändert die Begriffe. Die Grammatikschreibung ist nicht in Stein gemeißelt und Lehrbücher kann man umschreiben und neu drucken – ohnehin ist das längst überfällig. Unsere Genusbegriffe maskulin (männlich), feminin (weiblich), neutrum (sächlich, eigentlich: keins von beiden) changieren unscharf in zwei Bedeutungen. Neben ihrer Funktion zur Benennung von Strukturelementen sind sie an das Merkmal <belebt> und meist auch <menschlich> gekoppelt. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer.

    Warum nicht statt von maskuliner von einer Der-Form sprechen, statt feminin den Begriff Die-Form benutzen, und Das-Form fürs Sächliche? Das wären vielleicht nicht die elegantesten Fachwörter, sondern eher Grundschul-Begriffe wie Tu-Wort oder Ding-Wort – aber auf dieser Ebene diskutieren wir gerade. Und es wird höchste Zeit. Die Sprache ist eine zutiefst demokratische Einrichtung. Sie gehört allen. Das wissen die Leute hierzulande ganz genau, und es zündelt, wer an ihr herumdoktert. Darauf wies bereits der barocke Philologe und Dichter Justus Georg Schottelius hin, der im 17. Jahrhundert in seinem Buch: »Der schreckliche Sprachkrieg« warnte:

    Wörterblut und Sprachverderben
    Machet Zier und Wolstand sterben.
    Stirbt das Sprechen / Fleucht Vertrauen /
    Leut und Land muß Unheil schauen


    Quellen:
    Gisela Zifonun: Die demokratische Pflicht und das Sprachsystem. Erneute Diskussion um einen geschlechtergerechten Sprachgebrauch. Erschienen in: Sprachreport Jg. 34 (2018), Nr. 34, S. 44-56. Zu finden auf der Webseite des ids

    Linguistik vs. Gendern

  • Winnetou muss sterben!

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 30.08.2022

    Ehrlich gesagt verstehe ich die ganze Aufregung nicht. Karl May wird verboten! Uns’ Winnetou! Dabei handelt es sich mitnichten um einen Originalklassiker, sondern um ein Prequel, also eine Vorgeschichte, die sich jemand ausgedacht hat, der nicht Karl May heißt, sondern Thilo Petry-Lassak und ausschließlich Kinderbücher schreibt.

    Der Verlag hat ein Kinderbuch zurückgezogen (ab acht Jahren), ein Erstleserbuch, ein Puzzle sowie ein Stickerbuch, die als Gimmicks zum gleichnamigen Film gedacht waren, der übrigens außer den Namen der Protagonisten auch wenig bis nichts mit Karl May zu tun hat. Das Drehbuch zum Film stammt von Regisseur Mike Marzuk und Gesa Scheibner und es basiert auf dem Musical "Kleiner Häuptling Winnetou" (Text: Karl-Heinz March). Hört sich für mich nicht gerade nach einem Ausbund an Hochkultur und Differenziertheit an.

    Und nun frage ich mich: Und wenn das Buch einfach doof ist - warum soll der Verlag es nicht zurückziehen? Und zweitens: Die Märchen von Prinzessinnen und Prinzen geben auch nicht gerade ein authentisches Bild der Feudalgesellschaft wieder, sondern verletzten die Gefühle der seinerzeit unterdrückten Bevölkerung, der Bauern, der Mägde und Knechte. Das muss man anprangern! Das muss man brandmarken! Also liebe Kinder, stellt euch schonmal drauf ein: Ab sofort gibts keine Märchen mehr! Und der kleine Muck und Scherezade sind auch gestrichen!

    Im May

    Stell auf den Tisch, nicht um sie zu verhökern
    die Schätze unsrer Jugendbücherei,
    nein! lass uns einmal wieder selig schmökern
    wie einst! Im May!

    Der »Bärentöter« knallt, die wack’re Büchse,
    dumpf tönt es: Hugh, ein unterdrückter Schrei.
    Das Edle siegt, die Bösen kriegen Wichse,
    wie einst! Im May!

    Man liest und liest, bis man total verdöste,
    der Morgen graut. Man liest und seufzt dabei:
    Ach! Wenn sich alles doch so glücklich löste
    wie einst! Im May!

    (Walther Deneke)

  • Wokeness bis zur Selbstauflösung

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 29.08.2022

    Das Gefühl wird zum Maßstab des Handelns und niemand soll verletzt werden. Eine zutiefst infantile Haltung, meint Benedict Neff in der NZZ.

    Gefühle kann man nicht anfechten. Das macht einen unangreifbar. Allerdings: In letzter Konsequenz führt der Drang, niemanden verletzten zu wollen, in die Selbstauflösung. Denn Konflikte und Auseinandersetzungen gehören zum Leben dazu. Nur wer sich nicht regt, wer keinen eigenen Standpunkt einnimmt und verteidigt, wer windelweich immerzu einlenkt, wird niemanden verletzen. Insofern handelt es sich bei der cancel culture um eine zutiefst infantile Bewegung, so Neff. 

    Sehr lesenswerter Artikel in der NZZ, der sich kritisch mit Wokeness auseinandersetzt. Früher nannten wir das übrigens: Betroffenheit". Wir sagten: "Das macht mich jetzt echt betroffen."

  • So kommt Vielfalt in Kunst und Kultur!

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 26.08.2022 in Politisches

    Weniger ist mehr. Statt Diversität zu fördern, wird sie durch Überregulierung behindert.

    Was braucht es, um im Kulturbetrieb mehr Diversität herzustellen? Mehr Geld, weniger Vorschriften und bürokratische Hürden, Auswahlprozesse ohne Ansehen der Person, offene Themen und die Abkehr vom ständigen Rechtfertigungsdruck, welchen Nutzen die Kultur für Politik, Demokratie, Gesundheit und die ganze Welt habe. So lauten die Thesen, die der Schriftsteller Alexander Estis in diesem sehr lesenswerten Essay ausbreitet und die das nd dankenswerterweise veröffentlicht.

    Nachtrag: Auch hier nachzulesen: Vielheitsplan Kultur rein praktisch, Publikation des Integrationshauses Köln

  • Linguistik vs. Gendern

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 18.08.2022 in Gender, Gutes Deutsch

    Offener Brief von Sprachwissenschaftlern, Übersetzern, Philologen u.ä. gegen den Glottisschlag im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk (ÖRR).

    Im Juli 2022 haben bekannte und weniger bekannte Leute, die von Berufs wegen mit Sprache zu tun haben oder sich dazu berufen fühlen, sich gegen das Gendern im ÖRR ausgesprochen. Illustre Namen kommen zusammen, einige kenne ich noch aus meiner Studienzeit: Manfred Bierwisch, Gisela Zifonun und der ewige Querulant Peter Eisenberg. Auch Christoph Dieckmann, den ich sehr schätze, hat unterschrieben. Mich freut, dass die Linguistik endlich aus ihrem Elfenbeinturm kriecht. In meiner Studienzeit in den Neunzigern war das noch verpönt. Damals war Noam Chomsky der einzige Sprachwissenschaftler, der sich öffentlich zu aktuellen politischen Themen äußerte.

    Hier ist der Wortlaut des Offenen Briefes.

    Ich bin gerade dabei, mir die Genderformen abzutrainieren und stelle an mir fest, dass mir das generische (sogenannte) Maskulinum unangenehm ist. Siehe die Unterzeile: "Offener Brief von Sprachwissenschaftlern, Übersetzern, Philologen u.ä. ..."  Gern hätte ich ein Binnen-I, ein Ausrufezeichen oder die paarige Form eingesetzt. Vielleicht meine Lieblings-Idee: Artikel?

    Offener Brief von die Sprachwissenschaftler, Übersetzer, Philologen ...

    äh. nö.

  • Gendern historisch

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 06.06.2022

    Endlich hat es jemand getan: In einer Studie haben sich die Sprachwissenschaftler Ewa Trutkowski und Helmut Weiß mit dem Genus in der Sprachgeschichte und dem sogenannten generischen Maskulinum beschäftigt. Da freut sich die historische Sprachwissenschaftlerin!

  • Tradition, Disruption, Endstation

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 21.05.2022

    Das Dilemma der Klassik Stiftung Weimar: Sie muss sich mit alten Männern wie Goethe, Schiller und Wieland immer wieder neu erfinden

    Ältestes bewahrt mit Treue, Bild: Anke Engelmann
    Ältestes bewahrt mit Treue, Bild: Anke Engelmann

    Wie stark unser Kulturbegriff einem Wandel unterworfen ist, wurde deutlich, als die Klassik Stiftung Weimar kürzlich ihr Themenjahr »Sprache« eröffnete. Zum Auftakt fragte eine Podiumsdiskussion: Welche Bedeutung kann oder soll die Beschäftigung mit überlieferten Texten haben? Welche Aufgaben haben Gedächtnisinstitutionen wie die Klassik Stiftung Weimar heute? Spannende Fragen, denen sich neben Ulrike Lorenz, Präsidentin der Klassik Stiftung, der Literaturwissenschaftler Jan Philipp Reemtsma stellte sowie Petra Lutz, die als Projektleiterin für die Weimarer Dichterhäuser zuständig ist. Die Runde moderierte Marcel Lepper, der zwei Jahre für die Klassik-Stiftung das Goethe- und Schiller-Archiv leitete und kürzlich zur Carl Friedrich von Siemens Stiftung gewechselt ist.

    Reemtsma ist vor allem für Christoph Martin Wieland zuständig, denn auch der Wegbereiter der deutschen Klassik wird gefeiert. Fast gewinnt man den Eindruck: weil man es musste. Um den zierlichen Dichter, der vor 250 Jahren als Fürstenerzieher an den Hof kam, den Moralisten und Aufklärer, den Philosophen und vielseitigen Dichter, kam die Stiftung nicht herum. Genau so wird er präsentiert: Als vergessener Klassiker, der der Wiederentdeckung bedürfe. Und den man »als Dichter und Revolutionär«, so die Webseite der Stiftung, wie das gesamte Themenjahr vor allem der Generation U 18 ans Herz legen wolle.

    Als auf dem Podium Petra Lutz erläuterte, wie man die Dichterhäuser so gestalten wolle, dass sie auch Zielgruppe U 18 erreichen, verdrehten die Bildungsbürger im Publikum die Augen. Schließlich wurden ihnen, als sie heranwuchsen, ganz selbstverständlich die Märchen der Gebrüder Grimm in der Originalsprache zugemutet. Ein Schatz, in dem sie kramten und wühlten wie in der Knopfschachtel der Großmutter und immer neue funkelnde Wörter und Redewendungen entdeckten. Vielleicht kannten sie nicht alle, aber sie verstanden, dass Wörter eine Geschichte haben, dass sie nicht gut oder böse sein können – sondern nur die, die sie benutzen.

    Wo sind die U-18-jährigen Lesesüchtigen, die in Werken der deutschen Klassik nach Spuren von Anti-Haltung gegen Autoritäten stöberten, um sich ihrer eigenen zu vergewissern, weil (zumindest im Osten) gute Gegenwartsliteratur schwer zu ergattern war? Die den Sprachwitz bei Wieland, bei Musäus, bei Tieck entdeckten und ihren eigenen daran schärften? Die sich Offenheit und Internationalismus bei Herder abschauten, die gegen Widerstände kämpften wie Carl-Philipp Moritz, jugendliches Pathos bei Novalis fanden, auch er ein Stiefkind der Aufmerksamkeits-Ökonomie, den ein Jahrestag für kurze Zeit nach oben gespült hat.

    Trefflich hätte man darüber parlieren können, darüber, wie man den Medienwechsel gestalten muss, der unser Wissen neu sortiert und ob und wie mundgerecht man die Klassik, die inzwischen häufig mit dem Wort »verstaubt« attribuiert wird, für die Generation social media aufbereiten muss. Lernen sei immer eine Zumutung und Überforderung, mahnte Reemtsma. Und wenn die erläuternden Texte in den Museen nicht verstanden würden, müsse man sie länger machen, nicht kürzer.

    Das Gespräch, das auf den ersten Blick harmonisch verlief, hinterlässt im Nachgang einen bitteren Geschmack. Kein wohliges Sich-Sonnen im Bildungsbürger-Wohlfühl-Land. Einstellungen kamen zur Sprache, die ein Licht auf den Kulturbetrieb im Allgemeinen, in Thüringen und in Weimar werfen und den Druck deutlich machen, dem er unterworfen ist. Vor allem in den Ausführungen der Stiftungs-Chefin.

    Lorenz sprach von »toxischer Wachstumslogik im Kultursektor«, die man »kritischer sehen muss«, denn »Wachstum führt zu Versteinerungen«. »Wir müssen produktiv zerstören, um etwas anderes möglich zu machen«, forderte sie, Abschied nehmen »von liebgewordenen Gewohnheiten«. Denn die Rahmenbedingungen würden kein Wachstum mehr gestatten. Deshalb müsse man das kulturelle Erbe miteinander in ein sinnvolles Spiel bringen, das auch disruptiv sein könne. Die Gesellschaft wandele sich, »wir müssen uns partiell immer wieder neu erfinden«, ein Prozess, ein Experiment, auch »im Hinblick auf eine Umformulierung der Dichterhäuser«.

    Wachstum gleich toxisch. Produktiv zerstören. Disruption. Sich immer wieder neu erfinden. Lorenz greift Argumente aus der Degrowth-Bewegung auf und spart nicht an Signalwörtern. Doch kann man die Situation in Wirtschaft und Ökologie eins zu eins auf den Kulturbetrieb übertragen? Schwach nur klang die Mahnung Reemtsmas: »Wir müssen die Literatur frei machen von Aktualitätsdruck. Sonst werden wir wie die Kanzelredner des 18. und 19. Jahrhunderts.«

    In solchen Kontexten hört sich das literarische Vermächtnis der Stadt Weimar beinah wie eine Last an: Goethe. Schiller. Wieland. Herder. Jeder Name ein Schlag mit der Faust in die offene Hand. Der Zwang, Altes immer wieder neu zu präsentieren, kollidiert mit dem Anspruch, alles neu zu erfinden, weil man sich von der verstaubten Literaturwissenschaft verabschieden will. Authentizität heißt der Königsweg jetzt, mit Anklängen an die teilnehmende Beobachtung. Warum nicht. Aber: Muss man dazu wirklich alles zerschlagen?

    Jede Generation will die alten Zöpfe abschneiden. Das ist notwendig, es setzt einen Kreislauf der Erneuerung in Gang und krempelt nicht nur die Institutionen um, sondern wirft relevante Fragen auf, verschiebt die Prioritäten der politischen Agenda und verändert das Miteinander und die Kommunikation bis ins zutiefst Private. In diesem Prozess wird auch das Wissen, das zur Verfügung steht, ebenso neu bewertet wie die Art seiner Vermittlung. Idealerweise geht dieser Wandel nicht von den Institutionen aus, sondern der Druck kommt von außen, von unten.

    Was aber, wenn nicht die Kinder rebellieren, sondern die Eltern?

    So etwas passiert, wenn Eltern nicht erwachsen werden. Die Kinder sind für die Erneuerung zuständig, die Älteren fürs Bewahren. Beides muss ausgewogen miteinander agieren. Seit einiger Zeit jedoch erleben wir eine Abwertung von Erfahrung. Die Alten fliegen (wie die Ostdeutschen) unter dem Radar der woke-Bewegung. Dass diese Bevölkerungsgruppen diskriminiert werden, merkt man spätestens, wenn man sich mit Mitte Fünfzig einen neuen Job suchen muss. Auch bei den Jungen bindet der Zwang, sich ständig neu zu erfinden, Kraft und Ressourcen und höhlt den privaten Raum aus, in dem man sich erholen muss.

    Dazu gesellt sich ein grundlegendes Misstrauen gegen Spezialisten. In unserer hochspezialisierten Gesellschaft ist Wissen ein Kapital, es zu erwerben dauert lange und kostet viel Geld. Niemand kann alles können, doch mancher scheint das zu glauben. Ein Buch schreiben und es layouten, die Gesetze der Sprache auf den Kopf stellen: Das Laientum schwappt vor allem in die Sektoren, die nicht so stark reglementiert sind, wo Kreativität und Spiel ein Refugium haben: in die Kunst. Es präsentiert sich voller Selbstbewusstsein, überschreit die Profis, die zweifeln und mehr Zeit fordern.

    Dieser zutiefst demokratische Vorgang ähnelt dem, was die Stadtsoziologie »Gentrifizierung« nennt. Freiräume, in diesem Fall Kunst und Kultur, werden in eine Verwertungslogik eingebunden. Wie stark die Gesellschaft in ihren Randbereichen bereits auf Nutzen und Effektivität fixiert ist, zeigte sich in der Pandemie-Zeit: Die Kultur wurde zuerst dichtgemacht und zuletzt wieder geöffnet. Dabei ist die Kunst wie ein Unbewusstes der Gesellschaft eine wichtige Ressource für Resilienz. Sie hilft, Angst zu bewältigen und mit Veränderungen umzugehen. Gnade uns Gott, wenn dieser Sumpf von Wildwuchs und Anarchie trockengelegt wird.

    Lorenz teilte aus gegen das Bildungsbürgertum, das sein Halbwissen aus dem »Zitatenschatz der Weltliteratur« des Oberlehrers Georg Büchmann geschöpft habe, und vergaß dabei, dass die permanente Anpassung ans Mittelmaß genau dieses Halbwissen erzeugt. Zerreißen nicht disruptive Ansätze die Traditionslinien, an denen wir uns grundlegend in der Welt verorten, auch und gerade in der Auseinandersetzung mit ihnen? »Wir sind nicht Goethe. Wir sind die Eckermänner dieser Welt«, so Lorenz, und die Bildungsbürger schüttelten sacht den Kopf. »Ich schon«, flüsterte einer. »Ich bin Goethe.«

    (Erschienen im nd, 20. Mai 2022)

  • Wort-Laut

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 09.05.2022

    Zum Nachlesen: beide Offenen Briefe.

    Damit sich jede/r selbst ein Bild machen kann: hier die Wortlaute von Brief I, der sich GEGEN Waffenlieferungen ausspricht (veröffentlicht in der Emma)

    Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,

    wir begrüßen, dass Sie bisher so genau die Risiken bedacht hatten: das Risiko der Ausbreitung des Krieges innerhalb der Ukraine; das Risiko einer Ausweitung auf ganz Europa; ja, das Risiko eines 3. Weltkrieges. Wir hoffen darum, dass Sie sich auf Ihre ursprüngliche Position besinnen und nicht, weder direkt noch indirekt, weitere schwere Waffen an die Ukraine liefern. Wir bitten Sie im Gegenteil dringlich, alles dazu beizutragen, dass es so schnell wie möglich zu einem Waffenstillstand kommen kann; zu einem Kompromiss, den beide Seiten akzeptieren können.

    Wir teilen das Urteil über die russische Aggression als Bruch der Grundnorm des Völkerrechts. Wir teilen auch die Überzeugung, dass es eine prinzipielle politisch-moralische Pflicht gibt, vor aggressiver Gewalt nicht ohne Gegenwehr zurückzuweichen. Doch alles, was sich daraus ableiten lässt, hat Grenzen in anderen Geboten der politischen Ethik.

    Zwei solche Grenzlinien sind nach unserer Überzeugung jetzt erreicht: Erstens das kategorische Verbot, ein manifestes Risiko der Eskalation dieses Krieges zu einem atomaren Konflikt in Kauf zu nehmen. Die Lieferung großer Mengen schwerer Waffen allerdings könnte Deutschland selbst zur Kriegspartei machen. Und ein russischer Gegenschlag könnte so dann den Beistandsfall nach dem NATO-Vertrag und damit die unmittelbare Gefahr eines Weltkriegs auslösen. Die zweite Grenzlinie ist das Maß an Zerstörung und menschlichem Leid unter der ukrainischen Zivilbevölkerung. Selbst der berechtigte Widerstand gegen einen Aggressor steht dazu irgendwann in einem unerträglichen Missverhältnis.

    Wir warnen vor einem zweifachen Irrtum: Zum einen, dass die Verantwortung für die Gefahr einer Eskalation zum atomaren Konflikt allein den ursprünglichen Aggressor angehe und nicht auch diejenigen, die ihm sehenden Auges ein Motiv zu einem gegebenenfalls verbrecherischen Handeln liefern. Und zum andern, dass die Entscheidung über die moralische Verantwortbarkeit der weiteren „Kosten“ an Menschenleben unter der ukrainischen Zivilbevölkerung ausschließlich in die Zuständigkeit ihrer Regierung falle. Moralisch verbindliche Normen sind universaler Natur.

    Die unter Druck stattfindende eskalierende Aufrüstung könnte der Beginn einer weltweiten Rüstungsspirale mit katastrophalen Konsequenzen sein, nicht zuletzt auch für die globale Gesundheit und den Klimawandel. Es gilt, bei allen Unterschieden, einen weltweiten Frieden anzustreben. Der europäische Ansatz der gemeinsamen Vielfalt ist hierfür ein Vorbild.

    Wir sind, sehr verehrter Herr Bundeskanzler, überzeugt, dass gerade der Regierungschef von Deutschland entscheidend zu einer Lösung beitragen kann, die auch vor dem Urteil der Geschichte Bestand hat. Nicht nur mit Blick auf unsere heutige (Wirtschafts-)Macht, sondern auch in Anbetracht unserer historischen Verantwortung – und in der Hoffnung auf eine gemeinsame friedliche Zukunft.

    Wir hoffen und zählen auf Sie!
    Hochachtungsvoll

    DIE ERSTUNTERZEICHNERiNNEN

    Andreas Dresen, Filmemacher | Lars Eidinger, Schauspieler | Dr. Svenja Flaßpöhler, Philosophin | Prof. Dr. Elisa Hoven, Strafrechtlerin | Alexander Kluge, Intellektueller | Heinz Mack, Bildhauer | Gisela Marx, Filmproduzentin | Prof. Dr. Reinhard Merkel, Strafrechtler und Rechtsphilosoph | Prof. Dr. Wolfgang Merkel, Politikwissenschaftler | Reinhard Mey, Musiker | Dieter Nuhr, Kabarettist | Gerhard Polt, Kabarettist | Helke Sander, Filmemacherin | HA Schult, Künstler | Alice Schwarzer, Journalistin | Robert Seethaler, Schriftsteller | Edgar Selge, Schauspieler | Antje Vollmer, Theologin und grüne Politikerin | Franziska Walser, Schauspielerin | Martin Walser, Schriftsteller | Prof. Dr. Peter Weibel, Kunst- und Medientheoretiker |
    Christoph, Karl und Michael Well, Musiker | Prof. Dr. Harald Welzer, Sozialpsychologe | Ranga Yogeshwar, Wissenschaftsjournalist | Juli Zeh, Schriftstellerin | Prof. Dr. Siegfried Zielinski, Medientheoretiker

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    und Brief II FÜR Waffenlieferungen (veröffentlicht in der Zeit)

    Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,

    auf der Maikundgebung in Düsseldorf haben Sie gegen Pfiffe und Protestrufe Ihren Willen bekräftigt, die Ukraine auch mit Waffenlieferungen zu unterstützen, damit sie sich erfolgreich verteidigen kann. Wir möchten Ihnen auf diesem Weg Beifall für diese klaren Worte zollen und Sie ermutigen, die Entschließung des Bundestags für Waffenlieferungen an die Ukraine rasch in die Tat umzusetzen.

    Angesichts der Konzentration russischer Truppen im Osten und Süden der Ukraine, der fortgesetzten Bombardierung der Zivilbevölkerung, der systematischen Zerstörung der Infrastruktur, der humanitären Notlage mit mehr als zehn Millionen Flüchtlingen und der wirtschaftlichen Zerrüttung der Ukraine infolge des Krieges zählt jeder Tag. Es bedarf keiner besonderen Militärexpertise, um zu erkennen, dass der Unterschied zwischen "defensiven" und "offensiven" Rüstungsgütern keine Frage des Materials ist: In den Händen der Angegriffenen sind auch Panzer und Haubitzen Defensivwaffen, weil sie der Selbstverteidigung dienen.

    Wer einen Verhandlungsfrieden will, der nicht auf die Unterwerfung der Ukraine unter die russischen Forderungen hinausläuft, muss ihre Verteidigungsfähigkeit stärken und die Kriegsfähigkeit Russlands maximal schwächen. Das erfordert die kontinuierliche Lieferung von Waffen und Munition, um die militärischen Kräfteverhältnisse zugunsten der Ukraine zu wenden. Und es erfordert die Ausweitung ökonomischer Sanktionen auf den russischen Energiesektor als finanzielle Lebensader des Putin-Regimes.

    Es liegt im Interesse Deutschlands, einen Erfolg des russischen Angriffskriegs zu verhindern. Wer die europäische Friedensordnung angreift, das Völkerrecht mit Füßen tritt und massive Kriegsverbrechen begeht, darf nicht als Sieger vom Feld gehen. Putins erklärtes Ziel war und ist die Vernichtung der nationalen Eigenständigkeit der Ukraine. Im ersten Anlauf ist dieser Versuch aufgrund des entschlossenen Widerstands und der Opferbereitschaft der ukrainischen Gesellschaft gescheitert. Auch das jetzt ausgerufene Ziel eines erweiterten russischen Machtbereichs von Charkiw bis Odessa kann nicht hingenommen werden.

    Die gewaltsame Verschiebung von Grenzen legt die Axt an die europäische Friedensordnung, an deren Grundlegung Ihre Partei großen Anteil hatte. Sie beruht auf Gewaltverzicht, der gleichen Souveränität aller Staaten und der Anerkennung der Menschenrechte als Grundlage für friedliche Koexistenz und Zusammenarbeit in Europa. Es widerspricht deshalb nicht der Ostpolitik Willy Brandts, die Ukraine heute auch mit Waffen zu unterstützen, um diese Prinzipien zu verteidigen.

    Russlands Angriff auf die Ukraine ist zugleich ein Angriff auf die europäische Sicherheit. Die Forderungen des Kremls für eine Neuordnung Europas, die im Vorfeld der Invasion formuliert wurden, sprechen eine klare Sprache. Wenn Putins bewaffneter Revisionismus in der Ukraine Erfolg hat, wächst die Gefahr, dass der nächste Krieg auf dem Territorium der Nato stattfindet. Und wenn eine Atommacht damit durchkommt, ein Land anzugreifen, das seine Atomwaffen gegen internationale Sicherheitsgarantien abgegeben hat, ist das ein schwerer Schlag gegen die Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen.

    Was die russische Führung fürchtet, ist nicht die fiktive Bedrohung durch die Nato. Vielmehr fürchtet sie den demokratischen Aufbruch in ihrer Nachbarschaft. Deshalb der Schulterschluss mit Lukaschenko, deshalb der wütende Versuch, den Weg der Ukraine Richtung Demokratie und Europa mit aller Gewalt zu unterbinden. Kein anderes Land musste einen höheren Preis bezahlen, um Teil des demokratischen Europas werden zu können. Die Ukraine verdient deshalb eine verbindliche Beitrittsperspektive zur Europäischen Union.

    Die Drohung mit dem Atomkrieg ist Teil der psychologischen Kriegführung Russlands. Dennoch nehmen wir sie nicht auf die leichte Schulter. Jeder Krieg birgt das Risiko einer Eskalation zum Äußersten. Die Gefahr eines Nuklearkrieges ist aber nicht durch Konzessionen an den Kreml zu bannen, die ihn zu weiteren militärischen Abenteuern ermutigen. Würde der Westen von der Lieferung konventioneller Waffen an die Ukraine zurückscheuen und sich damit den russischen Drohungen beugen, würde das den Kreml zu weiteren Aggressionen ermutigen. Der Gefahr einer atomaren Eskalation muss durch glaubwürdige Abschreckung begegnet werden. Das erfordert Entschlossenheit und Geschlossenheit Europas und des Westens statt deutscher Sonderwege.

    Es gibt gute Gründe, eine direkte militärische Konfrontation mit Russland zu vermeiden. Das kann und darf aber nicht bedeuten, dass die Verteidigung der Unabhängigkeit und Freiheit der Ukraine nicht unsere Sache sei. Sie ist auch ein Prüfstein, wie ernst es uns mit dem deutschen "Nie wieder" ist. Die deutsche Geschichte gebietet alle Anstrengungen, erneute Vertreibungs- und Vernichtungskriege zu verhindern. Das gilt erst recht gegenüber einem Land, in dem Wehrmacht und SS mit aller Brutalität gewütet haben.

    Heute kämpft die Ukraine auch für unsere Sicherheit und die Grundwerte des freien Europas. Deshalb dürfen wir, darf Europa die Ukraine nicht fallen lassen.

    DIE ERSTUNTERZEICHNERiNNEN

    Stephan Anpalagan | Gerhart Baum | Marieluise Beck | Maxim Biller | Marianne Birthler | Wigald Boning | Prof. Tanja Börzel | Hans Christoph Buch | Mathias Döpfner | Prof. Sabine Döring | Thomas Enders | Fritz Felgentreu | Michel Friedman | Ralf Fücks | Marjana Gaponenko | Eren Güvercin | Rebecca Harms | Wolfgang Ischinger | Olga Kaminer | Wladimir Kaminer | Dmitrij Kapitelman | Daniel Kehlmann | Thomas Kleine-Brockhoff | Gerald Knaus | Gerd Koenen | Ilko-Sascha Kowalczuk | Remko Leemhuis | Sabine Leutheusser-Schnarrenberger | Igor Levit | Sascha Lobo | Wolf Lotter | Ahmad Mansour | Marko Martin | Jagoda Marinić | Prof. Carlo Masala | Markus Meckel | Eva Menasse | Herta Müller | Prof. Armin Nassehi | Ronya Othmann | Ruprecht Polenz | Gerd Poppe | Antje Rávik Strubel | Prof. Hedwig Richter | Prof. Thomas Risse | Prof. Gwendolyn Sasse | Prof. Karl Schlögel | Peter Schneider | Linn Selle | Constanze Stelzenmüller | Funda Tekin | Sebastian Turner | Helene von Bismarck | Marie von den Benken | Marina Weisband | Deniz Yücel | Prof. Michael Zürn

    ViSdP: Ralf Fücks, Zentrum Liberale Moderne, Reinhardtstr. 15, 10117 Berlin

  • Angst muss man ernst nehmen

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 05.05.2022

    Der erste Offene Brief zum Ukraine-Krieg mit bislang 200.000 Unterschriften sorgte für Häme und Beschimpfungen. Dabei artikulieren die Unterzeichner auch die große Angst, dass der Krieg in der Ukraine sich weiter ausbreitet und bis zu uns kommt. Das ist ihr gutes Recht, finde ich.

    Die Zeit ist hoch emotionalisiert und in allen Debatten scheint es nur schwarz und weiß zu geben, oder, wie Lenin gesagt haben soll: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Dass Menschen Angst haben und das öffentlich artikulieren, muss man ernst nehmen. Wohin kommen wir, wenn ihnen dafür eine Welle der Entrüstung entgegenschlägt? Essentiell für eine Demokratie ist das Aushandeln, die lebendige Debatte, das Abwägen. Und das Einander-Zuhören. Und zwar mit Respekt!

    (Was mir nicht gefällt an dem Brief, ist der Zungenschlag bezüglich dem berechtigten Widerstand gegen einen Aggressor und dem Maß an Zerstörung und menschlichem Leid. Ich lese: Gebt auf, um noch mehr Leid zu verhindern. Das finde ich anmaßend.)


    Ich teile hier einen Beitrag auf DLF. Darin geht es um Nebenwirkungen von Corona-Impfungen und den Umgang mit den Betroffenen. Impfskeptiker könnte man mit mehr Transparenz überzeugen, so die Autoren des Artikels. Nicht, indem man einfach die Probleme unter den Teppich kehrt. Und ja, ich bin geimpft. Und skeptisch.

  • Schon wieder die Künstler vergessen!

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 28.04.2022

    Ohne kUNSt geht nichts, hieß es in der Pandemie-Zeit. Und was gab es nicht alles, Stipendien noch und nöcher. Und jetzt? Kleinunternehmer wollen überhaupt nicht verdienen, tönt eine SPD-Abgeordnete. Deshalb sei es nur gerecht, nein "folgerichtig", wenn soloselbständige Kleinunternehmer, unter denen viele Künstler sind, von der Energiepauschale ausgeschlossen werden. Wumm! Die Ohrfeige hat gesessen, Frau Hagedorn!

    Keine Entlastungspauschale für soloselbständige Kleinunternehmer? Liest man die Einlassungen der SPD-Abgeordneten Bettina Hagedorn auf Abgeordnetenwatch, scheint das durchaus gewollt. Ihre Argumente zeigen eine erstaunliche Mischung aus Unkenntnis und Naivität, gepaart mit Bequemlichkeit und Arroganz, finde ich jedenfalls. Dabei sind die Künstler, die weit unterhalb der Einkommensgrenze einer langjährigen Bundestagsabgeordneten ihren prekären Bohème-Lebensstil fristen, in der Pandemie erstmalig ins Blickfeld geraten. Und denen wollte man helfen, oder? Frau Hagedorn, übrigens früher Goldschmiedin, sagt zu den Regelungen Folgendes:


    1. Der Weg, die Entlastungspauschale von 300 Euro über die Einkommenssteuer-Vorauszahlung weiterzugeben, sei einfach und "unbürokratisch" (Merke: Gehe immer den einfachsten Weg! Kümmere dich nicht darum, dass ganze Bevölkerungsgruppen ausgeschlossen werden, Gedöns wie Kleinunternehmer, RentnerInnen und StudentInnen, Leute, die zwar wenig Geld haben, aber kein Wohngeld beziehen.)
    2. Wer mehr verdiene, habe auch höhere Kosten. (Merke: Entlaste die Gutverdiener! Um die, die am prekären Rand rumlümmeln, kann sich die SPD nicht auch noch kümmern. Bei ihnen geht es nur um Minibeträge, die aufs Ganze gerechnet, kaum ins Gewicht fallen.)
    3. Kleinunternehmer machen das mit Absicht, dass sie wenig Geld verdienen. Und weil das so perfide klingt, muss ich Frau Hagedorn wörtlich zitieren:

    "Für Kleinstunternehmer entfallen – staatlich gewollt – viele bürokratische Pflichten und Belastungen wie u.a. die Tatsache, dass sie trotz Selbstständigkeit keine Vorsteuer zahlen müssen. Ich kenne persönlich durchaus Kleinstunternehmer, die sich aus diesem Grund Jahr für Jahr bemühen, genau diese Grenze mit ihrer Unternehmung NICHT zu überschreiten (...). Dann ist es allerdings auch folgerichtig, diejenigen stärker zu entlasten, die bei Steuern und Abgaben höhere Beiträge zur Unterstützung unseres Sozialstaates 'in Kauf nehmen'."


    Genau so siehts aus: Unausgesetzt flehe ich meine Auftraggeber an, mir bitte bitte niedrige Honorare zu zahlen. Nein! Keine 300 Euro für die Lesung! 200 reichen auch, ach, 50! Oder kostenlos! Lieber Verlag, kann ich nicht für 1 Euro pro Normseite lektorieren? Das ist so nett, danke! Stipendien, darauf bewerbe ich mich nicht, die werden mir auf die Einkommenssteuer angerechnet, das geht garnicht. Ihr wollt mir Geldgeschenke in größerer Höhe zukommen lassen? Sorry. Muss ich leider ablehnen. Zumindest, wenn ich damit über der Einkommensgrenze von (maximal) 1.800 Euro im Monat liege.

  • Den Blick schärfen

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 28.03.2022

    Kreatives Schreiben: Man lernt, Kleinigkeiten wahrzunehmen

    Am Samstag im Dacheröden: Unsere Runde war klein (Frühling! Corona!), dafür um so intensiver. Wir hatten reichlich Vogelgesang (CD), haben den Hof mit der Lupe und aus der Vogelperspektive ergründet, aus Textknospen Geschichten wachsen lassen. Eine Teilnehmerin sagte schließlich: Am kreativen Schreiben gefalle ihr, dass es den Blick schärfe. Man lerne, Kleinigkeiten zu bemerken. Und sich daran zu freuen, ergänzte eine andere. Das fand ich toll! Und ich habe an mir bemerkt, dass ich genau das auch bei der Vorbereit- und Durchführung genieße.

    In einem anderen Kurs höre ich immer wieder: Der neue Blick fasziniere. Die Vielfalt, die sich aus dem Spiel mit Perspektiven und Personen, mit Abständen, mit sprachlich-formalen Puzzleteilen ergibt. Egal, wie eng ich den Rahmen stecke: Jeder Text, der entsteht, ist anders. Immer wieder überrascht mich, was sich zeigt, bei mir, bei den Teilnehmern.

  • Weimar, 9. März 2022

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 11.03.2022

    Heute habe ich die ersten Ankömmlinge aus der Ukraine gesehen. Ich habe sie an ihren grauen Gesichtern erkannt, an ihren gebeugten Schultern, den schweren Mänteln. Einer der jungen Frauen flatterten die Klappen ihrer Pelzschapka um die Ohren. Ich fuhr an ihnen vorüber und schämte mich: für die Frühlingssonne, für das Zwitschern der Meisen und den kichernden Grünspecht, für die Krokusse und das frische Grün an den Sträuchern und dafür, dass ich auf meinem Fahrrad an ihnen vorbeifahren konnte, während sie doch nichts mehr hatten – nicht einmal ein Fahrrad.

    Seit Krieg ist, suchen wir ständig im Netz nach Informationen aus der Ukraine. Wenn die Nachrichten kommen, drehen wir das Radio lauter und müssen an uns halten, um nicht mit Kommentaren herauszuplatzen. Wie absurd, dass unser Alltag weitergeht, während Millionen Menschen gerade alles verlieren, ihre Sicherheit, ihre Wohnung, ihren Besitz. Ich kann den Wasserhahn aufdrehen, das Licht anschalten, zum Arzt gehen. Mein Bett, meine Wohnung, mein Kühlschrank. Wie ist es, den Mann, den Bruder, den Sohn in den Krieg zu verabschieden? Fortzugehen und die alten Eltern zurückzulassen? Was hat noch Wert, im Angesicht eines Krieges? Lohnt es sich, weiter an einem Roman zu arbeiten? Wer wird ihn lesen wollen?

    Ich schreibe eine Liste mit Dingen, die ich bei einer Flucht unbedingt mitnehmen muss: Ausweis, Studienabschluss, Bargeld, Geburtsurkunde. Einen Stick oder eine Festplatte mit meinen Texten. Welches Buch könnte mich unterwegs trösten: Gedichte? Von Kästner, der Kaschnitz? Goethes Faust? Grimms Märchen? Der Simplicissimus? Oder gar – mich Ungläubige – die Bibel? Wo würde ich die Katze unterbringen? Einfach zurücklassen könnte ich sie nicht, unser übergewichtiges und lebensunkluges Stubentier, zu viel Angst hätte ich, dass sie verhungert oder bei einer Hungersnot in einem Kochtopf landet.

    Fassungslos, dass die Sicherungssysteme versagen, die nach den Kriegen des vergangenen Jahrhunderts einen neuen ein für alle Mal verhindern sollten. Dass ausgerechnet Russland einen neuen Krieg beginnt, Russland, das im letzten Krieg, von dem meine Mutter noch erzählt, unter so vielen Opfern den Frieden gebracht hat. Fassungslos, dass Diplomatie und Sanktionen ins Leere laufen. Fassungslos über die Feindschaft, die den Russen jetzt entgegenschlägt, wegen eines einzigen Menschen, der seine sorgsam aufgebaute Machtfülle skrupellos einsetzt.

    Wir diskutieren die Optionen: Verhandeln? Den Geldhahn zudrehen? Stärke zeigen? Oder Zurückhaltung und nur nicht mit den Säbeln rasseln? Auch Hitler hätten die Alliierten sofort und konsequent stoppen müssen, sagt einer. Man müsse diesem Wahnsinnigen Einhalt gebieten. Mit allen Mitteln! Ich nicke. ABER, denke ich später: Hitler hatte keine Atomwaffen. Mit einem Knopfdruck könnte Putin Europa auslöschen und die Welt jenseits des Atlantiks. Oder die ganze Welt und sich selbst dazu. Was ist das Richtige? Wer kann besänftigen, wer kann vermitteln?

    Sicherheiten brechen weg wie Schollen von Gletschereis. Was wird aus uns? Schon jetzt weiß ich, dass ich im Alter meinen Lebensstandard nicht halten werde. Wird schon irgendwie, dachte ich immer. Jetzt nicht mehr. Jetzt kommt die Rechnung für das gute Leben, das so gut nun auch wieder nicht war. Dafür, dass es mir besser ging als den meisten anderen Menschen auf der Welt, weil ich das Privileg hatte, zufällig hier geboren zu sein. Jetzt kommt alles zu uns zurück: der Klimawandel. Das Sterben der Wälder. Corona. Der Krieg.

    Schon im ersten Lockdown fürchtete ich den Zusammenbruch aller zivilen Schutz- und Sicherungssysteme. Ich weiß noch, wie ich dachte: Daran werden wir uns erinnern. Wie es jetzt gewesen ist. Als wir noch glaubten, wir kämen davon. Im Vergleich mit dem Krieg erscheint mir Corona wie eine Klopapier-Krise. In den Metro-Schutzhöhlen von Kiew, in den überfüllten Zügen, auf den Anti-Kriegs-Demonstrationen trägt kaum jemand eine Maske. Wer wollte das einfordern?

    Auch bei uns werden Menschen hungern, mehr, als bisher. Viele werden sich vieles nicht mehr leisten können. Vielleicht müssen auch wir uns bald eine kleine Wohnung suchen. Schon jetzt lohnen sich meine Kurse nicht mehr. Verrechne ich meinen Verdienst, der auch in besseren Zeiten knapp bemessen ist, mit den Spritpreisen, bleibt nichts übrig. Ich ertappe mich bei den Gedanken, dass wir ja nicht die Einzigen sind, deren magere Ersparnisse schmelzen. Und dass die Regierung etwas unternehmen muss oder die EU. Mag sein, dass meine Ängste kleinlich sind angesichts dessen, was den Menschen zehn Autostunden entfernt gerade widerfährt, oder denen, die anderswo auf der Flucht sind. Aber ich kann sie nicht abstellen. Sie halten mich nachts wach. Sie bedrücken mich am Tag.

    Literarisch betrachtet, scheint der Stoff das Potential für ein Drama von Shakespeare’scher Wucht zu haben: Putin, Despot und Tyrann, und Selenskyi, der junge, jüdische Intellektuelle, Jurist und Spaßmacher, der über sich hinauswächst, weil er sein Land retten will. Die alten Männer an Putins langem Tisch und die Klitschko-Brüder. Der Chor der Staatsmächte, darunter unser Land mit Wehrpflicht und Waffenlieferungen. Der Chor der fliehenden Menschen. Doch ich bleibe skeptisch. Was sehen wir, was sehen wir nicht? Auch Shakespeare ist bei seiner Darstellung von Richard III einer Propaganda aufgesessen.

    Schreiben hilft und ist Verantwortung: zu dokumentieren, zu mahnen, den Lesern Mittel zur Bewältigung anzubieten und die Ereignisse zurechtzurücken. Denn die eigentliche Tragödie liegt darin, dass der Krieg uns von dem abhält, was wirklich drängt: den Klimawandel aufzuhalten und der Erde eine Zukunft zu geben.

    Auf www.literaturland-thueringen.de finden sich die Stimmen einiger Thüringer Schriftsteller und Schriftstellerinnen gegen den Krieg

  • Thüringer Verlagstage in Arnstadt

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 08.03.2022

    Vom 16. bis 19. März veranstaltet der Thüringer Kommunalverlag (THK-Verlag) in Arnstadt die "Arnstädter Verlagstage". Mit dabei auch drei meiner "Schützlinge": Zwei Bücher habe ich lektoriert, ein Autor kommt regelmäßig zu meinen Schreibworkshops.

    Veranstaltungsorte:

    • Arnstädter Buchkombinat, An der Weiße 18, 99310 Arnstadt
    • Schlossmuseum Arnstadt, Festsaal, Schlossplatz 1, 99310 Arnstadt
    • Ilmkreis-Center (IKC), Stadtilmer Str. 100, 99310 Arnstadt

    Meine Tipps:

    Am 17. März um 13 Uhr im IKC liest Rainer Franke aus: "Sieben Zwerge 2.0" (PROOF-Verlag Erfurt)

    Am 17. März um 14.30 Uhr im IKC liest Knut Wagner aus "Leben ohne Maske" (Verlag Kern, Ilmenau)

    Am 19. März um 11 Uhr im IKC liest Frank Stübner aus "Gut Runst!" (Verlag Kern, Ilmenau)

    Veranstaltungsorganisation: Thüringer Kommunalverlag, Frank Kuschel

    Mehr Infos:

    THK-Verlag

    Literaturland Thüringen

  • Heiße Säge: Heute fallen die Ulmen

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 18.02.2022 in Aktuell, Wege durch die Stadt

    Wieder müssen alte Bäume in der Weimarer Innenstadt gefällt werden: die uralten Flatterulmen in der Gropiusstraße

    Die Flatterulmen in der Gropiusstraße Weimar, Bild: Anke Engelmann
    Die Flatterulmen in der Gropiusstraße Weimar, Bild: Anke Engelmann

    Wie lange dauert es, bis ein Baum groß und kräftig ist? Und wie schnell wird er gefällt!

    Nachdem gestern durch den Sturm eine der uralten Flatterulmen an der Weimarer Jenaplanschule (Gropiusstraße) umgefallen ist, werden nun kurzerhand die anderen gefällt. Und das, obwohl sie den Sturm überlebt haben und also u.U. noch kräftig sind. Dem Artikel in der heutigen TLZ war nicht zu entnehmen, ob es ein Gutachten gibt und ob die Bäume tatsächlich eine Gefahr darstellen. Am besten, man fällt alle alten Bäume in der Stadt! Und ich lasse mir demnächst alle Zähne ziehen, weil das der beste Schutz vor Karies ist.

    Über die Stadtbäume in Weimar schreibe ich auf Literaturland Thüringen.

  • Zur Absage der Leipziger Buchmesse

    veröffentlicht von Anke Engelmann am 10.02.2022 in Corona, Lesen, Schreiben

    Meine erste spontane Reaktion: Wenn die großen Verlage die Messe boykottieren, ist es an der Zeit, die Verlage zu boykottieren! Aber dann habe ich noch einmal recherchiert: Es lag nicht an den Verlagen. Jedenfalls nicht nur.

    "Es geht nicht darum, ob ein einzelner Konzernverlag hier sagt, er macht nicht mit. Das wäre sehr bedauerlich gewesen, ohne diese Verlagsgruppe die Messe zu organisieren – aber das war kein Grund", sagt Buchmesse-Chef Oliver Zille im mdr-Interview. Viele Verlage hätten signalisiert, dass die Vorbereitungszeit zu kurz gewesen sei. "'Vorbereitungszeit zu kurz' heißt immer, mit wie vielen Leuten sie das vorbereiten." Viele Verlage hätten "Personalausfälle in Größenordnungen". "Die Leute sind krank beziehungsweise sie sind in Quarantäne und sie haben Angst, sich in Leipzig bei einem Großereignis anzustecken", sagte Zille. Also doch Corona.

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